Das Denken ist ständige Wachsamkeit

Die Kritik an diesem „Aufruf zur Wachsamkeit“, den Sie zusammen mit anderen Intellektuellen an die Öffentlichkeit gerichtet haben, lautet: In einer Zeit, in der es keine Rechte und keine Linke mehr gibt, in der alte Koordinaten nicht mehr gelten, habe diese Warnung vor der Verharmlosung rechtsextremistischer Ideen etwas Altmodisches, Archaisches. Mit einem Wort, dieser Aufruf irre sich in der Zeit. Was entgegnen Sie einer solchen Kritik?

Eco: Solche Bemerkungen resultieren aus einer gefährlichen Gemengelage, nämlich einerseits den historischen Veränderungen, die wir gerade erleben, und andererseits einer Art intellektueller und moralischer Indifferenz. Es ist unbestreitbar, daß anhand der europäischen Kategorien „rechts“ und „links“, so wie sie noch vor rund zwanzig Jahren gebraucht wurden, heutige politische Situationen nicht mehr verstanden werden können. In den sechziger Jahren haben Reisen nach Brasilien und später nach Argentinien mir bewußt gemacht, daß den meisten der politischen Bewegungen in Lateinamerika mit der gewohnten Einteilung in „rechts“ und „links“ nicht mehr beizukommen war. Diese Situation, die mir damals absolut seltsam und originell vorkam, ist heutzutage in ganz Europa gang und gäbe. Ständig erleben wir, daß sogenannte Linksparteien Positionen einnehmen, die früher typisch rechts waren, und umgekehrt. Um nur ein Beispiel aus jüngster Zeit anzuführen: Der PDS, die ehemalige kommunistische Partei Italiens, unterstützte die Regierung in ihrer Entscheidung, Fallschirmjäger nach Somalia zu schicken. Hätte man mir vor zwanzig Jahren gesagt, ehemalige Kommunisten seien mitverantwortlich für die Entsendung von Militär in eine frühere italienische Kolonie, hätte ich das für Science-fiction gehalten! Meiner Ansicht nach ist diese Entwicklung ein außerordentlich interessantes Phänomen, das keinen Intellektuellen gleichgültig lassen kann. Diese neuen Situationen verlangen von uns neue Analysen. Aber man erliegt einem Irrtum, wenn man aus diesem Drunter und Drüber den Schluß zieht, alles habe sich verändert, alle Ideen seien gleichwertig, man dürfe unter keinen Umständen mehr irgend etwas ablehnen. Die politischen Spielregeln sind im Wandel begriffen. Das heißt aber weder, daß es keine Regeln mehr gibt, noch, daß wir darauf verzichten sollen, neue zu erfinden. Die Karten sind anders verteilt. Das heißt nicht, daß alle ihre Eigenart verändert hätten...

Zum Beispiel?

Eco: Zwischen den heutigen Skinheads, Neonazis und den Nazis der vorangegangenen Generation sehe ich keinen wirklichen Unterschied. Immer noch dieselbe Form von Dummheit und Neigung zum Bösen, derselbe Haß auf andere und derselbe Zerstörungswille. Der einzige feine Unterschied ist, daß die Nazis Millionen von Menschen ermordet haben, während ihre Nachkommen bisher erst einige Dutzend niedergeknüppelt haben. Deshalb ist es unsere Pflicht als Intellektuelle, die Grenze zu ziehen zwischen dem, was geduldet werden kann und was nicht. Indem sich die Unterzeichner des Appells verpflichten, ihre Mitwirkung an Zeitschriften, Radio- oder Fernsehsendungen und Kolloquien zu verweigern, die von Leuten der extremen Rechten organisiert werden, verweigern sie sich doch weder all dem, was sich in der Welt verändert hat, noch dem, was neu gedacht werden muß! Sie bringen ihre Wahl zum Ausdruck, nicht für Strömungen einzustehen, in denen sie eine Gefährdung der Demokratie sehen.

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Manche sehen in dieser Verpflichtung eine intolerante Haltung oder sogar das Auftreten einer neuen Art von „McCarthyismus“...

Eco: Der Vorwurf des McCarthyismus ist geradezu unsinnig. Was man so nennt, war – muß es ins Gedächtnis gerufen werden? – eine offizielle Politik der Ausgrenzung, die viele, unter dem bloßen Vorwand, sie seien Kommunisten oder deren Sympathisanten, ihre Stelle gekostet und andere ins Gefängnis gebracht hat. Wie, zum Teufel, kann man solche Methoden und den Schritt der Unterzeichner dieses Aufrufe vergleichen? Dieser Schritt stellt eine Wahl dar: unsere Mitwirkung an jeder intellektuellen, verlegerischen oder Medienveranstaltung zu verweigern, die mit der extremen Rechten verbunden ist. Jeder hat das Recht, zu dem nein zu sagen, was er nicht mag.

