Vision: Ende 1994, fünf Jahre nach der Wende, erfolgt die Kehrtwende. Makler, Entwicklungshelfer, politische Karrieristen und Beamte ziehen sich nach Westdeutschland zurück. Straßen und Plätze werden wieder umbenannt, Bücher um- und Lehrer ausgetauscht. Unterschieden wird zwischen kapitalistischen Kollaborateuren und sozialistischen Widerstandskämpfern. Kinder lernen nach neuen - den alten Schulbüchern, warum die ehemals neuen, nun fünf Jahre alten, falsch waren. Kinder lachen, Kinder nicken, Kinder glauben.

Schiefer Vergleich, natürlich. Doch so von unten betrachtet. Im Juni 1940 marschieren die Deutschen im Elsaß ein, im Februar 1945 erfolgt der Rückzug, fünf Jahre, in denen Jean Thomas Ungerer zu Johann Ungerer wurde, in denen er die Sütterlinschrift schreiben, Nazilieder singen und Judennasen zeichnen lernte. Eine Zeit, die den Grundstein zu Tomi Ungerers "Chamäleon Fähigkeit" legte: "Zuhause Franzose, , in der Schule Deutscher, mit meinen Kameraden Elsässer Es ist nicht nur die Geschichte Tomi Ungerers.

"Die Gedanken sind frei - Meine Kindheit im Elsaß" ist ein Buch der Fragezeichen, ein Geschichtswerk voller Geschichten, ein Familienalbum als politische Alltagschronik Über sein erstes Fragezeichen stolpert der neunjährige Tomi, als die Deutschen im Gleichschritt einmarschieren. Nicht die bedrohlich beschriebenen und karikierten Hunnenhorden tauchen da auf, sondern ordentliche, freundliche Soldaten, "zu allem Überfluß sympathisch".

Die Fragezeichen häufen sich: Warum darf der großbürgerliche, aber arme Tomi - inzwischen Hans - eher mit Ariern spielen als mit Wackes, mit elsässischen Proletarier] ungs? Warum soll er nicht zur HJ und diesen wunderschönen Dolch tragen, warum nicht diese mitreißenden Nazilieder singen?

Und dann die Befreiung, nach der sich jeder gesehnt hatte: amerikanische Soldaten, mit ihrem überheblichen Phlegma, die Kaugummis in die Luft werfen, damit sich die Kinder - wie junge Wilde um Glasperlen - darum schlagen; die arrogante Wut der Franzosen, die Goethe- und Schillerbüsten zerstören und wieder die elsässische Sprache verbieten ("CeStchic de parier franqais") wie ehemals die Deutschen, die das Trägen von Baskenmützen unter Strafe stellten und alle Wasserhähne abschrauben ließen, auf denen "froid" und "chaud" zu lesen war.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Der junge Tomerle haßte die Deutschen, verspottete und karikierte sie, und der alte Tomi weiß, daß seine Anekdoten im Vergleich zu vielen Tragödien dieser Epoche wie Erinnerungen an "große Ferien" erscheinen, daß "dieses Buch auf den ersten Blick fast beleidigend wirken könnte". Aber gerade dieses weltgeschichtliche Nebenbei macht "Die Gedanken sind frei" zu einem großen politischen Buch. Nicht die Chronik des Entsetzens wird da ausgebreitet, sondern der normale politische Wahnsinn, der erst dann hervorkriecht, wenn sich Ideologien verändern, Grenzen verschieben oder Lehrpläne wechseln. Und die jugendliche Neugier des Lesers kann sich hier nicht einfach in entrüstetem Kopfschütteln erschöpfen, und vor Unmenschlichkeiten erschaudern, über die sich jeder mit einem moralischen Klimmzug aufschwingen kann.

