Kino: „Und der Himmel steht still“Film am Tropf

Von Christiane Peitz

Das Billett 20 stammt von einer Dame. Sie bittet den jungen Mann mit der Blume im Haar an ihren Tisch. Leonard sucht den Ballsaal ab, sein nervöser Blick streift die Tische, die Sängerin auf dem Podest, die Paare auf der Tanzfläche. Erst sieht er nur ihre Hand, mit der Zigarette zwischen den Fingern. Und dann das Gesicht. Maria schaut freundlich, einladend. Und doch ist es ein Schock für Leonard, eine Erkenntnis, eine Entdeckung. Maria, das ist Isabella Rossellini, und nie ähnelte sie ihrer Mutter Ingrid Bergman so sehr wie in diesem Moment. Sie sitzt einfach da und greift die Hand des verlegenen Mannes, schön, jung, lebendig, als sei sie nie alt und krank und zum Mythos geworden, als gäbe es keine Vergangenheit und als wäre „Casablanca“ ein Film von morgen.

Szenenwechsel. Der Brite Leonard Marnham (Campbell Scott) trifft in Berlin seine Jugendliebe wieder, dreißig Jahre später. Wir sind im November 1989, mitten im Trubel um den Mauerfall. Wieder schweift sein Blick durch ein Lokal, wieder bleibt er hängen an einem jungen Gesicht, wieder verschlägt es ihm die Sprache. Die er da erblickt, ist Marias Tochter. Aber sie gleicht der Mutter kein bißchen, ist nicht einmal schön. Es gibt Augenblicke, die man nicht wiederholen kann. John Schlesinger hätte es wissen müssen.

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Zwischen diesen beiden Szenen liegt vages Halbdunkel. Berlin im Kalten Krieg der fünfziger Jahre, der „Operation Gold“ genannte Tunnelbau der Amerikaner, die angezapften Telephondrähte der Russen, das kaputte Kreuzberg, die zwielichtigen Lokale im Ostteil der Stadt, Alliierte und Agenten, die heftige Liebe, der Mord und das traurige Ende – alles, was Ian McEwan in seinem Roman „Unschuldige“ entwirft, kann man auf der Leinwand höchstens ahnen. Berlin bleibt ortlose Kulisse, jede Autotour durch die Stadt eine Fahrt ohne Ausblick. Im Roman finden sich authentische Schauplätze und recherchierte Historie. Im Film wird zwecks Definition von Raum und Zeit in der „Tunnel“-Kantine eine Jukebox aufgestellt. Hilflos irrt die Kamera umher, nie weiß sie, worauf sie das Augenmerk richten soll. Wenn Leonards amerikanischer Vorgesetzter Bob Glass seinen kräftigen Schulterschlag exerziert, sein breites „Okay“ an den Mann bringt und in rasantem Tempo Arbeitsplatz samt Belegschaft vorstellt, kippt die Ziellosigkeit in hektischen Aktionismus um. Anthony Hopkins als Glass macht nicht einmal gute Miene dazu.

McEwans Roman ist Kino pur: hellwach beobachtet, voller Suspense und Schockmomente. Beim Lesen gehen einem die Augen über. Leonard und Maria verloben sich, übermütig kehren sie in Marias Kreuzberger Wohnung zurück, albern, erregt. Aber in die Ausgelassenheit mischt sich ein leicht hysterischer Ton, ein Kicksen. Die Sprache überschlägt ihre Stimme, und der Leser ahnt: Gleich passiert was. Man möchte die beiden warnen, aber sie hören ja nicht. Wenig später werden sie Marias Ex-Mann Otto im Schrank entdecken, im Kampf werden sie ihn töten und seine Leiche zerstückeln. Danach ist die Logik dahin. Panik ergreift den Roman, die Sprache verwirrt, die Gedanken fliehen, die Bilder verzerren.

Im Film „Und der Himmel steht still“ bleiben Übermut, Panik und Schock bloße Behauptung. Der Drehbuchautor Ian McEwan hat den Romanautor um die unbeholfene Romantik der ersten Liebesnacht genauso geprellt wie um den Alptraum der Leichenbeseitigung. Leonards Initiation findet im Kino nicht statt. Keine kalte, schmuddelige Wohnung, keine Gerüche, kein Schweiß. Saubere Haut zwischen makellosen Leintüchern. Kinder spielen Fußball, Männer schieben Schachfiguren, eine Frau schält Kartoffeln. In Marias Wohnung wird derweil ein Toter zersägt. Klar, der Horror soll sich in den Köpfen des Publikums abspielen. Aber diese Rechnung geht nicht auf, wenn das, was die Phantasie beflügeln soll, ein Kostümfilm-Klischee bleibt: malerisches Hinterhofidyll. Danach hetzt Leonard mit seinen Koffern durch die Stadt, und der Film hechelt hinterher.

28 Millionen Mark hat diese Europroduktion gekostet, 28 Millionen für einen holprigen Spionagethriller, eine geschmäcklerische Hommage an den Mauerfall und eine konventionelle Romanze nach einem brillanten Roman. 28 Millionen für ein paar Stars in aufwendigen Babelsberg-Studiobauten (die solche Großproduktionen dringend benötigen) und für eine fahrige Bilderfolge, die Effekte zu erhaschen sucht und dabei jeden Affekt verpaßt. „Ich habe mir angewöhnt, nur noch großes Kino zu drehen“, sagt Altregisseur John Schlesinger. Deshalb wird die Handlung zum Ende so umgebogen, daß Leonards Abschied von Maria vor laufenden Flugzeugmotoren den „Casablanca“-Schluß plagiiert. Es ist wie mit dem Soundtrack: Wenn die großen Gefühle sich nicht einstellen wollen, werden Aufputschmittel bemüht. „Unschuldige“, der Film, ist Kino am Tropf.

Aber dieses Gesicht. Im Gesicht von Isabella Rossellini hat das Kino seine Unschuld zurückgewonnen. Einen Augenblick nur, eine atemberaubende Sekunde lang. Der Himmel stand still. Dann war es vorbei.

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