Von Bartholomäus Grill

Lagos

Hundert Dollar? „Yes, Sir, hundert. Amerikanische Dollar“, sagt der Taxifahrer. „Hier ist Streik, Sir. Kein Benzin, kein Transport, rein gar nichts.“ Hundert Dollar sind nach offiziellem Umtauschkurs 2299 Naira. Dafür bekommt man in Nigeria fünf Paar Schuhe oder zwanzig lebende Hühner oder 3284 Liter Benzin. Nach zehn Minuten zähem Feilschen kostet die kurze Fahrt zum Hotel nur noch zwanzig Dollar oder vier Hühner oder 657 Liter Sprit.

Das Problem beim Treibstoff ist nur: Die Zapfsäulen in der Metropole Lagos sind versiegt. Wir zockeln an einer zwei Kilometer langen Autoschlange vorbei. An der Spitze des Staus eine Tankstelle, Hunderte von Kanistern, Blechkannen, zornige Kunden, nervöse Tankwarte, die mit Holzstecken herumfuchteln. Heute gibt es keinen Tropfen Benzin – und das in einem Land, das so viel schwarzes Gold fördert wie die Scheichs in Kuwait! Ein Ölrätsel sozusagen.

Der Chauffeur schimpft. „Es gibt nichts, weil wir von Oole regiert werden!“ Oole sind Diebe, Banditen. Sie verschieben im großen Stil Rohöl in die Nachbarländer, manchmal bis zur Hälfte der Tagesproduktion. Warum sollten sie es zum läppischen Literpreis von umgerechnet fünf Pfennig im Inland verkaufen, wenn sie in Benin oder Niger den zehn- bis zwanzigfachen Ertrag erzielen können? Eine halbamtliche Schmuggelmaschinerie besorgt dieses Geschäft. Schmiermittel sind genug vorhanden. An den Hebeln sitzen Zollbeamte, Soldaten, Manager und Politiker. Alle verdienen mit.

Nun soll der Mafia das Handwerk erschwert werden. Die Regierung beschloß, die Subventionen kräftig zu kürzen und den Benzinpreis um das Elffache zu erhöhen. Ein Schock für die Nigerianer, die sich daran gewöhnt haben, daß Sprit billiger ist als Leitungswasser. Sie legten aus Protest die Arbeit nieder. Weil die Preisexplosion mit einem politischen Erdbeben zusammenfiel, gab es doppelten Anlaß zum Generalstreik: Die Bürger fordern billiges Benzin und mehr Demokratie.

„Das Volk fühlt sich betrogen“, erklärt Malam Wada a Maida, der Chef der hiesigen Nachrichtenagentur. Da haben vierzehn Millionen am 12. Juni einen neuen Präsidenten gewählt. Und was macht der Militärherrscher? Er annulliert die Wahlen, weil ihm das Ergebnis nicht paßt. Er, das ist Ibrahim Badamasi Babangida, im Volksmund kurz „IBB“ genannt. Manche Zeitgenossen sprechen vom Staats- und Militärchef nur noch in der dritten Person. Er ist der Korrupteste unter den Korrupten. Er hat das Land ruiniert. Jetzt ist er weg, in die Wüste geschickt von seinen Kameraden. Die Bilder von ihm sind auch weg. Mister Maida hat Babangidas Portrait, das in seinem Büro über die richtige Dosierung der Nachrichten wachte, schnell abgehängt. Nur noch die Staubränder sind sichtbar.