Richard Stern: Charleys VermächtnisChicago forever

Chicago ist das wirkliche Disneyland der Nation, „Oberammergau mit echten Nägeln.“ Chicago muß eine seltsame Stadt sein, ein Ort zum Verrücktwerden, die Geschichten von Richard Stern lassen diesen Schluß jedenfalls zu. Richard Stern: 1928 geboren, er lehrt und schreibt seit mehr als dreißig Jahren in Chicago, und er schreibt wunderbare Geschichten, in denen ein gut Teil des Personals mit aller Macht aus Chicago rauswill. Und weil ja im Grunde überall Chicago ist, im Kopf, im Büro, auf dem Tennisplatz und selbstverständlich in der Ehe, spielt es am Ende auch keine Rolle mehr, ob seinen Figuren die Flucht je gelingt oder nicht. Natürlich gelingt sie nie.

„Charleys Vermächtnis“ heißt Sterns etwas späte deutschsprachige Premiere, und sie findet statt mit einer Auswahl von achtzehn überwiegend vorzüglichen Stories (aus dem Amerikanischen von Liliane Faschinger; Residenz Verlag, Salzburg; 276 S., 45,– DM).

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Daß die Geschichten meist harmlos beginnen, in gefaßter Erzählweise, gehört zu ihrem Charme; scheinbar übersichtliche Verhältnisse, allenfalls erträglich verschroben, aber man könnte sich darin einrichten – käme nicht ständig ein Winziges hinzu, eine der leichten Unerträglichkeiten des Seins. Irgendwann muß dann die Summe der kleinen Kalamitäten auf den Kippschalter drücken, und schon geraten Bill, Joey oder Winnie ins Rutschen und Strudeln, es ist, als würden sie von der Leine gelassen, um eine Lawine loszutreten. Stern liebt es, seine Geschichten als Krisenprotokolle zu inszenieren, und es gelingt ihm auf witzige Weise, im souveränen Rhythmus von Ausbreiten, Raffen und Aussparen, mit Finten und viel Hintersinn jede Hoffnung auf ein Happy-End abzuwehren.

Martin Zingg

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  • Quelle DIE ZEIT, 1.10.1993 Nr. 40
  • Schlagworte Chicago | Disneyland | Ehe | Geschichte | Hoffnung | Lawine
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