Von Gunter Hofmann

Bonn

Der Zurückkehrende, schrieb der Emigrant Theodor W. Adorno zu der Frage, was deutsch sei, habe nun einmal die „Naivität zum Eigenen“ verloren. Auch die innigste Beziehung, die zur eigenen Sprache, müsse sich vereinen „mit unermüdlicher Wachsamkeit gegen allen Schwindel, den sie befördert“.

Das vereinigte Deutschland, das sich wieder in der Mitte Europas befinde, habe seine „Rückkehr ins Eigene“ erlebt, raunt hingegen einer, der die Zäsur von 1989/90 als „Zeitkehre“ begreift. Damit, so schreibt der Philosoph Manfred Riedel, nehme „die Geschichte in Deutschland und Europa einen anderen Anfang“.

Es ist offenbar diese „Erfahrung der gekehrten Zeit“, die bei Riedel und anderen wie ein „Blitz“ einschlug, die alles in Frage zu stellen, alles möglich zu machen scheint. Nur solche Mythisierung des Vereinigungsmoments zur Stunde Null erlaubt den Versuch, die Debatte über das „Nationale“ (Wolfgang Schäuble) ganz neu, naiv und unschuldig zu beginnen. Mach’s noch einmal, Deutschland!

Auf die „neue Wirklichkeit“, von der auch Klaus Hartung gerne spricht (ZEIT, Nr. 43/93), wird mit neuer Unbefangenheit reagiert. Dazu muß der Moment der Vereinigung besonders hoch angesetzt oder gedeutet werden. Dann kann man sich als wahrer Veränderer begreifen gegen die „Erzkonservativen“, von denen sich auch Hans-Peter Schwarz, Professor und Kolumnist der Welt, geradezu umzingelt sieht. Diese Erzkonservativen sitzen in der SPD, in der CDU, bei den Liberalen und den Grünen ohnehin. Ein Geisterfahrer? Nein, Tausende.

Auch Steffen Heitmann glaubt, daß er für diese „Veränderung“ steht, die Liberalen in der CDU zuckten vor dieser Einsicht nur zurück. Dieser Bogen der konservativen Avantgardisten, die sich einsam vorkommen, ohne es zu sein, reicht bis hin zu Botho Strauß. Aus Revisionisten werden Visionäre und umgekehrt, so nahe liegt das in der Selbstwahrnehmung beieinander.

In dem Sinne erscheint auch die Entdeckung des Nationalen von links wie von rechts als Beitrag zur Realitätsnähe und zur notwendigen Veränderung. Dann beweisen „die Lichterketten gegen Fremdenfeindlichkeit mit ihrer noch nie dagewesenen Allianz zwischen Daimler-Benz und linkem Protest“ (Klaus Hartung) etwas von einer neuen nationalen Identität – nur darf sich die Linke nicht scheuen, die Chance zur Definitionsmacht zu nutzen, die darin steckt.

Die These, man dürfe die Nation „nicht der Rechten überlassen“, erscheint aber selbst eher wie eine Kopfgeburt. Das Nationale wird aus taktischen, pädagogischen Gründen besetzt: Man muß „einen Fuß in der Tür haben“.

Auf dem Papier läßt sich auch noch gut dosieren, daß man mit dem Bekenntnis zur Nation natürlich nichts Nationalistisches meint, ganz im Gegenteil. Solche „linken“ Nationalprojekte sind noch immer der Hoffnung verpflichtet, die verlorene Definitionsmacht zurückzuerobern. Viele Motive kommen dabei zusammen. Ob es nun das Trauma ist, wirklich kein Verhältnis zur Nation gewonnen zu haben, ob es der Wunsch ist, die Biographien zu korrigieren und die Abkehr von alten Träumen zu besiegeln, oder die Sehnsucht, einfach immer mit der Avantgarde zu marschieren oder endlich einmal auf der Seite der Mehrheit – am Ende liefert all das nicht viel mehr als zeitgeistgemäße Begleitmusik zur Realität.

