Der plötzliche Sekretausstoß durch die Harnröhre veranlaßt immer noch viele Gynäkologen, die Flüssigkeit als Urin zu deklarieren. Bei Frauen, die deswegen ärztlichen Rat suchen, wird oftmals Inkontinenz, unwillentliche Blasenschwäche, diagnostiziert; verordnet werden dann entweder die sogenannten Kegelübungen zur Stärkung des Blasen- und PC-Muskels, oder der Harnröhre wird gar operativ zu Leibe gerückt.

Chemische Analysen des weiblichen Sekrets enthüllen eine Ähnlichkeit mit der Flüssigkeit der Vorsteherdrüse. Als ein charakteristisches Merkmal, das Urin vom Prostata-Produkt unterscheidet, gilt die Konzentration der sauren Prostata-Phosphatase (PAP). Fast alle amerikanischen Studien fanden heraus, daß die PAP-Konzentration im weiblichen Ejakulat die des Urins um ein Vielfaches übersteigt. Auch andere Indikatoren wie der Kalziumgehalt sprechen gegen die Urin-Hypothese. Die Berichte der betreffenden Frauen bestätigen dies ebenfalls: Die Flüssigkeit riecht anders, schmeckt anders und sieht anders aus.

Aufgrund der chemischen Zusammensetzung liegt die Vermutung nahe, dieses Körpersekret, das einen Teelöffel oder manchmal sogar eine Tasse füllen kann, würde in einer weiblichen Prostata gebildet. Als Analogon zur männlichen Prostata gelten die paraurethralen Drüsen der Frau. Sie sitzen in einer schwammartigen Struktur, die die Harnröhre (Urethra) umschließt und die dem Drüsengewebe der männlichen Vorsteherdrüse stark ähnelt. Wenn die sexuelle Erregung wächst, schwillt dieser Bereich stark an und kann durch die Vagina erfühlt werden: Es ist der G-Punkt, den Ernst Gräfenberg schon 1950 beschrieb.

Die paraurethralen Drüsen, auch Skenesche Drüsen genannt, produzieren wahrscheinlich nicht nur den größten Anteil der weißlich-klaren Flüssigkeit, sie schütten sie auch aus. Ein Großteil der Drüsenausgänge mündet in der Harnröhre selbst, zwei weitere große Kanäle enden rechts und links neben der Urethra-Öffnung. Diese harnröhrenexternen Ausgänge entdeckte Skene übrigens schon 1880. Auch die Bartholinschen Drüsen, das Homolog zu den Cowperschen Drüsen, die beim Mann kurz vor dem Ejakulieren den sogenannten "Glückstropfen" absondern, könnten einen Teil zu dem weiblichen Flüssigkeitsausstoß beitragen.

Die Homologie (entwicklungsgeschichtliche Entsprechung) der männlichen und weiblichen Sexualorgane gilt als gesichert. Zur Nieden weist aber in ihrer Arbeit anhand verschiedener fötaler Stadien nach, daß einige der Analogien falsch sein müssen. So entspreche zum Beispiel der Klitorisspitze nicht die Peniseichel – wie allgemein angenommen wird –, sondern das viel sensiblere Gebiet, das unter der Eichel liegt und das über das Vorhautbändchen gereizt werden könne. Doch trotz der wahrscheinlichen Homologie von männlicher und weiblicher Prostata konnte bislang keine Untersuchung klären, warum fast alle Männer ejakulieren, aber nur ein Drittel der Frauen. Möglicherweise werden zu kleine Mengen des Sekrets oft übersehen.

Die Lehrbücher der Frauenheilkunde informieren über dieses Phänomen nicht; das mag auch daran liegen, daß "den Gynäkologen meist das sexualmedizinische Basiswissen fehlt", wie Dietmar Richter, Professor für Frauenheilkunde in Bad Säckingen, kritisch feststellt. Die männlich dominierte Wissenschaft hat ihre blinden Flecke.

Dies war nicht immer so. Was in Japan als "Wasser der Liederlichkeit" bekannt ist, war auch dem Arzt Hippokrates und dem Naturphilosophen Aristoteles nicht fremd: Er wußte, daß Frauen "einen Saft absondern" können, der mengenmäßig das männliche Pendant "bei weitem übertrifft". Und die Theologen des Mittelalters waren der Meinung, wenn eine Frau "keinen Samen absondert, dann kann aus dieser Verbindung keine Befruchtung erfolgen".