Von Klaus Harpprecht

Es könnte wohl sein, daß die gefährlichste Heimsuchung, die Toni Morrison auf ihrem Weg zur Stockholmer Ehrung zu bestehen hatte, der offene Brief war, den achtundvierzig schwarze Schriftsteller im Januar 1988 der New York Times Book Review übergaben: unter ihnen Maya Angelou, die im Januar dieses Jahres bei der Vereidigung Bill Clintons als poetria augusta auf der Tribüne vor dem Capitol stehen durfte – nach Herkunft, Temperament, dem Reichtum ihrer Natur und ihrer Gaben Toni Morrisons wahre Schwester. Neben der Dichterin hatten die Essayistin Paula Giddings, die Romanciers John Wideman, John A. Williams, Henry Louis Gates und der Dramatiker Imamu Amin Baraka, der einst LeRoi Jones hieß, ihre Namen unter jenes Dokument gesetzt, das – wie so viele Bekundungen des guten Willens und der gerechten Empörung – von Zügen der Peinlichkeit nicht frei war.

Die Autoren beschwerten sich darüber, daß die Jury, die den National Book Award zu vergeben hatte, sich nicht dazu entschließen konnte, Toni Morrisons Roman „Beloved“ mit dem begehrten Preis auszuzeichnen: ein „Versehen und eine Schaden stiftende Caprice“, wie sie sagten, die einige Rätsel aufgaben, da der Roman in die engere Wahl gezogen war: zu Recht, weiß Gott. Michiko Kakutani, die bedeutendste Kritikerin der Times, hatte dem Buch attestiert, daß „seine Charaktere, wie jene in der Oper oder im griechischen Drama, größer als das Leben“ seien und „ihre Handlungen dazu neigten, uns wie Darbietungen antiker Rituale und Passionen“ in ihren Bann zu schlagen. Die Bewunderung, die dem Buch zuteil wurde, wog doppelt und dreifach, da die Verfasserin der Rezension – eine Amerikanerin japanischer Herkunft – keineswegs auf die sogenannte Frauen- und Minderheiten-Literatur spezialisiert war, sondern ihre Aufmerksamkeit lieber den englischen Autoren des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zuwandte, zumal den Intellektuellen und Künstlern von Bloomsbury.

Mrs. Kakutani hatte freilich auch geschrieben, im Herzen des Romans von Toni Morrison vollziehe sich eine Tragödie, die „so brutal und verstörend“ sei, daß „sich die Zeit davor und danach zu einer einzigen unveränderlichen Linie des Schicksals verkrümme“. Die deutschen Leser des Buches, das bei uns unter dem Namen „Menschenkind“ erschien, haben wohl kaum vergessen, daß Sethe, die vor dem weißen Terror der Jahre nach dem Bürgerkrieg von Kentucky nach Ohio geflohen war, den Hals ihrer zweijährigen Tochter mit einer Säge durchschnitt, weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, daß dem Mädchen geschehe, was ihr selber widerfahren war: „Die Weißen konnten sie, wenn es denn sein mußte, in den Dreck ziehen, aber nicht das Beste, das sie hatte, das Schönste, das Zauberische – den Teil ihres Wesens, der rein war.“

Die gutmeinenden Damen und Herren in New York, die über den offiziellen Buchpreis der Nation zu entscheiden hatten, mochten vor der Konsequenz, zu der Toni Morrison das Hauptgeschöpf ihres Buches trieb, ängstlich zurückgeschreckt sein. Vielleicht hielten sie sich an der Widmung des Romanes auf, die mit den lapidaren Worten „sechzig Millionen und mehr“ auf die Opfer der Sklaverei wies: eine unfaßbare Zahl, die von schwarzen Historikern mitunter auf zweihundert Millionen multipliziert wird – die eine wie die andere Ziffer unbeweisbar und nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit mit irrationalem Horror übertrieben. Als wären zehn oder fünfzehn Millionen, die in Amerika und Afrika zu Tode geschunden wurden, nicht Entsetzen genug! Die Dimension dieses Verbrechens, das zu den düstersten Kapiteln in der Geschichte der Menschheit zählt, mußte freilich aus komplizierten und unguten Gründen das grauenhafte Ausmaß des Mordes an den Juden übertreffen.