Heißt das, daß Sie jede Diskussion oder jede Form von Auseinandersetzung mit diesen Leuten, die Sie für gefährlich halten, von vornherein ablehnen?

Eco: Natürlich nicht. Ich sehe keinen Grund, eine wirkliche Diskussion mit Herrn Hinz oder Herrn Kunz abzulehnen, welche Meinungen sie auch vertreten mögen. Dazu genügt es, daß die Debatte unter Bedingungen stattfindet, die ihre Redlichkeit gewährleisten. Das setzt klar definierte räumliche und organisatorische Gegebenheiten voraus, sonst befindet man sich auf einmal in dem, was ich eine Situation der Vereinnahmung nenne, egal, was für Meinungen man äußert. Ich habe dieses Manifest unterzeichnet, das übrigens keinen Hinweis auf bestimmte Personen oder Situationen enthält, weil es auch in Italien vorgekommen ist, daß sogenannte Linksintellektuelle, insbesondere Mitglieder der kommunistischen Partei, an Veranstaltungen der Neuen Rechten teilgenommen haben. Anschließend benutzte diese Gruppe ihre Teilnahme, um zu sagen: „Seht ihr, es gibt keine Trennung mehr, sie sind auf unserer Seite.“ Das ist ein sehr verbreitetes Verfahren. Es gibt zum Beispiel Leute, die Sie zum Essen einladen, um danach Ihre Anwesenheit als Visitenkarte für Geschäfte zu benutzen, mit denen Sie nichts zu tun haben. Wenn man es weiß, kann man die Einladung höflich ablehnen. Ist das etwa Dogmatismus? Es ist ganz einfach das Recht, sich Orten zu entziehen, wo man Ihnen ein Etikett aufklebt. Davor muß man auch seine Freunde warnen: „Vorsicht! Wenn du da hingehst, wirst du reingelegt. Du mußt folgendes wissen: Unabhängig vom Inhalt deiner Rede, ist der Besuch dieses Ortes schon ein politischer Akt,“

Sie unterscheiden also zwischen dem Dialog und dem, was Sie „Vereinnahmung“ nennen. Können Sie das genauer erklären?

Eco: Wenn ich morgen an meiner Universität ein historisches oder philosophisches Kolloquium veranstalte, lade ich Spezialisten ein, die ganz andere Ansichten oder Theorien vertreten als ich. Und jeder von uns wird sich den Argumenten des anderen so frei und so entschieden wie möglich stellen müssen, auch wenn dieser Dialog zu keiner Einigung führt. Der Dialog, selbst der stürmischste, setzt voraus, daß keiner das Reden oder die Anwesenheit der anderen zu seinen Gunsten ausnutzen kann. Die Vereinnahmung ist das genaue Gegenteil. Wenn die kommunistische Partei Intellektuelle jeglicher Couleur aufforderte, eine Petition zu unterzeichnen, dauerte es nicht lange, bis diese als kommunistische Intellektuelle vorgeführt wurden. Auch die meisten katholischen Organisationen bemühen sich heutzutage um einen, indem sie behaupten: „Sie sind absolut frei, Sie können sagen, was Sie wollen.“ Doch wenn man an ihren Veranstaltungen teilnimmt, spürt man immer diese Atmosphäre der Vereinnahmung: „Du bist da, folglich stehst du auf unserer Seite.“ Das hat nichts mit Dialog zu tun. Manche Organisationen sind traditionell von jeher auf Vereinnahmung aus gewesen. Es gibt Orte, die sich sofort als Orte der Vereinnahmung abzeichnen. Ich glaube, es ist eine hochphilosophische Aufgabe, sie definieren und erkennen zu können und ganz allgemein den Anspruch oder den spezifischen Geist eines Ortes auszumachen.

Wäre die Konsequenz aus dem, was Sie sagen, daß völlig identische Sätze je nach dem Ort und dem Kontext, wo sie gesprochen werden oder gedruckt sind, einen anderen Sinn annehmen?

