Von Klaus Hartung

Die Differenz soll finanziert werden.“ Andrei Plesu, der rumänische Kulturhistoriker und Philosoph, sagt das mit großem Selbstbewußtsein und programmatischem Anspruch. Eine europäische Integration, diktiert von den Homogenitätsvorstellungen des Westens, ist für ihn ein Unheil. Nicht nur die „Lokalfarben“ würden verlöschen und die Kultur des Ostens veröden. Plesu spricht von „Einheitsentropie“. Politisch und ökonomisch würde ein solcher Homogenisierungsprozeß allenfalls die Ost-West-Spaltung verschieben, an die Grenzen von Polen und Tschechien etwa; dadurch aber würde sie dramatisch verschärft werden.

Andrei Plesu ist einer der beiden Preisträger des New Europe Prize for Higher Education and Research – ein Preis, der am vergangenen Donnerstag im Berliner Wissenschaftskolleg vorgestellt wurde. Eines läßt sich unschwer voraussagen: Sollten die Verhältnisse auf diesem Erdteil eine zivile Wendung nehmen, wird diese Berliner Inauguration in ein paar Jahren eine Legende sein. Die Idee ist neu. Daß sich sechs europäische und amerikanische Institutes for Advanced Studies – Princeton, Stanford, Triangle Park/North Carolina, Wassenaar (Niederlande), Uppsala, Berlin – zusammengefunden haben, hat es bislang noch nicht gegeben. Aber nicht nur daran erinnerte Wolf Lepenies, der Rektor des Wissenschaftskollegs. Noch ungewöhnlicher ist die Art der Förderung: Dem Preisträger gebührt die Ehre, aber mit dem Preisgeld von 75 000 DM sollen „durch ihn hindurch neue wissenschaftliche Strukturen“, „Heimatinstitutionen“ (Lepenies) gefördert werden. Ausgewählt werden die Kandidaten aus dem Kreis ehemaliger Fellows.

Der New Europe Prize setzt sich nolens volens dem Seilschaftsverdacht aus. Tatsächlich gab es in Rumänien schon tendenziöse Artikel gegen den Preisträger Plesu. Aber das gehört zu einem Land, in dem die Intelligenz den Reisenden von der ersten Stunde der Ankunft an entweder mit Verschwörungstheorien oder mit dem heißen Wunsch nach einem Auslandsstipendium traktiert.

Die Initiatoren des Preises haben jedenfalls genug Erfahrung mit osteuropäischen Verhältnissen, um vom traditionellen Wissenschaftsmanagement Abstand zu nehmen und sich für die Alternative zu entscheiden: die Rekonstruktion der Gelehrtenrepublik. Kein noch so qualifiziertes westliches Gremium kann die Lokalfärbung des wissenschaftlichen Notstands in Osteuropa verläßlich erfassen. Wenige Wissenschaftler aus jenen Ländern verfügen über ein Curriculum, das westlichen Kriterien standhält. Insbesondere Geisteswissenschaftler mußten mit ihrer Arbeit und ihren Interessen ausweichen, mußten sich maskieren, Orte und Winkel des Überlebens suchen. Ihre Karrieren liegen in Schubladen oder Dossiers der Geheimpolizei. Der hier fällige Begriff der Nische ist dabei äußerst ungerecht. Er verdeckt, daß in den obskuren Ecken der Selbstbehauptung der Zusammenhang der europäischen Zivilisation bewahrt wurde. Eine „Anschubfinanzierung“ wurde der Preis genannt. Aber jeder weiß, welche symbolische Bedeutung jede Initiative des Westens in Osteuropa hat. Sie wird mit größten Hoffnungen und ebenso großem Mißtrauen analysiert.