Toni Morrison hatte Anlaß, durch den Appell der achtundvierzig schwarzen Schriftsteller und Journalisten tief beunruhigt zu sein. Sie durfte die noble Geste der Solidarität nicht zurückweisen. Zum andern wußte diese kluge Frau gut genug, daß es für ihre Reputation, ihre Karriere, womöglich auch für ihre kreative Freiheit fatal wäre, ließe sie sich von der Volksgruppe, der sie entstammt, als Autorin beschlagnahmen.

Sie schrieb, von Beginn an, über schwarze Menschen und ihr Dasein, ihre Geschichte, ihr Elend, ihre Leidenschaft, ihre Liebe, manchmal auch – die Chance bot sich selten – über ihr Glück. Die Welt der Weißen wird, wie Matthias Wegner sagte, in ihren Büchern „allenfalls als ferne Schattenwelt sichtbar“. „Ich sehnte mich niemals nach einer sozialen Integration“, sagte sie eher herb, „höchstens nach einem Ort, an dem ich beim Einkaufen pinkeln durfte.“ In dem Städtchen Lorain in Ohio, in dem sie aufwuchs, seien für sie die „einzig wahrhaft interessanten Leute“ die Schwarzen gewesen. Dennoch fügte man ihr das bitterste Unrecht zu, würde ihr Werk in die Nische der „schwarzen Literatur“ gepfercht – falls sie nicht nur einer Theorie der Verlegenheit und der Notwehr entspricht: Produkt eines negativen Rassismus, der unter der ideologischen Standarte „politischer Korrektheit“ der Gesellschaft Amerikas einen neuen und grundgefährlichen Separatismus aufzuzwingen versucht.

Toni Morrison wandte sich in ihren Büchern niemals nur der Leserschaft zu, die vor einem Jahrzehnt noch darauf bestand, „schwarz“ genannt zu werden, auch wenn ein guter Teil ihrer Menschen so olivhäutig wie Sizilianer oder Portugiesen sein mochten. Stets schrieb sie auch für ein weißes Publikum, das womöglich den größeren Anteil an ihren Erfolgen hatte. Sie bestand darauf, ganz zu Recht, daß sie nicht nur als Zeugin schwarzen Lebens zur Kenntnis genommen, sondern nach der Qualität ihres Stils, der Fülle und der Essenz ihrer Sprache, der Vitalität ihrer Phantasie, der Kraft ihrer Erzählung, der Kunst ihrer Komposition beurteilt werde. Mit einigem Unbehagen bemerkte sie zu der Polemik, die der Aufruf der achtundvierzig aufflammen ließ, der Roman „Beloved“ habe eine „außerliterarische Verantwortung“ auf sich gezogen, für die er niemals gedacht gewesen sei. Ralph Ellison, Verfasser des unvergeßlichen „Invisible Man“, hat sich denn auch geweigert, den Appell zu unterschreiben: Toni Morrison, erklärte er, brauche diese Art der Unterstützung nicht, so gut auch die Absicht sei. Sie könne mit den besten Schriftstellern konkurrieren, woher sie auch stammten. Er fügte hinzu: „Schaut nur, wie lang es einst gebraucht hat, bis Hemingway und Faulkner die Preise gewannen, die ihnen zukamen.“ Ellison machte darauf aufmerksam, daß ihm niemals der Pulitzerpreis zugefallen sei, den manche auch Toni Morrison so beharrlich zu verweigern schienen, wie die achtundvierzig klagten.

Das war der Test: Würden die Mitglieder der Jury, die jene Auszeichnung zu vergeben hatten, der öffentlichen Pression widerstehen, die eine neue Phase im Kulturkampf zwischen Schwarz und Weiß zu annoncieren schien? Würden sie es für angebracht halten, der bedeutendsten schwarzen Autorin des Landes den Rücken zu kehren, um zu beweisen, daß sie nicht gewillt seien, sich dem Druck von außen zu beugen? Oder würden sie auf ihrer Unbefangenheit bestehen, die es ihnen – trotz allem – erlaubte, nach Verdienst und literarischen Kategorien zu urteilen?