1940 ziehen die feldgrauen Besatzer in die Erdgeschoßwohnung des Hauses Ungerer in Logelbach ein. Tomi Ungerer hört sein erstes "Heil Hitler", um das man sich später mit "Ein Liter" herummogelt. Ein Waffenmeister klopft an die Tür, führt sich ein "Mit dem strahlenden Lächeln des Fanatikers verkündete er, er habe drei Söhne, von denen zwei bereits für den Führer gefallen seien, und daß er bereit sei, zum Ruhme des Dritten Reiches auch den dritten zu opfern. Die Augen von wagnerianischer Sehnsucht verschleiert, deutete er auf die Kastanienbäume, die vor dem Haus standen, und sagte: Frau Ungerer, der Tag wird kommen, an dem an jedem Ast dieser schönen Bäume ein Jude hängt. Er zog ein Papier aus seiner Tasche und reichte meiner Mutter das Rezept seiner Frau für Möhrenkuchen Wer in diesem Buch Schwarzweißmalerei erwartet, wird enttäuscht, die Zeichnungen Tomi Ungerers sind - schon mit zwölf - böse karikierend, aber farbig. Vielleicht verdankt er sein waches, offenes Auge und den bitteren Strich seines Zeichenstifts dem Elsaß, diesem Land, in dem sich - von Krieg zu Krieg hin- und hergeschoben - Toleranz auch als schwarzer Humor zeigt. Frei von Schuld - weder Vichy Franzose noch HitlerDeutscher - erlaubt sich Tomi Ungerer noch heute Scherze, die den politisch korrekten Geschmack verletzen: mit Naziemblemen, mit Juden, mit dem Geständnis, alte Nazimarschlieder zu singen "Elsässer Luxus!"

Nein, in dem Buch kommt nichts so, wie wir es gerne möchten. Aber wer das "Große Liederbuch" von 1975 mit den über 200 deutschen Volks- und Kinderliedern bewundert, sollte sich bewußt sein, daß "Stinkerle" Ungerer die Entwürfe schon als Junge zeichnete, und es nach 1945 wohl nur einem Elsässer einfallen konnte, diese Erblast zu sammeln und zu illustrieren.

"Meine Mutter warf nichts weg. Ich auch nicht So beginnt das Buch, und so präsentiert es sich: als Familienalbum der Alltagskultur, als Welt der Zeichen, wie eine verstaubte, aber nie in Vergessenheit geratene Kiste auf dem Dachboden, randvoll mit Zeichnungen, Schulheften, Photographien, Postkarten, Spielsachen, Briefen, Zeugnissen, Flugblättern und Zeitungsausschnitten. Nicht als "Verteidigung der Kindheit" gedacht, sondern als Angriff auf normierte Erinnerungen der Gegenwart. Da werden "Mutter Kind" Briefmarken der Deutschen und Franzosen nebeneinandergestellt, Karikaturen von Juden kombiniert, Photos der idyllischen Kastanienallee mit dem Galgen im KZ Struthof verbunden, da preist der Klebstoff Uhu seine Fähigkeit an, deutsche Panzer mit Alleskleber spielfest zu machen ("Modellbau ist kriegswichtig! Auch der Nachbau von Heerestypen ist ein Teil vormilitärischer Erziehung!"), da findet sich der deutsche HJ Dolch als Pfadfindermesser wieder.

Tomi Ungerer mißtraut Wörtern, zweifelt an jenen Kindheitserinnerungen, die fünfzig Jahre alte Dialoge angeblich interpunktionssicher wiedergeben, setzt dafür auf Bilder und die Freiheit der eigenen Gedanken des Lesers. Daß es trotzdem genügend Material für Interessenten an der Ungerer Vita gibt, versteht sich. Berichtigungen in eigener Sache, Entblößungen und Versteckspiele und allzu Intimes. Mutter: "Mein Prinz, mein Märchenprinz! Du bist ja so schön! . Du bist schön, weil du nur ähnlich siehst "

Doch solche Geschichten erscheinen nur als Marginalien, als biographische Miniaturen eines begabten, kränklichen, verhätschelten Kindes, das voll Sehnsucht die Schulkameraden beobachtet, wie sie in ihren Uniformen im Gleichschritt zum Fußballfeld marschieren. Diese Gefühle sind es, die Tomi Ungerers Kindheitserinnerungen zu einem politischen Buch machen: Politik spiegelt sich in den wichtigsten, weil formbarsten Volksgenossen - den Kindern.

"Meine Kindheit im Elsaß" spielt ebenso heute in Leipzig, Sarajevo, Mogadischu oder Belfast, mit anderen Bildern, anderen Verordnungen, anderen Liedern. Bücher, die noch geschrieben werden müssen, die nur wahr werden, wenn sie voller Widersprüche sind, voller Geschichtsschnipsel, die das Licht nicht bündeln, sondern streuen.

"Die Gedanken sind frei" schließt mit der Photographie eines Storchennestes auf einer Hausruine.

Tomi Ungerers "morbide Unempfindlichkeit gegenüber Geschichte" ist vielleicht der beste Anlaß, sich Gedanken zu machen "Storchenkot brennt nicht, das sagt man jedenfalls im Elsaß " Diogenes Verlag, Zürich 93; 144 S, 39- DM