Im ostafrikanischen Burundi putschte das MilitärKurzer Sommer

Burundi, der Kleinstaat in Afrika, wieder einmal das „Herz der Finsternis“? Aus der Hauptstadt Bujumbura wird gemeldet: coup d’état, grausige Gemetzel, Massenflucht. Beginnt ein weiteres Blutkapitel in der Geschichte der jungen Nation wie schon 1965, 1969, 1972 und 1988? Es steht zu befürchten.

Dabei drangen im Frühsommer gute Nachrichten aus dem Land der tausend Hügel. Der Wind des Wandels hatte auch in Burundi die ewige Diktatur hinweggefegt: freie Wahlen, ein neuer Präsident, Versöhnung zwischen den verfeindeten Völkern der Hutu und Tutsi, endlich Demokratie. So sah es im Juni aus, und so blieb es bis zum Donnerstag voriger Woche.

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An diesem Tag schlug das Militär zu, angeführt von Tutsi-Offizieren. Die Putschisten brachten Melchior Ndadaye um, das erste Staatsoberhaupt aus den Reihen der Hutu. Und im Hinterland brach mit aller Grausamkeit die uralte Fehde zwischen den beiden Volksgruppen wieder aus, die seit der Unabhängigkeit 1962 etwa 200 000 Menschen das Leben gekostet hat.

Es ist ein böser Konflikt seit grauer Vorzeit. Erst wanderten die Bahutu ein, fleißige Ackerbauern, die mit den Bantu verwandt sind. Später kamen die Batutsi hinzu, hochgewachsene Niloten aus dem Norden, Viehzüchter, die schon bald eine aristokratische Herrscherelite im Land bildeten und die Mehrheit der Bahutu (85 Prozent der Bevölkerung) unterdrückten. Es kam immer wieder zu Aufständen und Rachefeldzügen.

Vor fünf Jahren, nach den Pogromen bei Ntega und Marangara, durchbrach der damalige Staatschef Pierre Buyoya – auch er ein Putschist – den Teufelskreis. Im 24köpfigen Kabinett seiner neuen Regierung saßen fortan vierzehn Hutu-Minister. Eine demokratische Verfassung wurde verabschiedet, Oppositionsparteien entstanden. Devise: „Multipartisme oui, multiethisme non!“ Schließlich nahm Major Buyoya sogar die Wahlschlappe am 1. Juni hin und trat freiwillig zurück.

Er und sein Nachfolger hatten nur eines nicht bedacht: die Unversöhnlichkeit der ranghohen Tutsi-Militärs, die Angst der gemeinen Soldaten um ihre Privilegien. Die Demokratie hörte vor den Kasernentoren auf. Das hat sich nun bitter gerächt. Zwar begann die Front der Umstürzler schon nach vier Tagen zu bröckeln. Doch den Flächenbrand des Hasses zwischen Tutsi und Hutu haben sie wieder entfacht. -ill

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  • Quelle DIE ZEIT, 29.10.1993 Nr. 44
  • Schlagworte Militär | Sommer | Demokratie | Diktatur | Staatsoberhaupt | Tutsi
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