Toni Morrison bekam den Preis. Sie sagte erleichtert, die Ehrung sei ihr gegen den Ansturm allen „Klatsches“ und aller „Spekulation“ zugesprochen worden. Dennoch, der Konflikt schien sie so rasch nicht aus seinem Bann zu entlassen. Ein gutes Jahr später – sie hatte längst mit der Niederschrift des Romans „Jazz“ begonnen – gab sie einem Reporter von Time Magazin ein Interview, das ihre Anhänger als eine Art Schlachtruf in dem kulturellen und sozialen Grabenkrieg; betrachten mochten, der mit der Proklamation der „political correctness“ begonnen hatte. Ohne Aufenthalt verstieg sie sich zu der fragwürdigen These, daß die Schwarzen Amerikas stets als „Puffer zwischen den Mächten gebraucht“ worden seien, um „andere Arten von realen Bränden“ in der Gesellschaft zu verhindern. Sie rief: „Wenn es keinen schwarzen Menschen in diesem Lande gäbe, wäre es balkanisiert worden. Die Emigranten hätten sich gegenseitig erwürgt“ – gegenüber den Menschen anderer Hautfarbe hätten sie wenigstens gemeinsam empfinden können, daß sie so nicht seien. Die „Entwicklung zum Amerikaner“ basiere auf dem „Ausschluß der Schwarzen“.

Diese Behauptung, die für den Süden des Landes in begrenzter Weise zutreffen mochte, galt gewiß nicht für Neuengland, nicht für den Mittleren Westen, nicht für den Westen, auch nicht für die Industriestädte vor dem Anbruch unseres Jahrhunderts. Toni Morrison, nach dem Engagement so vieler Juden in der Bürgerrechtsbewegung und der Ursache des schwarzen Antisemitismus befragt, antwortete mit der erstaunlichen Feststellung, viele Schwarze seien davon überzeugt, daß die Juden in Amerika zum guten Teil „weiß“ geworden seien. Wörtlich: „Sie verhalten sich eher wie Weiße und nicht wie Juden.“

Vermutlich meinte sie, daß sich die Mehrheit der amerikanischen Juden der Mittelklasse des Bürgertums zurechnete, doch es fällt schwer, den implizierten Rassismus ihrer Äußerung zu übersehen. Er hätte sich rasch offenbart, wäre es dem Mitarbeiter von Time eingefallen, auf den schwarzen Mittelstand zu verweisen, der seine eigenen Interessen behauptet. Er hätte auch danach fragen können, wie es um die Abertausende junger Leute protestantischen Glaubens, englischer oder deutscher, skandinavischer oder italienischer Herkunft bestellt sei, die sich Jahr um Jahr in den Dienst des Kampfes um die Gleichberechtigung der Schwarzen gestellt hatten. Die Autorin stand auch nicht an, für die wachsende Gewalt in den Schulen und den Straßen die „Komplizität“ der Männer und Frauen verantwortlich zu machen, die für das Bildungswesen und für die Städte verantwortlich waren. Der geduldige Interviewer fand, daß diese Anschuldigung starker Tobak sei.

Der Zorn der Schriftstellerin nährte sich, kein Zweifel, aus Unsicherheiten, die durch die Debatte über ihren Rang in der Literatur des Landes berührt worden waren. Sie selber versuchte in Wirklichkeit nie, aus der Welt zu reden, daß sie von der Tradition der großen Epen Amerikas und Englands so tief geprägt worden war wie von den magischen Fabeln, die in den Küchen der Mütter und Großmütter erzählt wurden, den Mythen und den tausend Geschichten, die sich in solch böser Dunkelheit verlieren oder so märchenhaft hell aufleuchten konnten.

John Irving, der Autor von „Garp“, wies nach der Lektüre von Toni Morrisons karibischer Erzählung „Tar Baby“ auf Thomas Hardy. Sie selber fühlt sich William Faulkner näher, über den sie an der Cornell University – eine der Eliteschulen des Landes – ihre Diplomarbeit schrieb. Der Rhapsode der „Yoknapatawpha“-Saga war, diesen Satz darf man wagen, die machtvollste und poetischste Stimme, die Amerika in diesem Jahrhundert gefunden hat. Seine Prosa gewann ihre zauberische, ihre zarten und oft so violenten Energien auch aus der Öffnung seiner Sprache für das Englisch, das unter den schwarzen Geschöpfen des Südens gesprochen wurde – wie umgekehrt Toni Morrisons Stil ohne das Erbe der amerikanischen und europäischen Meister nicht denkbar wäre. Sie mag darauf bestehen, daß noch immer ein Abgrund zwischen den Schwarzen und Weißen Amerikas klafft, der nur in lebenslanger Mühe zu überbrücken ist. Doch es läßt sich nicht aus der Welt reden, daß sie auf der Brücke wohnt. Dort findet – ob sie will oder nicht – eine Art Integration statt. Dort ist sie – von Buch zu Buch – zum Friedensschluß zwischen dem schwarzen und dem weißen Erbe gezwungen, die sie beide durchs Leben trägt. Sie kämpfte niemals für „The Fire next Time“ – diesen Text der radikalen Predigt James Baldwins, der eine schwarze Variante der chiliastischen Verkündigung von „fire and brimstone“ durch die protestantischen Evangelisten war.

