MANNHEIM. – Siebeneinhalb Millionen Zuschauer hatten Donnerstag vergangener Woche um 21.15 Uhr das SAT-1-Logo im Blick. Sie sahen „live“ eine ungewohnt fahrige Margarethe Schreinemakers, die heilenden Hände eines Geistheilers und wurden in die bewegende Thematik „Dicke und Sex“ medial eingeführt. Doch die Sendung war nicht wie gewohnt; es fehlte das Skandalöse.

Denn verborgen blieb dem Publikum ein 51jähriger amerikanischer Hinrichtungsexperte, der erstmals einem Millionenauditorium hätte darlegen können, daß es – nach seinen „wissenschaftlichen Untersuchungen“ – rein technisch gesehen keinen Massenmord an Juden in Auschwitz gegeben hat. Schreinemakers’ Gast zum Thema „Töten als Beruf“ war verhindert.

Fred A. Leuchter, Autor des „Leuchter-Reports“ (ZEIT 40/1992), saß zu dieser Zeit ganz unprogrammgemäß in einem Mittelklassewagen, unterwegs auf der Autobahn zwischen Köln und Mannheim, begleitet von drei Polizisten. Wenige Minuten vor der Sendung hatten ihn die Staatsschützer aus Mannheim im SAT-1-Studio festgenommen. Seit einem Jahr war der Ingenieur zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben gewesen, Grundlage für die Blitzaktion. Der Haftbefehl lautet unter anderem auf Volksverhetzung.

Die Folgen seines letzten öffentlichen Auftritts in Deutschland hatten Leuchter eingeholt. Damals referierte der Amerikaner, der sein Geld mit Hinrichtungsmaschinen für US-Gefängnisse verdient, vor 120 Zuhörern im Städtchen Weinheim an der Bergstraße. Ein Videofilm zeigt den Fachmann Leuchter gemeinsam mit dem Bundesvorsitzenden der rechtsextremen NPD, Günter Deckert. Und wie immer, wenn Leuchter irgendwo spricht, ging es auch an diesem 10. November 1991 um seinen „Report“, den er nach einem Blitzbesuch der ehemaligen NS-Konzentrationslager Auschwitz und Majdanek verfaßt hat. In fünfstelliger Auflage verbreitet, ist die über hundert Seiten starke Broschüre in der braunen Szene bekannt wie die erste Strophe des Deutschlandliedes. Die Behauptung, übersetzt vom ehemaligen Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch Deckert: Die Gaskammern der Nazis taugten nicht für die Massenvernichtung von Juden. Also gab es keinen Holocaust.

Die Veranstaltung wurde für Deckert zum Bumerang. Ein Jahr später verurteilte ihn das Mannheimer Landgericht wegen Volksverhetzung zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Hauptbeweisstück: der Videofilm, der ihn zusammen mit Leuchter zeigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Revision ruht beim Bundesgerichtshof.

Damals bei Deckert wie heute bei Leuchter heißt der Ankläger Hans-Heiko Klein. Der Mannheimer Staatsanwalt wurde bundesweit bekannt durch den Giftgas-Prozeß um Rabta, wo er als Ermittler gegen Imhausen-Chef Jürgen Hippenstiehl-Imhausen auf eine höhere Strafe drang und daraufhin vom Oberstaatsanwalt abgelöst wurde. Seitdem hat er die rechtsextreme Szene rund um Mannheim im Visier, einschließlich des NPD-Chefs Deckert, der im nahen Weinheim lebt. Kleins Beharrlichkeit hat ihm üble Beschimpfungen von rechtsaußen und eine Anzeige des NPD-Vorsitzenden eingebracht. Die originelle Begründung: „Aufstachelung zum Rassenhaß gegen Deutschbewußte“. Nach der Machtergreifung, so drohte Deckert öffentlich, wolle er den Staatsanwalt zum Klowärter umschulen lassen.

Bis es soweit ist, macht Klein seinen alten Job weiter. Die Anklage gegen Leuchter soll in diesen Tagen fertig werden. Und weil der Amerikaner wegen Fluchtgefahr wahrscheinlich in Untersuchungshaft bleiben muß – eine angebotene Kaution hat der Haftrichter schon ausgeschlagen dürfte es schnell zum Prozeß kommen. Bis zu fünf Jahre Gefängnis sieht das Strafgesetzbuch vor.

Martin Noé