Es war ein bewegender kultureller Gegensatz an jenem Abend in der Berliner Wallotstraße: die Weitläufigkeit jener westlichen Civil Society der Wissenschaften und ihr gegenüber die beiden Preisträger, die bis in die Physiognomie hinein die Differenz darstellten. Der Altphilologe Alexander Gavrilov aus St. Petersburg, asketisch, mit spitzem Bart, beinahe scheu, ein Humanist, der das Imperium „unterlebt“ hat. Sein Projekt bewegt sich im Elementaren, zielt auf die Wiederherstellung der Fundamente klassischer Bildung: eine Halbjahresschrift mit dem aufschlußreichen Titel „Hyperboreer“; die erste Lieferung kommt aus den Schubladen der untergegangenen Sowjetunion; ungedruckte Aufsätze, Epigramme einer russischen Dichterin, vor zwanzig Jahren geschrieben. Das zweite Zeitschriftenprojekt – „Die antike Welt und wir“ – soll die klassische Bildung fördern. Nachrichten und Notizen für das neugegründete Gymnasium in St. Petersburg sind vorgesehen. Und dann fehlen die nötigsten Nachschlagwerke, fehlt der elektronische Zugang zum Thesaurus Linguae Graecae.

Andrei Plesu hingegen – von Lepenies als „unser fremdester Fellow“ apostrophiert – eine gedrungene Erscheinung, wählerisch und melancholisch. Wenn er vom alten Europa, von der „Gemütlichkeit der Belle Époque“ redet, verkörpert er sie auch, und zugleich imaginiert man das vielgestaltige Bukarest unter der Asche des Systems. Mit dem Begriff Belle Époque meint er allerdings nicht das 19. Jahrhundert, sondern jene Zwischenkriegszeit, auf die vom Baltikum bis nach Rumänien der Traum von Europa projiziert wurde.

Sein Lebenslauf ist ein Exempel. Er überlebte als Kritiker und Philosoph in der „Maskerade“ der kommunistischen Akademien und in elitären Zirkeln wie jenem berühmten Kreis um Constantin Noica, der sich in den Karpaten bei Hermannstadt zusammenfand. 1982 wurde er in ein Dorf in Moldawien verbannt. Er lebte vom Gehalt eines Dorfbibliothekars, bis ihn die Revolution aus seinem Exil riß und zum ersten Kultusminister des neuen Staates machte. Seine erste Amtshandlung war: eine Liste der Zensoren zusammenzustellen und den Rauswurf zu organisieren. Mit der Regierungskrise 1991 schied er aus dem Amt. Sein Vorschlag: ein kleines geisteswissenschaftliches Institut in Bukarest aufzubauen, das einen Kreis von Stipendiaten fördert.

In seiner Rede ironisierte Andrei Plesu den Namen des Preises – „New Europe“. Die Formel von 1989 – „Rückkehr nach Europa“ – meinte natürlich das alte Europa, das unter der Diktatur konserviert wurde. Als Melancholiker und Byzantinist ist er realistisch. Er beschwört nicht das Alte, hält die Modernisierung für unausweichlich und weiß, wie bitter der Weg sein wird: Denn die osteuropäischen Intellektuellen sind „Spezialisten der Tragödie“. Vor neuen Heilslehren aus dem Osten warnt er. Höchstens deutet er an, daß die westliche Jugend sich in Zukunft auch mit der byzantinischen Religiosität beschäftigen könnte, bevor sie zum Zenbuddhismus greift.

Sein vereintes Europa sieht er als die Rekonstruktion kultureller Zusammenhänge. Das Baltikum, der Donaukreis, Mitteleuropa. Nicht Vision, sondern „Einbildungskraft“ und die curiositas Ciceros sind sein Programm. Für ihn ist multikulturelle Vielheit nicht ein innenpolitischer Wert, nicht die politisch korrekte Gesinnung, sondern eine Überlebensfrage Europas. Der Beitrag des Ostens? „Die intellektuelle Unschuld“, die mit Platon, Heidegger, Benjamin, Schelling streitet, als seien es Zeitgenossen.