Eco: Natürlich. Das ist die Macht des Ortes. Dazu ein ganz einfaches Beispiel: Wenn ich mich in Stockholm lobend über die Monarchie äußere, hat mein Diskurs eine völlig andere Bedeutung als dieselbe Lobrede, die mit demselben Wortlaut in Paris vorgetragen wird. Würde ein solches Interview, das ich in Schweden gegeben habe, ins Französische übersetzt, brächte es mich dazu, meine Meinung zu ändern. Diese Macht der Umstände und der Zusammenhänge darf man nie aus den Augen lassen. Stellen Sie sich zum Spaß vor, Sie wären ein wirklich überzeugter Atheist, hätten aber Ihr Leben lang einen Jesuitenpater zum besten Freund. Nun, am Tag vor Ihrem Tod müssen Sie unbedingt verhindern, daß dieser Freund Sie besucht. Sonst besiegelt der Besuch eines Jesuiten vor Ihrem Tod – was auch immer sein Wille und Ihr Wille sein mag, worüber auch immer Sie miteinander sprechen mögen – Ihre Übertrittserklärung. Gerade jetzt, wo wir an neuen Bezugspunkten und Werten arbeiten müssen, gilt es, diesen Problemen gegenüber besonders aufmerksam zu sein. Diese Aufmerksamkeit „Wachsamkeit“ zu nennen, hört sich für manche ein bißchen nach dreißiger Jahren und Front Populaire an. Für mich ist es ganz einfach die Denkarbeit. Erkenntnis und Kritik, die Aufgaben der Intellektuellen, finden hier neue Betätigungsfelder. In diesem Sinn ist das Denken immer Wachsamkeit, der Aufwand, das möglicherweise Gefährliche auch an scheinbar harmlosen Situationen und Reden zu erkennen.

Aber läuft man dann nicht Gefahr, eine Haltung allgemeinen Argwohns einzunehmen, in einer Art dauerndem Mißtrauen zu leben und sich bei jeder Gelegenheit zu fragen, wo ist die Gefahr, und am Ende illusorische Gefahren zu erfinden?

Eco: Nein. Ganz einfach, weil die Grenzen dessen, was nicht geduldet werden darf, an klar erkennbaren Schwellen entlanglaufen. Nehmen Sie zum Beispiel das Problem des Revisionismus. Jeder ernsthafte Historiker ist ein Revisionist im eigentlichen Sinn: Er will wissen, ob das, was man über die Vergangenheit sagt, stimmt oder ob es berichtigt werden muß. War Catilina wirklich das Schwein, als das Cicero ihn uns beschrieben hat, oder handelt es sich um ein aus der politischen Situation hervorgegangenes Märchen? Stimmt es, daß im ersten Weltkrieg 600 000 Italiener den Tod gefunden haben? Der Historiker hat das Recht, in den Archiven nachzuforschen, der Propaganda zu mißtrauen, Fakten zu rekonstruieren und Zahlenangaben zu diskutieren. Ich sehe nichts Anstößiges darin, mit einer seriösen und unwiderlegbaren Forschungsarbeit nachzuweisen, daß der nationalsozialistische Völkermord an den Juden nicht sechs Millionen Menschenleben vernichtet hat, sondern sechseinhalb oder fünfeinhalb Millionen. Nicht tolerierbar ist dagegen, wenn das, was eine Forschungsarbeit sein soll, Vorzeichen und Bedeutung ändert und zu einer Botschaft wird, die suggeriert, „wenn ein paar Juden weniger als angenommen umgebracht wurden, war es also gar kein Verbrechen“. Sokrates und Christus waren einzelne. Zweitausend und mehr Jahre nach ihrem Tod steht die Menschheit noch immer unter dem Schock und hat Schuldgefühle wegen der Verbrechen, denen sie zum Opfer gefallen sind. Eine weitere Schwelle wurde überschritten, als der Revisionismus zum Negationismus wurde. Wie alle Menschen meiner Generation habe ich gesehen, daß Juden verhaftet, gedemütigt und deportiert wurden. Nach dem Krieg habe ich jene weinen sehen, die die einzigen Überlebenden vollständig ausgelöschter Familien waren. Wenn angebliche Historiker mir weiszumachen versuchen, daß die Kreuzzüge ein Mythos sind, zum Beispiel eine Erfindung des Roten Kreuzes – das alles liegt so weit zurück, daß ich vielleicht schwanken würde. Aber zu behaupten, das, was ich als Dreizehnjähriger zusammen mit Millionen anderen Menschen als Zeuge miterlebte, habe nicht stattgefunden, und zu versuchen, dies den Nachgeborenen einzureden, das darf nicht geduldet werden. Ich habe das Recht, die Verbreiter derartiger unerträglicher Ausführungen und ihre Unterstützer nicht zu mir nach Haus einzuladen, und das Recht, nicht zu ihnen zu gehen, wenn sie mich einladen.

