Das Böse ist also wieder da", verkünden die Herausgeber Alexander Schuller und Wolfert von Rahden im Vorwort zu ihrem Aufsatzband "Die andere Kraft". Das Böse sei "omnipräsent und auf der Höhe der Zeit", es trete als "Gegenmacht, als der große Gegenspieler unserer von Sinn und Gott gesäuberten Wirklichkeit" auf, gar als "neue Verheißung".

Der emphatische, ja triumphierende Tonfall, in dem hier eine doch eigentlich recht beunruhigende Feststellung mitgeteilt wird, ist symptomatisch für eine unter deutschen Intellektuellen gegenwärtig verbreitete Stimmungslage. Angesagt ist die Lust an der Ohnmacht gegenüber Kräften, die zu groß sein sollten für die Instrumentarien unseres armseligen Verstandes. Seit die Fernsehnachrichten stündlich von weltweiten Massakern und Katastrophen berichten, zelebrieren deutsche Intellektuelle mit erstaunlicher Genußfähigkeit die Selbstaufgabe des Denkens.

Das Gewaltige, das sie da über den Erdball hereinbrechen sehen, beweist in ihren Augen den Bankrott der Aufklärung, der Moderne und des Liberalismus. Noch freilich befinden sie sich in Sicherheit, und so läßt sich das Ende der Zivilisation in angemessener Erhabenheit kommentieren. Aufkommende Irritationen angesichts unübersichtlicher, gefährlicher Realitäten werden durch die Beschwörung vermeintlicher anthropologischer oder metaphysischer Essentialien übertönt. Botho Strauß preist die Gegenaufklärung und unterlegt seinen Abgesang auf die heillose wirkliche Welt mit dem Stoßseufzer nach "Schicksal", "Opfer" und "Mythos". Hans Magnus Enzensberger diagnostiziert einen weltweiten totalen Bürgerkrieg, in dem Ideologien nur noch als Vorwand für einem sinn- und grundlosen Vernichtungswillen dienen. Das Endziel dieses Krieges aller gegen alle sei die Selbstauslöschung seiner Akteure. Angesichts solcher Perspektiven muß der Universalismus als moralische Überlastung des Menschen in seiner anthropologischen Verfaßtheit erscheinen. Wer vom Westen immer noch verlange, im ehemaligen Jugoslawien für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen, rede illusionärer Selbstüberschätzung das Wort, und mache sich zudem der Überforderung einer von täglichem Bilrang schuldig.

Strauß und Enzensberger haben zumindest so viel gemeinsam: Sie behaupten, ein schonungslo- ses Bild der Wirklichkeit zu enthüllen, und legitimieren doch nur ihre Entschlossenheit, sich von der Wirklichkeit nicht behelligen zu lassen. Während Botho Strauß zum Rückzug in den Hortus dankbaren Publikum, sich doch erst einmal um das eigene Land zu kümmern und all die Serben, Bosnier, Somalis und Tschetschenen, die ohnehin niemand so recht auseinanderzuhalten wisse, sich selbst und ihrem unkalkulierbaren Drang zu Zerstörung und Selbstzerstörung zu überlassen. In diesem Klima kommt die neue Rede vom "Bösen" gerade recht. Wenn Enzensberger den Terminus auch nicht verwendet, so ist der von ihm ausgemachte blinde Zerstörungswille doch eine Umschreibung dieses unerklärlichen Prinzips. Jedenfalls, wenn man ihrer Definition durch Leszek Kolakowski in seinem Essay "Des Teufels Pressekonferenz" folgt: "Der Satan tritt erst dort voll in Aktion, wo die Zerstörung kein anderes Ziel kennt als sich selbst, ( ) wo das Ziel nichts anderes ist als eine angenommene Maske, die den Zerstörungshunger legalisiert "

Man mag die Existenz einer solchen voraussetzungslosen, nur um ihrer selbst willen wirksamen Kraft, die von aller Sozialisierung und Zivilisierung unberührt bleibt, theoretisch überzeugend begründen können oder nicht. Es ist aber doch auf alle Fälle ratsam, jederzeit mit ihr zu rechnen. Denn die Annahme, daß das Böse unausrottbar selbst in den besten Absichten und Werken nistet, relativiert den unverdrossenen Fortschrittsoptimismus ebenso wie das fundamentalistische Idyll eines ursprünglichen, unbeschädigten Guten. Der Engel, meinte Paul Valery, unterscheide sich vom Teufel nur durch eine Überlegung, die ihm noch bevorstehe.

Das Böse jedoch für alle Übel dieser Welt verantwortlich zu machen ist eine faule Ausrede. Kräfte wie "Leidenschaft, Gier und Furcht sind nicht teuflischen Ursprungs; das Böse, so es ihrer Befriedigung dient, ist nichts weiter als ein notwendiges Werkzeug", erklärt Leszek Kolakowski. Die Erkenntnis, daß es das Böse gibt, besagt nicht viel mehr als eben, daß es das Böse gibt. Das Böse ist kein Zeichen für irgend etwas, es transportiert keine wie immer geartete verborgene Bedeutung. Am allerwenigstem taugt, es zum Aufputschmittel für ein von seiner eigenen akademischen Routine gelangweiltes unglückliches Bewußtsein. Noch einmal Kolakowski: "Das Wort böse beinhaltet nicht das geringste Quentchen Pathetik, es ist weder grauenvoll noch erhaben, sondern sachlich und trocken "

In der Euphorie der Wiederentdecker des Bösen haben solche wie andere notwendige Unterscheidungen und Eingrenzungen keinen Platz. Bei Alexander Schuller und Wolfert von Rahden gibt es das Böse im Dutzend billiger. Seine angebliche "Omnipräsenz" mache die Begriffe "der Tugend und des Guten" obsolet, die "ohnehin entleert sind". Daß das Böse jetzt recht behalte, das habe sich eine blind im Falschen verrannte "Moderne" selbst zuzuschreiben. Das "Scheitern der Aufklärung im dialektischen Dilemma, ihre Vollendung in der Banalität entweder des Sozialismus oder des Konsums" verleihe dem Bösen "seine kontiafaktische, seine befreiende Kühnheit".