Eine Geschichte, so gewöhnlich wie eine Tüte Pommes mit Ketchup. Zwei Zeci- und Spielbrüder und rechte Einfaltspinsel unternehmen die Traumreise ihres Lebens, die sie aus einem namenlosen flämischen Nest nach Las Vegas führt. Dabei verlieren Michel und Jaak ihre Träume, ihr Geld, ihre Freundschaft und sonst noch mancherlei. Am Ende bleibt Jakobs Verlangen ungestillt und sein Platz in der Stammkneipe "Einhorn" leer. Das letzte Bier in diesem Roman geht an den Hund .

Hugo Claus, der flämische Romancier, Dramatiker und Maler, bei uns bekannt geworden durch sein Großwerk "Der Kummer von Flandern", erzählt diese gewöhnliche Geschichte dir ind mir, ja, Meneer, auch Dir, in kurzen Sätzen und mit allerlei Apropos, wie halt so erzählt wird be:m Bier im "Einhorn" und anderswo. Poetisch sind allenfalls die Namen seiner Helden, das übrige ist ziemlich banal.

Felix der Kater ist Friseur, "Frisör" Valere der Taube hört sehr gut. Und Schulmeister Verbist ist gar keiner, diesem "Windei in Jeans" würdj in der ganzen Gemeinde keiner seine Kinder anvertrauen. Warum Gerard "die Flöte" getauft wurde, ist uns gleich wieder entfallen und spielt Eür den Gang der Geschichte so wenig eine Rclle wie Markskes welker Lorbeer als Radrennfahrer. Dafür hatte der einmal heimlich was mit Jakobs Tochter Didi, und die ist davon irre und blöde geworden. Was da genau geschah, Hugo Claus verrät es uns nicht. Die Katastrophe lauert bei ihm woanders, nicht im Ereignis, sondern im trägen Strom der Gewohnheit.

Als Jaak, diese einhundertzehn Kilo measchenfreundliches Unglück, sich im geschmacklosen Hotel "Circus Circus" in Las Vegas endlich einen Reim auf manche Andeutung machen kann und seine Wut am Lockenkopf eines gepuderten Tänzers ausläßt, Schädelbasisfraktur, der Junge wird nicht durchkommen; als also Jaak down and out in der Beziehungen eines windigen Laienpiedigers und Croupiers über die Grenze retten muß, da ist das mitnichten der aufregende Höhepurkt, auf den ein weniger kunstvoller Schriftsteller die Handlung getrieben hätte.

Den Autor von "Jakobs Verlangen" reizte weniger das Aufregende als das Alltägliche. Hugo Claus erweist sich als ein Artist des Banalen, der sich mit ein, zwei flinken Sätzen seine Szene schafft, in Flanderns Einöde wie im tristen Glitzern von Las Vegas, und sie mit einem Personal bevölkert, das, kaum vorgestellt, schon altvertraut wirkt. Je grauer die Welt, um so glanzvoller dieser Stilist des Beiläufigen, den Rosemarie Still souverän übersetzte (und wie beharrlich der 64jährige Flame seine Kunst pflegte und entwickelte, belegt der Band "Die Leute von nebenan" aus dem Aachener Alano Verlag, der drei Erzählungen aus drei Jahrzehnten bündelt).

Mit seinen Helden von der traurigen Gestalt verbindet Hugo Claus kein Mitleid, allenfalls eine abgründige Sympathie. Nichts an ihrem Tun und Trachten erscheint dem Auge ihres Schöpfers als verwerflich. Schließlich ist auch der Himmel über Kalifornien nicht blau wie auf den Ansichtskarten, sondern schmutziggrau. Die Verheißung sinkt in sich zusammen. Der Dunst des "Einhorns" hat sie wieder: Ob große Reise oder kleine Fluchten, Jaak und Michel sitzt er einfach in der Haut. Der schale Geschmack im Mund dieser Helden ist alles, was ihnen vom Duft der großen, weiten Welt bleibt.

Ein Roman verlorener Illusionen ist "Jakobs Verlangen", auch wenn es dem Ausbruch aus dem flämischen Nest am großen Ehrgeiz und an der wahren Gelegenheit mangelt. Was suchten die beiden überhaupt in der Neuen Welt? Doch nur Dinge wie Sex und Spiel, kurz, ihre kleine Welt ein paar Nummern größer. Statt Rami Whist eben Black Jack, statt zensiertem Playboy halt einen harten Porno. So wünschen sie sich zur Gewöhnlichkeit die Wonne hinzu und müssen erleben, daß auch in L A und Vegas der Frust immer einen Schritt schneller ist.

Jakobs Verlangen stößt ins Leere, er hat sich etwas vorgemacht. Kommt öfter vor. Doch mit der Enttäuschung verfliegt auch die Täuschung: Die Tafelrunde im "Einhorn" verband nur eine Kumpanei der Karten. Die Wärme dort war Mief, jeder Schwank übertönte eine Lebenslüge. Die Scherze dieser bravbürgerlichen Glücksritter sind platt, ihre Launen bitterernst. Michel fummelt mit seinem Hitlerjugehddolch vor dem Schlafzimmerspiegel herum. Doktor Verbraeke "geht manchmal nachts als mondäne Tänzerin verkleidet durch die Straßen, auch wenn gerade nicht Karneval ist". Und der steinreiche Salamifabrikant Salome stellt Pfadfindern nach. An einer Frau zählt für diese feixende Männerrunde nur, was sie zwischen den Beinen hat.

Hugo Claus schönt in seinem Sarkasmus nichts, das liest sich stellenweise so obszön, wie es diese Zocker hinwerfen. Dabei geht er freilich nicht so alttestamentarisch vor, wie das die vier Zitate aus der Genesis nahelegen, die Claus seinem Roman voranstellt. Er richtet nicht, das wäre viel zu dramatisch für diese uralte Allerweltsgeschichte. Am Ende geht alles weiter seinen Gang, Gewiß, Jakob ist umgezogen. Merkwürdig, hat nicht einmal au es. Wir sitzen hier doch schön im Warmen und Trockenen, nicht wahr, Meneerl" Noch ein Pils. Für den Hund.

Roman; aus dem Niederländischen von Rosemarie Still; Klett Cotta Verlag, Stuttgart 1993; 200 S, 34 - DM