Von Christiane Peitz

Das Windrad quietscht. Jede Umdrehung ein Quietschen. Dazwischen ist Stille. Ein Mann knackt mit den Fingergelenken, einem zweiten tropft Wasser auf den Hut, der dritte fängt eine Fliege im Pistolenlauf, hält sich die Pistole ans Ohr, das Tier surrt darin.

Ein Ostinato (das Windrad), das Knacken, das Tropfen, Surren – das ist die Titelmusik von Sergio Leones berühmtestem Western. Das, was vorher kommt. Vor dem Lied vom Tod. Dann nähert sich der Zug, der erste hält seine Finger ruhig, der zweite trinkt das Wasser aus dem Hut, der dritte pustet die Fliege weg. Der Zug hält, läßt Dampf ab, fährt wieder an, und erst jetzt spielt der Mann mit der Mundharmonika seine berühmten drei Töne. Doch, es sind nur drei. Eigentlich sogar nur einer, der nach unten verwischt. Alles andere ist Verzierung, Umspielung, Sound. Henry Fondas Motiv, das im Duett mit der Mundharmonika ertönt, das Frauensolo für Claudia Cardinale, der Banjo-Marsch für Cheyenne, die musikalische Pazifik-Version: geschenkt.

Es gibt nur wenige Filmmusiken, die zu Recht berühmt sind. Ennio Morricones Lied vom Tod ist eine davon. Nicht wegen der Standard-Orchestrierung, der satten Streicherteppiche oder der Leitmotive, die den Figuren angehängt werden wie Namensschilder. Claudia Cardinale, die Frau, die am Schluß allein bleibt in einer Männergesellschaft, hätte wahrlich Besseres verdient als den Sopransingsang à la James Last. Nein, das Geniale ist die Stille am Anfang, aus der heraus der eine, schwankende Ton erklingt, der sich eben nicht zur Melodie fortsetzt. Das Lied vom Tod ist die unmögliche Melodie. Die Antwort auf die Frage, warum sie unmöglich ist, wissen wir erst zweieinhalb Stunden später.

„Verstehst du was von Musik?“, fragt der Mundharmonika-Mann: „Und bis zwei zählen kannst du auch?“ Damit ist der Plot treffend umrissen. Harmonica hat keinen Namen, seine Identität ist der schwankende Ton. „Spiel mir das Lied vom Tod“ erzählt die Geschichte dieses Tons. Die Tonschwankung rührt vom Schwanken des Jungen her, der unter der Last seines Vaters am Galgen schier zusammenbricht. Die Musik ist nichts weiter als der keuchende Atem, den der Junge durch das Instrument pustet, nachdem Henry Fonda es ihm in den Mund gesteckt hat. Und das Begleitmotiv zur Mundharmonika ertönt beim teuflischen Grinsen Fondas, der den Jungen in die mörderische Position unter dem Vater am Galgen gezwungen hatte. Der Klageton wird eingebettet in die Musik des Täters. Erst der Sadismus macht den überwältigenden Sound. „Spiel mir das Lied vom Tod“, das ist der Wunsch, der uns im Kino erfüllt wird.

These Nummer eins: Filmmusik ist gut, wenn sie sich aufspart.

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