Aber woher kommt die Erwartung, gerade in dem erwünschten Bekenntnis zum Nationalen stecke Konsensstiftendes? Mir zum Beispiel geht es gerade anders: Der gänzlich unpathetische Mut. die Trauer über den Verlust von eigener „DDR“-Identität, in schwierigen Konflikten erworben, das ehrliche Aussprechen von Differenzen, die Vorbehalte gegen eine „Reichshauptstadt“ Berlin mit falscher Nationalsymbolik, das alles hat doch Friedrich Schorlemmers Rede in der Paulskirche so bestechend gemacht. Bestechend einigend. Einigend, ohne das „Nationale“ zu Hilfe bitten zu müssen.

Ähnlich geht es mir mit Jens Reich: Lakonisch wie nur Gustav Heinemann, dem jedes Staatspathos fremd war, erwiderte der Bürgerrechtler auf die Frage nach seinem Selbstverständnis, er sei Deutscher, so wie man „Frau oder Mann sein kann“. Das sei einfach ein „Zustand“.

Wolfgang Schäuble zum Beispiel findet das schlicht zuwenig. Denn ein Zustand ist schließlich noch keine Politik. Nationales aber ist Schicksal und soll Politik werden.

Die nationale Linke verspricht die Nation ohne Nationalismus. Das ist ein kühnes Wort. Die Vereinigung kommentierte Jürgen Habermas mit den Worten, die einen hätten eben vorrangig die Einheit gewollt, die anderen die Freiheit. Die einen wollen eben auch heute vorrangig die Einheit, die anderen die Freiheit. Das teilt nicht Ost und West, nicht links und rechts, das geht kreuz und quer.

Rita Süssmuth und Heiner Geißler sind die besten Beispiele dafür, daß nicht der Linken etwas einzubleuen ist, sondern daß es um ein europäisches oder deutschlandfixiertes Denken geht. Zeittypisch ist allerdings, daß sie beide, mitten aus der Mitte der Republik, gerade damit in ihrer Partei manchmal wie Randfiguren erscheinen.

Wem wird da eigentlich zugeredet, das Nationale nicht defensiv abzuwehren? Die Linke regiert nicht und ist keine Weltmacht. Es steht doch jedem frei, sich mit dem Nationalen anzufreunden, wenn er will, sofern er andere nicht auch dazu verpflichten möchte. Der Club der Linksintellektuellen, den es nicht gibt, wird aber als geschlossene und bornierte Gesellschaft vorgestellt, die sich mit Deutschland nicht versöhnen will. Zu solchen Verzerrungen führen Debatten im Spiegelkabinett.

Auf das Nationale kann man sich nicht einfach probehalber einmal einlassen, neugierig und unbefangen. Das ist kein Spiel. Es ist auch nicht einfach ein Thema, sondern ein Problem. Das Mittelschichtenpublikum ist desorientiert. Die „Migrationsflut“ macht angst, und von der Politik wird zudem noch angst gemacht. Es wird „Deutschland den Deutschen“ skandiert. Die Republikaner nisten sich ein. Die Bekenntnisse zur Nation als Schicksalsgemeinschaft werden üblich.

So besehen, stellt eine Debatte über das Nationale nur die Realität nach und meint vielleicht, sie hätte sie schon domestiziert und den goldenen Mittelweg gefunden. Wir reiten den Tiger! Natürlich führt kein gerader Weg von einer bestimmten „Auffassung“ über die Nation nach Rostock oder Hoyerswerda. Aber es läßt sich auch nicht unbefangen und gelehrt im Studierstüblein darüber streiten, ob die Linke heimlich Friedrich Meineckes weltbürgerlich verbrämtem Deutschnationalismus oder Ernest Renans demokratischer Definition von Nation folgt.

Zu dem Text gehört untrennbar der Kontext. Zum Beispiel, daß sich die Vereinigung als Beitritt nach Artikel 23 vollzog. Wenn nicht einmal die Verfassungsdebatte das demokratische Gründungsdefizit auffing, wie sollen dann ausgerechnet die Nation und das Nationale zum Fundament eines nachholenden demokratischen Willensaktes werden?