Und wenn man Ihnen sagt, Ihre Haltung sei intolerant?

Eco: Dann antworte ich: Um tolerant zu sein, muß man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen.

Muß man, um diese Grenzen festzulegen, nicht im Besitz der Wahrheit sein?

Eco: Nein, das hat nichts damit zu tun. Ich will das Wort „wahr“ nicht gebrauchen. Es gibt nur Meinungen, die anderen vorzuziehen sind. Aber deswegen darf man nicht sagen: „Ach, wenn die eine nur vorzuziehen ist, kann es mir ja egal sein!“ Von dem Unterschied kann unser Leben und das der anderen abhängen. Man kann auch wegen einer Meinung sterben.

Welchen Unterschied macht es, für die Wahrheit zu kämpfen oder für das zu kämpfen, was man für richtig hält, ohne sicher zu sein, das Wahre getroffen zu haben?

Eco: Wenn man glaubt, für das Wahre zu kämpfen, kommt man manchmal in Versuchung, seine Feinde zu töten. Beim Kampf für das Richtigere kann man das nicht Tolerierbare ablehnen und zugleich tolerant sein.

Wenn es nur Präferenzen und keine Wahrheiten gibt, worauf kann man dann die Behauptung gründen, daß es eine Grenze der Toleranz gibt, die jedermann als solche anerkennt, unabhängig von der Vielfalt der Kulturen, der Bildungsniveaus und der religiösen Überzeugungen?

Eco: Auf die Achtung vor dem Körper. Man kann eine Ethik auf die Achtung vor den körperlichen Aktivitäten gründen: Essen, Trinken, Pinkeln, Scheißen, Schlafen, lieben, Sprechen, Hören und so weiter. Jemanden daran zu hindern, sich nachts schlafen zu legen, oder ihn zu zwingen, mit dem Kopf nach unten zu leben, ist eine Form nicht zu duldender Folter. Andere daran zu hindern, sich zu bewegen oder zu sprechen, ist ebenfalls nicht zu dulden. Bei der Vergewaltigung wird der Körper des anderen mißachtet. Alle Formen des Rassismus und des Ausschließens sind letzten Endes Arten, den Körper des anderen zu negieren. Man könnte die ganze Geschichte der Ethik unter dem Aspekt der Rechte des Körpers und der Beziehungen unserer Körper zur Welt neu lesen...

Wie erklären Sie, daß die Notwendigkeit einer neuen Form von Wachsamkeit für die „Orte der Vereinnahmung“ der extremen Rechten – eine Notwendigkeit, die für Sie auf der Hand liegt – von der Linken, falls dieser Begriff noch einen Sinn für Sie hat, nicht einmütig so gesehen wird?

Eco: Ich sehe dafür in groben Zügen drei Gründe. Der erste betrifft in Frankreich wie in Italien oder Deutschland kleine Gruppen, die aus einer Radikalisierung der Neuen Linken hervorgegangen sind. Die Erde ist rund: Man kann immer weiter nach links gehen. Durch ständiges Verfolgen der extremsten, provozierendsten, innovativsten Idee macht man die Runde und findet sich auf der extremen Rechten wieder. Das ist manchen passiert. Der zweite Grund ist der frühere Dogmatismus der alten Linken. Es gab eine Zeit, da waren alle, die anders dachten als wir, Faschisten. Als Reaktion auf diese früheren Exzesse neigt man heute dazu, jedem die Hand zu geben und nicht mehr zu unterscheiden, wo die Feinde und die Orte der Vereinnahmung sind. Und schließlich gibt es eine für Frankreich spezifische historische Situation. Italien hat eindeutig mit dem Faschismus abgerechnet. Man weiß, wer Mussolini unterstützte und wer ihn bekämpfte. Wenn ich hingegen französische Zeitungen lese, sehe ich, daß immer noch darüber diskutiert wird, wer für Vichy und wer dagegen war. Frankreich hat seine Schränke noch immer voll vergessener Leichen, von denen man nicht weiß, woher sie stammen. Das kompliziert die Dinge und erklärt sie vielleicht.

Aus dem Französischen von Uli Aumüller © Roger-Pol DroitA^e Monde, Vertrieb New York Times Syndication Sales

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