Von Gerhard Paul

Von der Öffentlichkeit unbemerkt debattieren Historiker und Politologen seit einiger Zeit die Frage nach dem Beitrag von Denunziationen für das Funktionieren politischer Systeme. Die Diskussion über das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der ehemaligen DDR, der kürzlich angelaufene Film „Die Denunziantin“ (über jene Frau, die 1944 den entscheidenden Hinweis gab zur Festnahme Carl Goerdelers, eines Mitverschwörers des 20 Juli), aber auch die politischen Skandale der jüngsten Zeit geben dieser Debatte eine aktuelle Dimension. Sie werfen Fragen auf wie:

  • War das Dritte Reich entgegen dem Mythos vom allumfassenden Terror mehr eine Denunziationsgesellschaft als ein Überwachungsstaat?
  • Welche Rolle spielten die Denunzianten im System der DDR-Staatssicherheit?
  • Welchen Anteil haben Denunziationen bei der Aufklärung von Staatsschutzdelikten in der Bundesrepublik?
  • Warum können Beamte, Gewerkschaftsführer und Spitzenpolitiker vor Denunzianten in ihrer nächsten Umgebung nicht mehr sicher sein?
  • Driftet das vereinigte Deutschland in der Tradition seines historischen Vorläufers in eine Denunziationsgesellschaft ab?

Von der sittlich gerechtfertigten und begründeten Anzeige einer strafbaren Handlung unterscheidet sich die Denunziation durch die moralische Fragwürdigkeit der ihr zugrundeliegenden Motive. Ihr geht es weniger um die Aufklärung eines Verbrechens als um die Befriedigung primitiver Bedürfnisse, wobei die ungerechtfertigte Verdächtigung und Verfolgung des Denunzierten in Kauf genommen wird. „Die Unsittlichkeit der Denunziation kann sich aus den Beweggründen des Denunzianten (Verleumdung, Rachsucht, Erpressung) oder aus politischen Verhältnissen ergeben“, erklärt etwa der Brockhaus. Das letzte sei namentlich dann der Fall, wenn keine Rechtsgarantien für die persönliche Freiheit bestehen oder zum Beispiel in Diktaturen moralisch tadelfreie Gesinnungen und Meinungen unter Strafe gestellt sind.

Gleichwohl war und ist die Untugend der Denunziation keineswegs an Diktaturen gebunden. Wo immer innerstaatliche Feindbilder existieren, denunzierten sich Arbeitskollegen und Nachbarn, Konkurrenten und Freunde bei der staatlichen Obrigkeit. Das war im wilhelminischen Kaiserreich nicht anders als in der Weimarer Republik. Als bevorzugte Objekte der Denunziationslust mußten in der Regel politische, soziale und sexuelle Abweichler herhalten, die vermeintlich die Klassenherrschaft oder die nationale Einheit gefährdeten. Da die sozialen Milieus allerdings noch einigermaßen funktionierten und Solidarität noch kein Fremdwort war, wurde das Denunziantentum nie zum Massenphänomen, sondern blieb auf Einzelfälle beschränkt.

Erst im Dritten Reich avancierte die Denunziation zum zentralen Bindeglied zwischen Staatsapparat und Bevölkerung. Mit der forcierten und terroristisch erzwungenen Erosion der traditionellen Milieus gewann sie zugleich Massencharakter. Neuere historische Untersuchungen haben die gängige Vorstellung von der Gestapo als einer allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Zentralinstitution des NS-Herrschaftsapparates widerlegt und auf ihre strukturelle Abhängigkeit von der Denunziationsbereitschaft der „Volksgenossen“ aufmerksam gemacht. Zugleich haben sie den SS- oder Gestapo-Staat als Herrschaft einer skrupellosen Clique über das eigene Volk, wie er in Feiertagsreden und in Schulen oft beschrieben wird, als Geschichtsklitterung entlarvt. Die neuere zeitgeschichtliche Forschung begreift die Beherrschten nicht lediglich als Objekt von Herrschaft, sondern auch als aktive Teilnehmer und Unterstützer. Gestapo und SS erscheinen nicht länger als unbemerkt aus der deutschen Gesellschaft verschwundene soziale Enklaven, sondern auch als typische Produkte einer auf Konkurrenz und Entsolidarisierung, Milieuverfall und Individualisierung beruhenden Gesellschaft.

Der kanadische Historiker Robert Gellately konnte 1990 am Beispiel der Staatspolizeistelle Würzburg zeigen, daß die Gestapo keine detektivische Großorganisation, sondern eher eine der ständigen Aufgabeninflation und der eigenen Feindbildprojektion hinterherhinkende und überbürokratisierte Behörde war. Die Stapo-Stelle Würzburg – immerhin zuständig für ganz Unterfranken – verfügte lediglich über 28 Mitarbeiter. Die für das östliche Ruhrgebiet und das Münsterland verantwortlichen Stapo-Stellen Dortmund und Recklinghausen kamen 1935 einschließlich ihrer Außenstellen auf 76 beziehungsweise 61 Beamte und Angestellte, von denen die meisten nicht herumspionierten, sondern im Büro saßen.