Landwirtschaft: Die ostdeutschen Agrarbetriebe könnten den westdeutschen Kleinbauern überlegen sein. Doch sie werden von der Bonner Politik diskriminiertUnerwünschte KonkurrenzSeite 2/3

Nach wie vor dominieren die rund 3000 Nachfolgebetriebe der einstmals 4000 LPGs die Agrarstruktur im Osten. Sie sind weitgehend identisch mit den sogenannten juristischen Personen, kontrollieren etwa siebzig Prozent der Fläche und bringen es in Einzelfällen noch immer auf einstige sozialistische Betriebsgrößen von 6000 Hektar oder mehr. Die Bonner Agrarpolitik hat es nicht geschafft, die ungeliebten Großbetriebe zu zerschlagen und massenhaft bäuerliche Einzelexistenzen zu installieren.

Mit westlichen Managementmethoden, Anbautechniken und Fütterungsverfahren sowie östlichen Betriebsgrößen feiert so manche Ex-LPG beachtliche Erfolge: „In Spitzenbetrieben haben sich die Erträge gegenüber früher glatt verdoppelt“, berichtet der Gießener Agrarwissenschaftler Friedrich Kuhlmann. Nach seinen Angaben arbeiten die Großbetriebe schon deswegen rentabler, weil sie den Maschinenpark und das Personal besser auslasten können. Kuhlmann: „Da werden enorme Kostenvorteile genutzt.“

Dennoch ist die wirtschaftliche Lage der meisten LPG-Nachfolger angespannt. Laut Agrarbericht der Bundesregierung machten die ostdeutschen Landwirtschaftsgenossenschaften und -GmbHs im Wirtschaftsjahr 1992/93 durchschnittlich sogar deutliche Verluste, während die Einzelunternehmen und Personengesellschaften durchweg gute Gewinne erzielten.

Für Experten ist dieses Ergebnis nicht besonders überraschend. Vor allem spricht es nicht gegen den landwirtschaftlichen Großbetrieb. So spiegelt die Statistik die Wirklichkeit nur unvollkommen wider. Viele Agrargesellschaften weisen schon aus steuerlichen Gründen keine oder nur geringe Gewinne aus. In so manchen Unternehmen drücken zudem trotz massiven Arbeitskräfteabbaus (siehe Graphik) noch immer Personalüberhänge das Ergebnis. Den deutlichen Abstand zu Einzelbauern und Personengesellschaften erklären indes weder Bilanzkosmetik noch Arbeitskräfteüberbesatz vollständig. Er ist vor allem eine Folge der Bonner Politik. Die benachteiligt, wie der Kieler Agrarwissenschaftler Holger Thiele herausgefunden hat, systematisch die ländlichen Kapitalgesellschaften: „Offiziell soll die Wettbewerbsfähigkeit aller Unternehmensformen erhöht werden. Tatsächlich werden kleine und familienbewirtschaftete Produktionseinheiten einseitig bevorzugt“, sagt Thiele.

In der Tat ist die Liste der Diskriminierungen lang, die den LPG-Nachfolgern den Entwicklungsspielraum nehmen. Gesetzliche Abfindungsregelungen, die vor allem auf ausscheidende Gesellschafter zugeschnitten sind, schmälern die Kapitalbasis der Unternehmen ebenso wie die nur teilweise gestrichenen Altschulden aus Zeiten des Sozialismus. Auch Körperschaft-, Vermögen- und Gewerbesteuer benachteiligen die juristischen Personen in der Ost-Landwirtschaft. Sie kommen zudem nur begrenzt in den Genuß zinsverbilligter Kredite. Laut Holger Thiele erhöht die Agrarpolitik so „künstlich den Kapitalbedarf zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft“. Die Folge: „Die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit in den ländlichen Regionen wird damit verstärkt.“

Angesichts der widrigen, von Bonn gesetzten Rahmenbedingungen sehen sich immer mehr LPG-Nachfolgeunternehmen zum Umdenken gezwungen. In vielen der eingetragenen Genossenschaften oder GmbHs hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, daß die nach der Wende gewählte Rechtsform zwar für die Übergangszeit durchaus dienlich war, jetzt aber die betriebliche Entwicklung zunehmend behindert.

In welche Richtung die weitere Umstrukturierung gehen könnte, veranschaulicht das Beispiel des Landgutes Bartow im Kreis Altentreptow. Der Betrieb war im August 1990 aus der Fusion zweier LPGs hervorgegangen und als sogenannte GmbH & Co. KG gegründet worden. Alle ehemaligen Mitglieder, 380 an der Zahl, wurden Gesellschafter, sogenannte Kommanditisten. Inzwischen gibt es nur noch 40 Kommanditisten und 6 GmbH-Gesellschafter. Die übrigen Ex-Mitglieder nahmen ein Ende 1992 unterbreitetes Abfindungsangebot an, das das Unternehmen in fünf Jahresraten insgesamt 1,4 Millionen Mark kostet. „Mit fast 400 Leuten, die überall mitreden können, läßt sich nicht effizient Landwirtschaft betreiben“, nennt Geschäftsführer Karl-Heinz Ahlgrimm, der bereits zu DDR-Zeiten die beiden LPGs in Personalunion leitete, einen Grund für die Abfindungsaktion.

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