Toni Morrisons Karriere läßt sich eher als eine produktive Konfrontation mit der Welt der Weißen beschreiben: von ihrem Lektorat in dem großen Verlag Random House, in dem sie den Büchern ihrer afroamerikanischen Kollegen den Weg bahnte, bis zur Professur in Princeton, wo sie Seite an Seite mit ihrer weißen Nachbarin Joyce Carol Oates – auch sie eine Tochter William Faulkners – Literatur und Creative-writing lehrt. In einem bemerkenswerten Essay wies sie eine Kampagne der schwarzen Lobby zurück, die den Namen des „Nigger Jim“ aus Mark Twains „Hucknicht das Buch überhaupt verbieten wollte. Toni Morrison sagte, wenn man dieses eine Wort streiche, falle das ganze Buch in sich zusammen: Es sei wichtig, daß Huck, das Waisen- und Straßenkind, die Nähe eines erwachsenen Mannes finde, dem er sich überlegen fühle: Er brauchte den entlaufenen Sklaven, den „Nigger“. Sie hätte hinzusetzen können, daß man Bücher ermorde, wenn man sie einer „ethnischen Säuberung“ unterzieht: Man könnte sie auch gleich auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Der Autor dieser Betrachtung, der in seinen langen Amerika-Jahren in enger Verbindung mit schwarzen Freunden gelebt hat, notierte nach der Lektüre des Romans „Song of Solomon“ im Jahre 1977, die schwarzen Familien, die Toni Morrison in jenem Buch geschildert hat, ließen sich mit den Sippen deutscher oder polnischer Kleinbauern vergleichen, die nach der Aufhebung der Leibeigenschaft in die Städte des europäischen Westens drängten: Die Parallelen seien erstaunlich, und sie würden durch die Veränderungen der technischen Umwelt, die sich im Gange eines Jahrhunderts vollzogen, keineswegs annulliert. Die Autorin habe Grundmuster menschlichen Verhaltens bloßgelegt, die hier wie dort die Realitäten bestimmten. Eine Erscheinung wie die „Tante Pilatus“ – die den Namen des Landpflegers durch ihr Leben tragen mußte, weil auf ihn der Zeigefinger des analphabetischen Vaters in der aufgeschlagenen Bibel fiel – sei am Rand von Kirchheim Unter Teck oder von Rendsburg in Schleswig-Holstein sehr wohl anzutreffen gewesen: eine „Mother Earth“, die man für eine Zauberin oder eine Hexe halten mochte – eine der Frauen, in denen eine Natur von ungebrochener, vielleicht auch dämonischer Sinnlichkeit wach sei, doch die zugleich uralte und magische Weisheiten hüteten. Der Chronist glaubte sich aus seiner Kindheit an Gestalten wie Macon Dead Senior zu erinnern, die alle Katastrophen ihrer Jugend durch einen harten und rücksichtslosen Aufstieg auszulöschen versuchten. In Dead Junior, dem „Milkman“ mit dem verkürzten Bein, begann sich – wie bei manchen seiner Schulkameraden in der ländlichen Kleinstadt – die Vitalität des Vaters sensibler auszuprägen. In einer der Schwestern, die zum Schicksal der „späten Mädchen“ verurteilt zu sein schien, sah er seine Klavierlehrerin wieder; auch sie hörte auf einen biblischen Namen, obendrein im Plural: Die „Korinther“ hieß sie, nach dem Brief des Apostel Paulus.

Milieu und Personal der Bibel – eher des Alten als des Neuen Testaments – sind auch in Toni Morrisons Roman mit der Realität der schwarzen Lebenswelt aufs innigste verschmolzen. Sie öffneten dem Leser aus dem schwäbischen Pfarrhaus den Zugang zu jenem Buch, und sie gewährten ihm die Sensation des Wiedererkennens, die allemal den Zauber der großen Literatur ausmacht: die Entdeckung einer tiefen Vertrautheit, die das respektvolle Staunen vor der Fremdheit nicht aufhebt – es braucht beides. Die Gestalten Toni Morrisons wurden ihm zu Nachbarn, die er selber in der mythischen Erfahrung der Kindheit durchwandert zu haben meinte.

