Frankreich: Die Kinoindustrie hängt am Tropf des Staates: Überleben durch die Quote
Von Ludwig Siegele
Als die Polizei endlich ausrückte, war es schon zu spät: Gegen drei Uhr nachmittags blockierten Kamerateams mit ihren Lastern den Boulevard Saint-Germain im sechsten Pariser Arrondissement am Place Odeon. Angeführt von Gérard Depardieu und Isabelle Huppert stürmten Hunderte von Technikern und Schauspielern die dortigen Kinos, rissen die Filmrollen amerikanischer Kinostreifen wie „Jurassic Park“ an sich und verbrannten sie auf der Straße.
Die Szene wird es wohl nie geben, außer vielleicht im Film. Aber von gewalttätigen Demonstrationen abgesehen, ist Frankreichs aktuelles Ringen um seine Kinoindustrie ein Remake der Verteidigung seiner Landwirtschaft: Bei beidem geht es vor allem auch um handfeste ökonomische Interessen. „Ob Kultur oder Agrikultur – es ist der gleiche Kampf“, meinte kürzlich der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang.
„Es ist ja nicht ein sterbender Wirtschaftssektor, für den wir uns stark machen“, schrieb sein konservativer Nachfolger Jacques Toubon Ende September in der Tageszeitung Le Monde. Tatsächlich hat Frankreich die größte Filmindustrie Europas und ist die Nummer zwei weltweit: Die französische Bilderbranche produzierte im vergangenen Jahr Filme für fast drei Milliarden Mark und drehte 113 Kinofilme – doppelt soviel wie die Bundesrepublik.
Die beachtlichen Zahlen sind vor allem das Ergebnis eines weltweit einmaligen Filmförderungssystems: Projekthilfen, Unterstützung für Produzenten, Geld für den Vertrieb, Spenden für Filmlabors, Mittel für Kinos... – nur der Zuschauer hat keinen Subventionstopf beim Centre National de la Cinematographie (CNC). Im vergangenen Jahr verteilte die 1946 gegründete Kinobehörde über 500 Millionen Mark, davon fast die Hälfte für die Filmproduktion.
Das System ist nicht nur aufwendig, sondern auch undurchschaubar: „In ganz Frankreich gibt es nur zwei Dutzend Leute, die die Regeln richtig verstehen“, amüsiert sich René Bonneil, Direktor von Studio Canal Plus, dem Kinoableger des gleichnamigen französischen Pay-TV-Kanals.
Wer in Frankreich einen Film machen will, muß sich zunächst an das CNC wenden. Ist es nicht der erste Streifen, dann gibt es je nach Erfolg automatisch Geld aus dem „Unterstützungskonto“ – gespeist durch Abgaben auf Eintrittskarten und Videokassetten sowie von Fernsehanstalten. Gefällt das Projekt der zuständigen CNC-Kommission, dann werden auch noch die erwarteten Einnahmen teilweise vorgeschossen. 1992 kassierten die Produzenten so über neunzig Millionen Mark.



