Der Ort ist streng geheim, fremden Blicken unzugänglich. Er liegt in Saigon, 1951, als französische Militärs die Stadt bevölkern und Vietnam zu zerfallen beginnt. Dort aber, wo Mùi (Lu Man San) ist, das Mädchen aus der Provinz, bleibt es still, ist nichts zu spüren von Haß, Gewalt und Unverstand. Das Haus ist ein Schattenreich mit hellen Sonnenflecken, von Gitterornamenten und federleichten Wänden umstellt, pflanzenbewachsen und in ohrenbetäubenden Insektenlärm getaucht. Und es ist das Zuhause der unglücklichen Tuchhändlerfamilie, für die Müi zehn Jahre lang arbeiten wird, deren Wäsche sie reinigt, deren Boden sie auf ihren Knien scheuert.

Mùi ist eine Dienerin. Vor allem aber ist sie ein Kind auf Entdeckungsreise, mit weiten Augen und einer großen Neugierde im Bauch. Dabei ist sie in ein dichtes Labyrinth geraten, mit falschen Ausgängen, Türen, die nie verschlossen, Fenstern, die immer geöffnet sind. Es gibt kein Entrinnen. Manche werden hier ganz orientierungslos mit der Zeit, gehen sich selbst einfach verloren. Die alte Hausdienerin Thi (Nguyen Anh Hoa) zum Beispiel: Eines Morgens erzählt sie, daß ihr ein verwittertes Traumgesicht begegnet sei. Und weiß doch nicht, ob es ihr selbst oder der Mutter gehört. Müi aber ist jung und ahnungslos. Und sie ist glücklich. Erst viele Jahre später wird sie Worte finden für all das, was ihr damals begegnet ist. Dann wird es Zeit, sich an den Duft der grünen Papaya zu erinnern.

Tran Anh Hung, dem Regisseur, ist dieser Duft zutiefst vertraut. Als Dreizehnjähriger verließ er seine Heimat und zog 1975 mit seinen Eltern von Saigon nach Paris. Später besuchte er die Ecole Louis Lumière, nicht um die hohe Regiekunst zu erlernen, sondern einfach um zu erfahren, wie man eine Kamera bedient. Irgendwann wollte er zurückkehren, alles nachholen und das Vergangene zum Leben erwecken. Natürlich ist es anders gekommen, hat Tran Anh Hung sein Saigon nicht in Ho-Chi-Minh-Stadt wiederentdeckt, sondern in einem französischen Studio nachgebaut. Der Schauplatz seiner Geschichte sind Erinnerungen, willkürlich und authentisch zugleich, lauter Tatsachen, die frei erfunden sind.

Zwei Zeiten rahmen seine Erzählung ein, Eckpunkte einer Dekade. 1951, in Saigon, heult am späten Abend eine Sirene auf: Ausgangssperre. Und 1961 hören wir auf einmal einen Düsenjäger durch den Nachthimmel schießen. Es ist der äußere Lauf der Dinge eben, mehr nicht, ein fernes Etwas, das niemanden wirklich bedroht, schon gar nicht Müi. Tran Anh Hung hat um seine Heldin einen festen Kokon gesponnen, der sie unempfindlich macht für alle Trübsal dieser Welt.

Was Tran Anh Hung und sein Kameramann Benoit Delhomme in Szene setzen, ist eine schlichte Sensation und wurde dieses Jahr in Cannes mit der Camera d’Or belohnt. Immer wieder gelingen den beiden wunderbare Einblicke, finden sie verschwiegene Öffnungen, feine Durchlässe in lockerem Mauerwerk. Man meint, einer stummen Verschwörung beizuwohnen, bei der dunkle Nischen Schutz gewähren, Kinderhände sich vorsichtig öffnen und preisgeben, was ihnen ans Herz gewachsen ist.

Am Ende, ein Jahrzehnt später, geht jene Unschuld mit einem Mal verloren. Dann ist Müi (Tran Nu Yên-Khê) plötzlich ganz alleine mit Khuyen (Vuong Hoa Höi), dem Musiker, ihrem neuen Arbeitgeber. Noch immer ist sie Dienerin, noch immer nicht erwachsen. Da steckt sie unbemerkt ihre Füße in seine Schuhe, schminkt sich die Lippen und streift sich das glitzernde Kleid über, das ihr die frühere Herrin zum Abschied schenkte. Plötzlich wird sie entdeckt, rennt davon und findet nirgends eine Zuflucht. So stehen sie sich einen ewigen Moment lang gegenüber. Als sie einander in die Augen blicken, schauen sie sogleich verschämt zu Boden. Kurz darauf öffnet Mùi die grüne Papaya. Darin ist ein Meer von weißen Perlen. Ulrich Herrmann