Von Frank Nordhausen

Hugo Stamm hat sich eingebunkert, er hat Türen und Fenster gesichert. „Ich wurde regelmäßig und offen beschattet“, erzählt er, „ein Unbekannter hat mich nach einem Vortrag zusammengeschlagen. Ich muß mich schützen.“ Hugo Stamm ist Redakteur beim Tages-Anzeiger in Zürich. Sein Spezialgebiet sind Sekten und Weltanschauungsgemeinschaften, etwa die gefährliche Scientology-Organisation. Doch eine Gruppe setzt ihm zu wie keine andere: der „Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis“ (VPM) – eine rechte Psychosekte.

Der „psychologische Fachverband“ aus Zürich ist in der Schweiz bekannt für rabiate Auftritte, Diffamierungen und eine unglaubliche Prozeßwut. Inzwischen wird das Kürzel VPM auch in Deutschland gefürchtet. In den vergangenen Monaten ist die Gruppe sehr aktiv geworden.

Ins Fadenkreuz einer häßlichen Rufmordkampagne geriet in diesem Sommer Monika Schipmann, seit 1986 Sektenbeauftragte des Berliner Senats. „Einen solchen Fanatismus habe ich noch nie erlebt“, sagt sie, „ich soll mundtot gemacht und eingeschüchtert werden.“ Der VPM will verhindern, daß die Berlinerin so etwas wie eine Bundes-Sektenbeauftragte wird. Denn Monika Schipmann setzte sich mit Nachdruck dafür ein, den Verein in die neue Sektenbroschüre des Bundesjugendministeriums aufzunehmen.

Kaum waren diese Pläne bekannt geworden, erhielten Bundestagsabgeordnete bündelweise „Informationsmaterial“. Pressekonferenzen versprachen „hochbrisante Enthüllungen“. Eine bis dahin unbekannte „Konservative Sammlung“ leistete Schützenhilfe, nannte Frau Schipmann „RAF-Sympathisantin“ und verschickte eine Broschüre, in der sie – ohne den Schatten eines Beweises – in die Nähe von Terroristen gerückt wird. Hochtrabender Titel: „Der marxistische Betrug mit dem Sektenbegriff“.

Die Vorgänge um Stamm und Schipmann sind keine Einzelfälle. So wurde der Sektenexperte Hansjörg Hemminger von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen als „Linksradikaler“ verleumdet, nachdem er den VPM in einer Broschüre eine „Weltanschauungsgemeinschaft mit psychologistischer Ideologie“ genannt hatte.

„Wer kritisch über den VPM redet oder schreibt, wird verklagt“, sagt Hugo Stamm. Ein Dutzend Prozesse muß allein der Schweizer Journalist zur Zeit bewältigen. Weit über 150 Verfahren hat der VPM schon gegen seine Kritiker angestrengt. Gerichte werden mit Beweisanträgen überschüttet und mit Prozeßverzögerungsstrategien lahmgelegt. Demnächst wird eine Art Jahrhundertverfahren eröffnet. Nicht weniger als 1800 Zeugen sind im Prozeß gegen die Züricher Selbsthilfegruppe Psychostroika aufgeboten, die sich um Aufklärung über den VPM bemüht. In der Schweiz sind die Gerichte inzwischen für das Problem sensibilisiert.