Damals fiel der Blick von Toni Morrisons Buch hinüber zu Alex Haley, der mit seinen „Roots“ die Geschichte der Schwarzen so triumphal ins Bewußtsein Amerikas gerückt hatte, des schwarzen und des weißen. Jener Autor, dem wir auch die Biographie von Malcolm X verdanken, hatte ein Stichwort gegeben, das eine Grundwelle lang gestauter Emotionen freisetzte. Toni Morrison aber brauchte sich – anders als Haley – keiner Kunstfiguren und historischer Abziehbilder zu bedienen. Sie verfügte über die kreative Energie, die es ihr erlaubte, Menschen zu schaffen.

Nein, sie predigte keinen schwarzen Separatismus. Sie konnte – und wollte? – in ihren Büchern nicht verleugnen, daß die schwarzen und weißen Kulturen Amerikas, über alle Klüfte hinweg, in einem engen und unlösbaren Geflecht miteinander verbunden sind. Durch das Werk ihrer sechs Romane ist es ihr geglückt, „schwarzen Büchern“ den Rang zu sichern, den vor ihnen die Bücher jüdischer Autoren, nach und mit ihnen die Bücher von Schriftstellern asiatischer Herkunft eroberten: Darum mußte – nach Saul Bellow und Isaac Singer – auf sie die Wahl des Nobelpreiskomitees fallen – auf sie und nicht auf Joyce Carol Oates, die Dichterin irisch-ungarischer Herkunft, die Toni Morrison in vielen Zügen verwandt ist.

Die Damen und Herren des Stockholmer Clubs bestätigen durch ihre Entscheidung, daß^sich die Literatur der Vereinigten Staaten mehr und mehr aus der künstlerischen Vielfalt der Minoritäten nährt. Sie hört darum nicht auf, amerikanisch zu sein – im Gegenteil: Sie fängt an, den Reichtum Amerikas mit einer neuen Dynamik auszuschöpfen. Niemals wird sie sich von dem Urgrund lösen können, der von der Sprache Shakespeares und der Prediger des 18. Jahrhunderts, vom Geist der Gründerväter und vom Überlebenswillen der Pioniere so klar bestimmt ist wie vom Leiden der Sklaven und vom Elend der Indianer.

Mit „Jazz“, dem letzten Roman aus dem Milieu Harlems in den zwanziger Jahren, trieb Toni Morrison ihre Erzähltechnik und ihren Stil zu eigenwilliger Besonderheit an. Es mag sein, daß sie damit eine „afroamerikanische Literatursprache“ erfand, wie ihr von der Kritik bescheinigt wurde. Wenn es so wäre, hätte sie Anlaß, auf ihrem Weg einzuhalten: Eine schwarze Literatursprache, wenn es sie gäbe, zeigte den Rückzug aus dem großen und gemeinsamen Haus der amerikanischen Literatur an, das so viele Wohnungen hat. Ihr Einfluß reduzierte sich auf die Wirkung, die der plattdeutschen oder schweizerdeutschen Dialekt-Dichtung in unseren Breiten zukäme. Eine gewisse Monotonie, die sich aus der oft übersteigerten Bildhaftigkeit in dem expressiven Gemenge der Worte in „Jazz“ ergibt, annonciert in der Tat eine Gefahr, die Toni Morrison bisher stets zu bannen vermochte.

Sie wird – 62 Jahre alt – kaum bereit sein, die Fülle ihrer künstlerischen Mittel, die sie bisher mit solch wacher Strenge kontrollierte, einem ideologischen Anspruch zu opfern. Die Literatur ist ihr Leben. Der Tochter ihrer irisch-katholischen Kollegin Mary Gordon schenkte sie zur Taufe die „Geschichten aus Tausend und einer Nacht“. Als Widmung schrieb sie in das Buch: „Das sind Geschichten, die eine Frau erfunden und erzählt hat, um ihr Leben zu retten.“ Darum geht es. Auf schwarz und auf weiß.

Lieferbare Bücher von Toni Morrison:

  • Menschenkind, Roman 1989
  • Sehr blaue Augen, Roman 1979
  • Solomons Lied, Roman 1986
  • Sula, Roman 1980
  • Teerbaby, Roman 1983
  • Jazz, Roman 1993

Alle Titel sind beim Rowohlt Verlag, Reinbek, erschienen