Von Günther Nenning

Ein Knabe geht durch die Stadt, wunderkindlich offen für ihre altösterreichischen Zauberkunststücke, vermehrt um die jüdischen Ingredienzien seiner Familie, vermindert um das eingeboren Faschistoide des echt Wienerischen: das sind Erich Frieds Wurzeln.

Sie waren zu besichtigen, plus Wachstum und Krone dieses wienerisch-jüdisch-deutschen Dichters – des halb Vergessenen Wiederkehr kündigt sich schon an –, in einer kleinen, feinen Ausstellung der Wiener Nationalbibliothek; erste Ernte, liebevoll eingebracht von Volker Kaukoreit und Ingrid Schramm, aus zweihundert Nachlaßkisten.

Fried, in seinen Gedichten Meister der archaischen Liebe, Sehnsüchtiger nach Weltrevolution, vermummt in Agitprop, Schützer noch der Fliege, der kein Leids getan werden soll – ist der wahre Paraklet des Multikulti. Welches nämlich nicht politisch korrekte Verklemmung ist, sondern das schiere Leben in lauter Unvereinbarkeiten. Exakt das ist europäisch-jüdisches Leben.

So war die kleine Fried-Ausstellung eine kulinarische Vorspeise für den Hauptgang: das soeben eröffnete jüdische Museum in Wien.

Der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk ist ein Elementar-Ereignis, mit dem keiner fertig wird, auch er nicht. Als er 1986 in New York die große Ausstellung „Wien um 1900“ eröffnete, verkündete er dort zu jedermanns Überraschung, auch der seinen, Wien werde demnächst ein jüdisches Museum haben, „eines der wichtigsten und wertvollsten der Welt“. Wien hat es jetzt.

In den sieben seit der Zilkschen Verkündigung abgelaufenen Jahren glaubte außer ihm keiner so recht an eine nachfolgende Realität. Jüdische Museen entstanden in Amsterdam und Frankfurt, eines in Berlin ging in Planung. In Wien aber schien Wien zu siegen – nicht Wien als eine Hauptstadt europäischen Judentums; auch nicht Wien als historische Hauptstadt des Antisemitismus – sondern ein drittes, streng unparteiisches Wien: Welthauptstadt zur Verhinderung von Geist wie Ungeist.

Nachdem alle möglichen Standorte und Termine geplatzt waren und die schon gefundene Museumsdirektorin Danielle Luxembourg frustriert in die Flucht geschlagen ward – fanden sich rätselhaft plötzlich der ideale Ort und der ideale Direktor.

Das Palais Eskeles im Herzen von Wien, gleich beim Graben, war die Residenz einer jüdischen, treu habsburgischen Bankiersfamilie, von der schon die Kaiserin Maria Theresia finanziert und die österreichische Nationalbank mit begründet wurde. Hier hielt Cäcilie Freifrau von Eskeles Salon, eine jener emanzipierten Jüdinnen, denen die „arische“ Geistesgeschichte so viel verdankt, daß sie ihrer gerne vergißt.

Gewissermaßen Nachfolger der Salondame ist hier jetzt – nach mannigfaltigen Zwischenstufen, die ich willig überspringe – Julius H. Schoeps, 51, ein riesengroßer, athletisch und entschlossen wirkender Professor für neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Potsdam. Schon sein Vater war deutscher Professor. Die jüdische Familie kam nach Hitler frühestmöglich aus dem schwedischen Exil zurück, da war das Kind sieben, Hebräisch lernte es nie.

Als ob Österreich nicht selber gute Judaisten hätte, aber sie ließen sich aus dem Schaumbad akademischer Intrige nicht rasch genug trockenlegen, so kam es zur Blitzberufung des Potsdamer Professors. Hundertzwanzig Tage ist er in Wien, hundertzwanzig Tage im Reich des preußischen Erbfeindes, der Rest sind Ferien. Ein Stück „Anschluß“.

