Von Benedikt Erenz

Einerseits: Wie schön, daß wir sonst keine Sorgen haben.

Andererseits, selbstverständlich: Wer Brand riecht, der schlage Alarm (auch auf die Gefahr hin, als „Alarmist“ angezeigt zu werden) Dieter E. Zimmer schlägt Alarm: Er wittert Ressentiment, Unduldsamkeit, Dogmatismus, Intoleranz, Ignoranz, Fundamentalismus, Gesinnungsterror, ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Uralte Menschheitsschrecken – im neuesten Design der political correctness, und was er uns aus Amerika berichtet, wo ja seltsamerweise immer die seltsamsten Geschichten passieren, die Vermischten Seiten sind voll davon, das macht schon angst.

Gott schütze Amerika!

Was uns jedoch betrifft, unsere Gesellschaft, unsere Republik, deren wichtigste Ämter seit einem Jahrzehnt und länger von den geistig-moralischen Fachkräften der Christlich-Demokratischen Union (CDU) und des Rings Deutscher Makler (FDP) besetzt sind, so sehe ich dergleichen Übelstände und Gefährdungen, etwa durch eine „Tugenddiktatur“, durch eine revolutionäre Schreckensherrschaft à la Robespierre also, im Augenblick nicht. Selbst an den Universitäten sind die Zeiten vorbei, da der offene Stalinismus gewisser Segmente ihrer adoleszenten Klientel den Professoren das Leben schwergemacht hat. (Im Westen. Drüben war’s in gewissem Sinne umgekehrt; auch vorbei.) Und daß die lehrenden und forschenden deutschen Beamten sich nun selber – im Zeichen eines fundamentalistischen Liberalismus – gegenseitig in den Ruhestand befördernd denunzierten, ist meines Wissens bis dato noch nicht aufgetreten. (Die sonderbaren akademischen Geschehnisse im Laufe des vaterländischen Zusammenwuchses seit 89 seien hier allerdings aus- bzw. eingeklammert.)

Aber Dieter E. Zimmer erhebt seinen Vorwurf, wenn ich ihn recht verstanden habe, ja auch weniger gegen Maßnahmen der staatlichen Verwaltung oder gegen Erscheinungen im akademischen Milieu als vielmehr gegen die political correctness an sich – Namen werden irritierenderweise nicht genannt –, gegen eine Art von Wesen also, welches in Deutschland (auch in Ostdeutschland?) „das diffuse Erbe der lange meinungsbeherrschenden Linken mit ihren frustrierten sozialistischen Hoffnungen“ übernommen habe und sich zudem noch von dem ernähre, „was die Kritikbewegung der sechziger Jahre seither absorbiert hat, von der Ökologie bis zur Esoterik“. Dieses Biest PC, so hat Zimmer festgestellt, begehe in der täglichen Debatte mittels der bewährten Finten (Unterstellung, Verleumdung) schamlos die obengenannten Delikte (Dogmatismus, Intoleranz, Unduldsamkeit). Die Opfer: aufrechte, aufgeschlossene, gewissenhaft argumentierende, wahrheitssuchende Menschen.

Dazu sei zunächst ganz leitartikelnotorisch und frei nach Harry S. Truman bemerkt, daß wer sich in die Küche des Meinungsstreites begibt, schon ein bißchen Hitze vertragen sollte. Wer etwa Psychoanalytikern „Tiefenschwindel“ nachweist (wie Zimmer eine seiner Streitschriften genannt hat), muß mit entsprechend grobkörnigen Reaktionen rechnen. Wer, ein ganz anders gelagerter Fall, unsere Wehrmacht als Mord- und Terror-Organisation identifiziert, dito. Oder wer den ADAC mit seinen x Millionen Mitgliedern oder wer unter Landwirten oder wer über Kinderaufzucht – kurz: dergleichen Beispiele ließen sich ins Uferlose, ZEITseitenverschlingende vervielfachen. Und alle, die da in den gedruckten und gesendeten Journalen den Mund und die Tinte nicht halten können, dürften im Lauf der Jahre ähnliche Erfahrungen gemacht haben, so unterschiedlich ihre Themen gewesen sein mögen. Vor allem wo Glaube, Hoffnung und Liebe ins freie Spiel der Argumente kommen, da besteht akute Verletzungsgefahr. Da wird, ganz nach Temperament, unduldsam, intolerant, ressentimentgeladen zurückgesäbelt. So lebt der Mensch. Anthropologische Konstante. (Phylogenetisch?)

