Von Andreas Kilb

Er mußte an eine früher gelesene Geschichte denken, in der toskanische Bauernkinder ein Strohbündel in einer Höhle an der Straße entzündeten und so alte stumme Bilder an den bemalten Grabwänden entdeckten...

Edith Wharton, „Zeit der Unschuld“

Newport, Rhode Island, an einem Sommerabend. Zwei Personen in einer Landschaft: ein Mann in einem eleganten Leinenanzug, mit Stock und Hut, und eine Frau ganz in Weiß, mit einem Sonnenschirm in der behandschuhten Hand. Der Mann steigt langsam vom Hügel herab, auf dem das Herrenhaus sich erhebt, über der Bucht, in der die Wellen des Atlantiks schaukeln. Die Frau steht auf einem Landungssteg draußen im Wasser, den Blick abgewandt, in weiter Ferne, so nah. Ein Segelschiff gleitet hinaus, auf den Leuchtturm zu, der links auf einer Landzunge in den Ozean ragt, in das Blinken der Wellen, die rot und golden aufglühen im Sonnenuntergang. Das Meer ist ruhig, die Luft ist still. Dann hört man eine Stimme.

„Er gab sich eine letzte Chance“, sagt die Stimme der Erzählerin. „Sie mußte sich umdrehen, ehe das Schiff den Leuchtturm passiert hatte. Dann würde er zu ihr gehen.“

Aber Ellen Olenska dreht sich nicht um.

Als das Segelschiff an dem Leuchtturm vorübergeglitten ist, bleibt Newland Archer noch einen Augenblick lang stehen und schaut hinab, ratlos und verzweifelt. Dann geht er den Weg zurück, auf dem er gekommen ist, zurück zu dem Haus auf der Anhöhe, zu May, seiner jungen Frau, und ihrer Familie, zurück in ein Leben, das nicht mehr seines ist, seitdem er Ellen Olenska getroffen hat, die Amerikanerin aus Europa, die Heimkehrerin, die Frau am Meer.