Aber nein, ich stehe fest und treu zu Zilk, der dieses Museum zustande brachte, ein urtümlich nichtjüdischer Judenfreund. Vielleicht wird nichts so sehr bleiben von ihm als dieses Wunderwerk. Er scheiterte zehnmal und siegte beim elften Mal, knapp ehe er, im kommenden Jahr, die von ihm so geliebte Politbühne verläßt. Ein ungeschlagener und ziemlich jüngerer Teddy Kollek von Wien.

Dieser selber flog aus Jerusalem in seine Geburtsstadt, um gemeinsam mit seinem Spezi Zilk unter rabbinatischer Oberaufsicht die schützende Mesusah-Kapsel an die Türe des Wiener jüdischen Museums zu nageln.

Im Keller eines Altersheimes fanden sich unversehrt, aber in sehr schlechtem Zustand, achtzig Prozent der Schätze des ersten Wiener jüdischen Museums, des ersten der Welt überhaupt, es existierte von 1896 bis 1938. Was bedeutet es, daß sie ausgerechnet so rechtzeitig auftauchten? Zeugnis ist es jedenfalls, außer von NS-Barbarei, gemildert durch Wiener Schlamperei, auch von fortdauernder Wurschtigkeit gegenüber jüdischen Dingen.

Die Unschätzbarkeit dieses Fundes wird komplettiert durch ebensolche Unschätzbarkeit der Sammlung Max Berger. Dieser, ein Wiener Möbelerzeuger, sammelte alles erst nach 1945, vor allem Tausende von Ost-Judaica.

„Ich glaube, daß man nur sammeln kann, wenn man nicht allein Liebe zum Gegenstand, sondern auch eine innige Beziehung und Verbundenheit zu der Stadt hat, in der man lebt.“ Das scheint nicht zu reichen, denn der Jude Berger setzt hinzu: „Ich könnte an keinem Ort der Welt so intensiv leben wie in Wien.“

Es wird mehrere Jahre dauern, bis sich das alles ausbreiten läßt im Palais Eskeles, zuzüglich der welteinmaligen Sammlung von fünftausend Stück Antisemitica, gestiftet von Martin Schlaff. Bis dahin überbrückt man mit Wechselausstellungen.

Die Erforschung des jüdischen Wien, so nötig und nützlich sie ist, stößt an eine unüberwindliche Schranke. Keine Wissenschaft kann begreiflich machen, wieso Juden – nach allem, was ihnen von Wienern angetan wurde – so unzertrennbar anhänglich an diese Stadt sind. Auf dem Skalometer: 1... Jude; 2... Jude in Wien; 3... Wiener Jude; 4... jüdischer Wiener; 5... Wiener – reihen Wien hebende Juden sich unvernünftig weit vorne nach Betonung von 1 Hals über Kopf gleich zwischen 4 und 5 ein. Als hätte es Hitler nie gegeben.

Hans Weigel, der bedeutende Kunstkritiker (4/5), riskierte die Schlußfolgerung: „Daß ich kein Österreicher bin, hat Hitler behauptet; wenn ich nach Hitler weiter behaupte, daß ich kein Österreicher bin, gebe ich ihm recht.“

Friedrich Torberg, Dichter und Kritiker (3/4), glaubte an Zusammenleben und Rückkehr, kehrte tatsächlich zurück, mit gerade noch genug Klugheit, seinen US-Paß in der Brusttasche zu behalten. „Daß ich als Jude (nicht obwohl Jude – als) mich mein Leben lang in Wien zuhause fühlen konnte, ist mir Beweis genug für die Natürlichkeit dieser Symbiose – aber es gibt noch andere und ojektivere Beweise, nicht nur für ihre Natürlichkeit, sondern schlechthin für ihre Notwendigkeit, ja ihre Dringlichkeit.“

Torbergs Kühnheit, geschrieben 1946, könnte als Programm gelten, das sich die Schöpfer und Betreiber des Wiener jüdischen Museums vornehmen.

Daß sie eigentlich kein Museum wollen, teilen sie mit fast allen, die heute Museum machen. Julius Schöps definiert sein Institut „vor allem als Begegnungsort, an dem sich Juden und Nichtjuden ... zum Gedankenaustausch treffen“.