Doch Zimmer vermutet böse Absicht, Verschwörung. Ein ganzes Register von „Tabu-Themen“ hat er zusammengestellt, über die, wie er glaubt, dunkle Mächte wachen: Wer nur ein frisches Wort wage, dem wehe schon der Pesthauch der Inquisition ins Gesicht. Versucht man aus Zimmers denkwürdiger Liste von Utopie bis Freud und Drogensucht allerdings das Bild des anonymen Ungeheuers, das hier wütet, zu erschließen, dann leuchtet einem mitten in der Neuen Unübersichtlichkeit ein rührend vertrautes Feindbild entgegen. Denn sahen nicht genau so – technikängstlich, utopisch verblödet, abtreibungshysterisch – der linke Lehrer & die feministische Journalistin schon vor zwanzig Jahren aus? Und das sollen die Dämonen eines neuen linksliberalen Gesinnungsterrors sein? Die Gebieter über ein Meinungskartell von Bertelsmann bis zum ZDF? Von der Brigitte bis zur Titanic?

Hatt’ einen Pappkameraden, einen bessern findst du nit...

Doch weiter. Wenn wir schon die Täter – die tausend Arme, die tausend Komplizen des Doktor PC! – nicht so recht beziehungsweise nur auf vergilbten Phantom-Bildern zu Gesicht bekommen, dann schauen wir uns mal die Opfer an. Zimmer nennt außer seinem eigenen auch noch vier weitere Namen. Ich nehme den spektakulärsten Fall heraus: den Fall Botho Strauß. Dem „Mainstream“, was immer das sei, aber offensichtlich nicht das, was bei Mainz in den Rhein fließt, dem PC-Mainstream sei es auch hier „nicht so sehr um Nachdenken wie um die Enttarnung des Bösen“ gegangen, um „die Durchkreuzung seiner Werke“. Bei Klaus Hartung konnten wir übrigens vor kurzem in dieser Zeitung ähnliches lesen: Botho Strauß’ Spiegel- Essay sei „übel aufgenommen“ worden.

Der Vorwurf, der hier wie dort dahintersteckt: Kaum wagt einer mal einen kühnen Gedanken, schon kläfft, wie von einem Reflex überwältigt, die linke Meute los. Abgesehen davon, daß eine Reflexreaktion im rechten Augenblick schon manchem das Leben gerettet hat, ist dieser Vorwurf im Falle Strauß besonders bizarr.

Es ist in diesem Jahr kein Text (Artikel, Buch etc.) erschienen, der so leidenschaftlich öffentlich bearbeitet worden wäre wie dieser. Und bearbeitet heißt hier eben nicht bloß in munterer Talk-Show-Runde umspült, sondern analysiert und interpretiert, politisch, philosophisch, historisch, sprachkritisch, unters Mikroskop gelegt, mit dem Skalpell zärtlich zerlegt, syntaktisch und semantisch, bis zum letzten Komma, bis in die feinsten etymologischen Grübchen. Das Ergebnis dieser Dechiffrierungsversuche der Straußschen Gedankenhieroglyphen, soweit sie überhaupt zu einem Ergebnis gekommen sind, lautete in vielen, wenn nicht sogar in den meisten Fällen: akuter Herrenmenschen-Nippes mit stiller Neigung ins Zart-Bräunliche.

Dieses Interpretationsergebnis mag nun richtig oder falsch sein, und nicht jeder weiß wahrscheinlich auf Anhieb so genau wie Zimmer, was Faschismus nicht ist. Doch was soll der Vorwurf, in solchem Urteil blähe sich nur linke Selbstgerechtigkeit, hier würden neue Wahrnehmungs- und Denkverbote erlassen? So gesehen, ist das Argument des anderen natürlich immer Schlagwort, so gesehen, ist die Meinung des anderen natürlich immer Gesinnung, während man sich selber mit der eigenen ehrlichen Meinung nur in Suchbewegungen übt. Wie also kann der andere da, unter diesen Umständen, überhaupt ein Urteil wagen?

Wenn Zimmer bei einer Kritik, einer Interpretation, die sich bis zur Diagnose vorwagt, einer Diagnose, der er selber nicht zustimmen kann, gleich mutmaßt, sie sei bloß Ausfluß von political correctness, dann macht er genau das, was er der anderen Seite vorwirft: Er unterstellt; Dann kann der Vorwurf der PC, im halb beleidigten, halb auftrumpfenden Das-wird-mandoch-wohl-noch-sagen-dürfen, selber zum Knüppel des Ressentiments werden – mit dem sich, dies nur nebenbei, auch jedes gesellschaftsvertragliche „Tabu“, auch der Grundkonsens Grundgesetz, in Trümmer schlagen läßt. Denn riecht es nicht schon furchtbar nach PC, dieses bornierte linksliberale Beharren darauf, daß Frauen und Männer gleichberechtigt sind, daß Eigentum verpflichtet, daß politisch Verfolgte Asylrecht genießen?

Aber ganz sicher ist das alles – wie würde unser Bundespräsident in spe Minister Steffen Heitmann sagen – bloß ein Mißverständnis.