Den Minimalkonsens wiederum, den in dieser Frage zur Zeit fast alle finden könnten, daß sie die Nation nämlich politisch unambitioniert als „Heimat“ empfinden und eben nicht mehr, findet Klaus Hartung besorgniserregend, während er der Linken eine Art Propädeutikum verordnet, damit sie das, was ohnehin geschieht, als Realität akzeptiert.

Zum Kontext, der zur unschönen Realität gehört, muß man übrigens schon das Versöhnungsschauspiel auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg zählen, zu welchem im Jahr 1985 Helmut Kohl Ronald Reagan verpflichtete. Der Kanzler erzwang eine symbolische Inszenierung, die von einem neuen deutschen Selbstverständnis handelte, von der schattenlos normalen Republik. Auch das war schon ein Beitrag zur Renationalisierung. „Jetzt lacht Hitler in der Hölle“, notierte später George Shultz. der amerikanische Außenminister, in seinen Memoiren dazu.

Im Historikerstreit ging es um Ähnliches. Auch dieser Versuch, eine Revision von Auschwitz und der eigenen Vergangenheit vorzunehmen, enthielt im Keim ein nationales Sinnstiftungsprojekt. Dann folgten 1989 und der Mauerbruch. Jetzt schienen nicht die Revisionisten unter den Historikern, sondern schien die Geschichte selbst eine Revision vorzunehmen.

Die Vereinigung hatte durchaus nationale Schlagseite. Wehe, man sprach damals darüber. Andreottis Wort vom Pangermanismus löste einen Aufschrei aus, ähnlich Maggie Thatchers Warnungen vor Deutschlands Größe. Das war nicht politically correct.

Rassismus wurde alltäglich. Europa galt bald schon als Ausflucht oder Ausrede. Aus dem Zusammenfügen des Disparaten wurde kein soziales und demokratisches, sondern zunächst ein nationales und ökonomisches Projekt.

Das „Nationale“ ist eben die einfachste Antwort, die vieles verdeckt und kein Problem wirklich löst. Der interessanteste Konflikt, der sich dahinter anzubahnen schien, blieb letztlich unausgetragen: Er handelt davon, daß sich auch die alte Bundesrepublik durchaus als demokratischer Staat verstand, ja sogar feierte. Sie war, wie Jürgen Habermas schrieb, „nicht weniger als die neue eine Nation von Staatsbürgern“.

Jetzt heißt es weithin, auch in der liberalen Öffentlichkeit, diese Bonner Republik sei nichts Halbes und nichts Ganzes gewesen. Eine große Schweiz. Selbstvergessen. Von Krämerseelen regiert. Im historischen Niemandsland. Provinz, jenseits jeder Universalität.

Bei diesem Getöse geht es darum, davon abzulenken, daß sich in der alten Bundesrepublik durchaus Konsense herauskristallisiert hatten, die zur Selbstverständigung taugten und ein tragfähiges Fundament – bei allen notwendigen Korrekturen – auch für die Zukunft abgeben.

Über den „Verzwergungswunsch“ herzufallen, wie es der jungdeutsche Historiker Karlheinz Weißmann macht, gehört fast schon zum guten Ton. Was er den „Rückruf in die Geschichte.“ nennt, ist nicht nur ein Programm des Ullstein-Verlages. Dazu zählt auch Gregor Schöllgens („Angst vor der Macht“) markiges, deutsches Plädoyer, sich endlich aus der Jahrzehnte währenden „lähmenden Ohnmacht“ zu befreien, sich zur Rolle der europäischen Großmacht zu bekennen, „die Entscheidung ist unumgänglich, sie verträgt keinen Aufschub...“

Den nächsten Schritt gehen bereits diejenigen, die sich mit Rainer Zitelmann schon mal locker und probehalber von der Westbindung distanzieren. Wenn man frei ist von der „mystischen Verklärung“ des Westens, auch frei von der Sonderwegsthese, frei von der kulturellen Affinität zwischen den 68ern und Amerika – dann kann man über die vitalen Interessen erst pur nachdenken, im Zweifel natürlich auch über nationalpolitische Neutralität.