Ein unvergleichliches, nicht sehr weit zurückliegendes Verbrechen wird auffällig ausgespart. Eingangs der Eröffnungsausstellung „Hier hat Teitelbaum gewohnt“ sind sechzehn Teitelbaums an der Wand zu lesen. Sie standen im Wiener Telephonbuch vor 1938. Folgt der dezente Hinweis: „Im Telefonbuch 1993 findet sich der Name Teitelbaum nicht.“

Welch strikte Schonung antisemitischer Gefühle, könnte ein böser Mensch ausrufen. Aber hier sind keine bösen Menschen, sie rufen nichts aus, sie sind „Museumsdidaktiker“ und haben vollkommen recht.

Wie es ein zu erwartendes junges Publikum sieht – zum ersten Tag der offenen Tür kam es schon reichlich –, bleibt zu erforschen.

Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek hat in einem der 28 Kabinette, in denen hier Teitelbaum wohnt, ein permanent rotierendes „Ringelspiel“ installiert, mit Werkstücken und Photos betreffend den Wiener-Werkstätten-Künstler Powolny: Kaffeetasse mit Kaiserkrone; Sargschmuck für den Austrofaschisten Dollfuß, ermordet von Nazis; Adler mit Hakenkreuz; Gestaltung der Schau „Nie vergessen“ 1946. Wie singt Hermann Leopoldi: „Schön ist so ein Ringelspiel, es dreht sich um und kost’ net viel.“

Der quirlige Jungarchitekt Martin Kohlbauer hatte die Königsidee, Treppen und Fußboden des Museums mit Wiener Stadtplänen zu überziehen, auf denen die strahlenden historischen Kerne jüdischen Lebens eingezeichnet sind. Ergebnis: Wien bleibt Wien und wird zugleich zur Stadt des Judentums.

Im Dienst der guten Sache scheuen die engagierten Diener dieses Museums vor fast nichts zurück. Während der Beweis für überflüssig gilt, daß auch „Arier“ Menschen sind, denn die „Arier“ haben nämlich bedeutende Künstler, Wissenschaftler usw. hervorgebracht – muß für die Juden dieser blödsinnige Beweis natürlich geführt werden.

Also: Die Juden, höret, liebe „Arier“, haben bedeutende usw. hervorgebracht. Teitelbaum genügt nicht, dies ist die Stadt Sigmund Freuds, Arthur Schnitzlers, dutzendweise haben wir sie, die wienerisch-jüdische Prominenz.

Logischerweise sieht man also zur Eröffnung – nach Durchschreiten der Ausstellung des deutschjüdischen Künstlers Heinz Mack: wundervoll farbige Abstracta zu Manfred Hausmanns Interpretationen des Hoheliedes – gleich zwei Freud-Ausstellungen:

„Wien IX. Berggasse 19“: Photographien von Eduard Engelman, entstanden in der Schreckenszeit, da die Nazis schon da waren und Freud noch nicht weg aus der Stadt.

Und „Die Freudianer“: dramatische Photos, die Tim Gidal auf dem Internationalen Kongreß für Psychoanalyse machte, Luzern 1934, als heftigst gestritten wurde zwischen Freud-Loyalisten und Teuto-Tiefenpsychologen. Ferner auch noch, als ob das nicht genügte, luxuriöserweise unter den Freudianern selber über den Besitz der wahren Lehre.

Von Josef Hans Speer, jüdischer Schriftsteller und gebürtiger Wiener, gibt es eine Erzählung „Die Reise“. Da bekommt einer, der am nächsten Tag zurückkehren will aus der Emigration in sein Wien, in der Nacht einen Herzinfarkt. Er kann nicht fahren, außer im Traum. Irgendwie ähnlich geht es einem, wenn man in diesem wunderbaren Museum zurückfährt in ein vergangenes jüdischwienerisches Wien.

Und ich bin ja so froh über die kompetenten Museumsbetreuer, die mir sagen: Aber geh, so schlimm (war es zwar) ist es aber nicht. Nein, wirklich nicht. Es gibt sogar, sagen sie und glaub ich ihnen, eine wienerisch-jüdische Zukunft. Sie lebe hoch.