Über lange Studienzeiten wird hierzulande oft geklagt. Eine nicht unerhebliche Ursache für die hohen Semesterzahlen wird dabei freilich ebensooft verschwiegen oder geflissentlich übergangen: Viele Studenten bleiben nur deshalb so lange an der Uni, weil sie Angst haben, und zwar Angst vor der Prüfung. Die einen bringen vor lauter Lampenfieber in Klausuren oder Kolloquien keinen einzigen Satz zustande und müssen alles noch einmal – und oft erst nach einem Jahr – durchleiden, die anderen melden sich erst gar nicht oder immer später zum Examen an. Unausgeglichenheit und soziale Vereinsamung sind noch die harmloseren Begleiterscheinungen dieser Angst, viele greifen aber auch zu Alkohol oder Psychopharmaka. Nicht wenige werden aus Angst am Ende tatsächlich krank.

Eine ungewöhnliche Methode, Prüfungsangst in den Griff zu bekommen, entwickelte jetzt das Psychologische Institut der Universität Tübingen. Im Rahmen einer Forschungsstudie absolvierten 24 Examenskandidaten – die ihre Abschlußprüfungen aus Angst um bis zu vier Semester verschoben hatten oder bereits in Teilprüfungen durchgefallen waren – ein „hypnotherapeutisches Trainingsprogramm“. In mehreren Sitzungen wurden sie in Hypnose auf die bevorstehenden Prüfungen eingestimmt, lernten, vorangegangene traumatische Prüfungserfahrungen zu verarbeiten und die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen, Streß und Angst besser in den Griff zu bekommen. Alle Teilnehmer berichteten nach dem Ende der Behandlung von weniger Streß und auch von einer verbesserten Fähigkeit, sich den Prüfungsstoff anzueignen, sowie über deutlich weniger Angst während ihrer Prüfungen, die 22 der 24 Kandidaten denn auch prompt bestanden. Das Tübinger Institut überlegt nun, regelmäßig solche Kurse einzurichten.

In vielen Fällen dürfte es freilich auch einfacher gehen. Bei einer dem Hypnoseprogramm vorausgegangenen Fragebogenaktion unter mehr als 450 Tübinger Examenskandidaten führten viele Hochschüler ihre Prüfungsangst nämlich auf ganz konkrete Ursachen zurück: auf den zu umfangreichen Prüfungsstoff und zu ungenaue Vorgaben der Dozenten. Außerdem beklagten sie, daß sich die Dozenten nicht genug um sie kümmerten. Eine vernünftige Reduzierung des Prüfungsstoffes und vor allem der vorzubereitenden Literatur – es müssen nicht immer gleich fünf Monographien und 25 Aufsätze zu einem einzigen Thema sein – sowie verbindlichere Absprachen zwischen Prüfling und Prüfer ließen danach bei vielen Studenten erst gar keine Angst aufkommen. Ein vergleichsweise einfacher Weg also, zu dem es eigentlich nur ein wenig guten Willens bedürfte. Oder sollte es gerade daran fehlen? Marco Finetti