Alles nur Bücher und nicht schon Realität? Das ignoriert die Verhältnisse. Immerhin ist der Umschlag der Parole „Wir sind das Volk!“ in die andere „Wir sind ein Volk“ eine Erfindung aus dem Adenauer-Haus, wie Heiner Geißler schreibt. Diese nationale Grundierung wurde zur Leitmelodie.

Das setzt sich jetzt beispielsweise fort mit dem Argument, das auch bei Schäuble auftaucht, man. könne sich von Hitler und seinen Schergen doch nicht distanzieren, wenn man nicht hinzufüge, daß ihre Verbrechen in Deutschland geschahen. Bisher war die nationale Sinnstiftung ein Weg, um die Vergangenheit zu relativieren. Und nun soll sie der Weg sein, um uns vor den Relativierern zu beschützen?

Denkübungen sind ja erlaubt. Aber wird man nicht – gewollt oder ungewollt – Teil des National-Projektes, wenn man mit Thomas Schmid (Wochenpost) dafür plädiert, bei dem Wort Deutschland „nicht länger zu fremdeln“? Und so entdeckt auch er die „beharrliche Distanz zu allem Deutschen“, zumal unter Intellektuellen, die, versteht sich, sicher mit Auschwitz zusammenhänge – dieses Verhaltensmuster des „Deutschen, der keiner mehr sein will“. Aber mit diesem „deutschen Selbsthaß“ stelle man sich in eine fragwürdige Tradition.

Der Rückgriff auf die Nation und das Deutsche, das Wesen, erscheint, links wie rechts, inzwischen oft genug als ein Stück Vergangenheitsbewältigung, auch als ein Ablenkungsmanöver, am ehesten aber als eine Flucht in die Geborgenheit, die es in der Realität dieses neuen Europa nicht gibt. Eine Flucht in die Vormoderne und ins Vorpolitische also.

Auf die Frage, ob wir eine neue nationale Identität brauchen, hat der Philosoph Wilhelm Schmid geantwortet: „Wenn nicht Nation und nicht Volk, was dann? Was bleibt dann noch? Alles, was man zum Leben braucht: die Gesellschaft (anstelle des Volkes), die Republik (anstelle der Nation), die Kultur (anstelle des Reiches).“

So ist es. Ganz abgesehen davon, daß man auf das Nationale als Konsens ohnehin nicht verpflichten kann, ob man es nun gutheißt oder nicht, – die Frage danach, was komplexe Gesellschaften zusammenhält, verdient ernst genommen zu werden.

Im ohnehin schwierigen Vaterland ist die Antwort noch schwieriger geworden. Erosionsprozesse sind sichtbar, zumal in der Mitte. Individualisierungsprozesse brachten Freiheit, aber überforderten auch. In der Erfolgsgeschichte liberaler Gesellschaften stecken Stärke und Schwäche zugleich, Implosionsgefahren. Den Optimismus möchte man sich aber schon behalten, daß die Demokratie als Verfahren, auch das Europäische, die gewonnene Liberalität und die soziale Substanz von keiner national gefärbten Standortbestimmung, von keiner deutsch fixierten Identitätssucherei wirklich ersetzt werden kann.

Daß Suchbewegungen einsetzen, die sich die Antwort nicht einfach machen, beweist die amerikanische Debatte über den Kommunitarismus, der ein linker und rechter Appell an den Bürgersinn ist. Daß Politik nicht nur Stoff zur Anklage bietet, sondern jedermanns Sache selbst ist, will auch jeweils neu gelernt sein.

Im Jahr 1937 schrieb Simone Weil: „Man müßte auf den Begriff Nation verzichten – oder besser gesagt, auf den Gebrauch dieses Wortes, denn der Ausdruck ‚national‘ und alle Zusammensetzungen, in denen er auftaucht, sind bedeutungsleer. Sie haben keinen anderen Inhalt als Millionen Leichen, Waisen und Krüppel, Verzweiflung und Tränen.“ Die große Befreiung in Osteuropa macht den Satz dennoch nicht unaktuell. In die „Naivität zum Eigenen“ führt kein Weg zurück. Nicht im Nationalen steckt die Chance, sondern in einer entfalteten, kulturell im Westen entstandenen Bürgerlichkeit.