Grenada: Zehn Jahre nach der Invasion ist die Karibikinsel ein Paradies für Touristen, Geldwäscher und Steuerhinterzieher Reagans Vermächtnis

Von Sheila Mysorekar

Die Löhne seien niedrig, die Mieten hoch. „Viele Leute sind arbeitslos, und die Familien leiden natürlich: Zum Beispiel haben sie kein Geld, um ihren Kindern Schulbücher zu kaufen", sagt Valerie Philip, Leiterin einer Autowerkstatt „Wenn die Revolutionäre Volksregierung noch an der Macht wäre, ginge es Grenada heute bestimmt besser Die „Revolutionäre Volksregierung", von der Valerie Philip spricht, war die sozialistische Regierung unter Premierminister Maurice Bishop, die von 1979 an nach einer Revolution die Geschicke des Landes bestimmte, bis 1983 gegen Bishop geputscht wurde und die Vereinigten Staaten einmarschierten. Stimmen wie die von Valerie Philip hört man häufig in Grenada, denn das Land ist arm.

Die Insel liegt in der östlichen Karibik, nicht weit vor der Küste Venezuelas. Tropische Vegetation bedeckt ihre Hügel. Man nennt Grenada die „Gewürzinsel": Das Land ist der zweitgrößte Muskatexporteur der Welt; aber auch Zimt und Kakao werden hier angebaut. Weiße Strande und Palmenhaine vervollständigen das Bild eines klassischen Urlaubsparadieses. Und das Eiland ist sehr, sehr klein. Obwohl zu Grenada noch zwei weitere kleine Inseln gehören, umfaßt das Territorium des gesamten Staates weniger als 350 Quadratkilometer. Gerade 100 000 Einwohner leben hier. Die Geschichte Grenadas ist typisch für die karibischen Inseln. Das Land bewohnten früher die Kariben, die Ureinwohner, die sich erbittert gegen die europäischen Kolonisatoren im 17. Jahrhundert wehrten. Sie wurden jedoch bis zur Ausrot tung von den Europäern bekämpft, die dann auf der Insel eine Plantagenwirtschaft einrichteten und zur Arbeit Afrikaner als Sklaven holten. Noch heute sind neunzig Prozent der grenadinischen Bevölkerung afrikanischer Abstammung. Während der Kolonialzeit wurde die Wirtschaft der Insel auf Kaffee, Kakao- und Zuckerproduktion eingestellt, das heißt ganz nach den Bedürfnissen Europas ausgerichtet. Als man dort andere Produkte benötigte - Gewürze und Bananen , änderten die Plantagenbesitzer kurzerhand die Produktpalette.

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Das System der Plantagenwirtschaft aber änderte sich auch nach Abschaffung der Sklaverei 1838 nicht wesentlich. 1951 räumte die britische Kolonialmacht eine beschränkte Selbstverwaltung ein. Gewinner der ersten Wahlen war Eric Gairy, der sich in den sechziger Jahren zu einem rücksichtslosen Diktator entwickelte. Erst 1974 gewann Grenada die Unabhängigkeit.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon Oppositionsgruppen zusammengefunden, die gegen die Repression des Gairy Regimes Widerstand leisteten; eine dieser Bewegungen war das New Jewel Movement. 1979 übernahm diese Organisation in einer unblutigen Revolution die Macht, Diktator Gairy wurde gestürzt. Der neue Premierminister hieß Maurice Bishop, Sekretär des New Jewel Movement.

Seitdem verlief das Leben auf Grenada anders als auf den Nachbarinseln Barbados und Trinidad. Mehr als drei Viertel der Grenadiner leben von der Landwirtschaft oder der Fischerei, und so konzentrierte sich die neue Regierung auf die technische Entwicklung dieser Sektoren. Kein einziger Landbesitzer oder Unternehmer wurde enteignet - einige private Betriebe kaufte die Regierung und machte sie zu Staatsunternehmen. Brachliegendes Land teilte man Arbeitslosen zum Bewirtschaften zu, ohne daß der Staat die Besitzer enteignete „Idle lands for idle hands" - „Brachliegendes Land für untätige Hände", hieß die Devise. Heute lassen wieder viele, etwa im Ausland lebende Grundbesitzer, fruchtbares Ackerland unbewirtschaftet verkommen; die Arbeitslosigkeit unter landlosen Kleinbauern ist drastisch gestiegen.

„In den Jahren der Bishop Regierung hatten die Farmer die Möglichkeit, vom Anbau der cash rin der grenadinischen Handelskammer, Cheryl Kirton „Damals wurde eine Fabrik für Marmelade, Dosenobst und Fruchtsaft gebaut, die erste in Grenada. So konnten die überall reichlich wachsenden Früchte weiterverarbeitet werden eine neue Einnahmequelle für die Bauern Während der Invasion wurde die Marmeladenfabrik bombardiert und stark beschädigt. Da sie eine Einrichtung der Revolution gewesen war, beschloß die von den Vereinigten Staaten eingesetzte Übergangsregierung, sie nicht wieder aufzubauen - ein harter Schlag für die Farmer.

Auch die Fischer hatten in einem anderen Komplex dieser Fabrik früher ihren Fisch geräuchert, gepökelt oder in Dosen verpackt. Jetzt verdirbt der Fisch, wenn der Fang nicht am gleichen Tag vollständig verkauft wird.

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