Die Dichter haben es immer schon gewußt: Nichts läßt sich mit Paris vergleichen, so feierte bereits im 14. Jahrhundert Eustache Deschamps in einer Ballade die Einzigartigkeit der Stadt an der Seine, und er nannte auch sofort all die anderen beim Namen, denen sie den Rang abgelaufen hatte: Babylon, Rom, Ninive, Florenz, Pavia und Troja, nichts blieb bestehen vor dem Glanz von Paris, und "selbst alle Städte, die jemals sein werden, werden sich mit dir, einzige, nicht vergleichen können".

Dabei ist es für Jahrhunderte geblieben. Welche andere Stadt hätte auch konkurrieren sollen mit dem mythischen Paris? Rom zehrte von einer großen Vergangenheit, ohne eine wirkliche Gegenwart zu finden. London war durch seine Insellage für Europa immer exterritorial. Deutschland hatte durch seine staatliche Zersplitterung nie ein unumstrittenes Zentrum ausbilden können, und die einzige Stadt, die später Paris an die Seite treten sollte, Berlin, wurde erst durch die Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer ernsthaften Konkurrentin. Nein, für Jahrhunderte war Paris die unanfechtbare Hauptstadt Europas. Ihren Höhepunkt aber fand diese Entwicklung im 19. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert war Paris mit seinen Revolutionen nicht nur politischer Brennpunkt eines Kontinents, der seinen Weg in die Moderne suchte, es war zugleich auch ein kultureller, intellektueller, sozialer und anthropologischer Schmelztiegel, in dem all die Substanzen zusammengekocht wurden, mit denen die Alte Welt Europa sich auf die Höhe der neuen Zeit bringen wollte. Paris wurde zum Inbegriff der modernen die das jahrhundertealte Bild vom Menschen vollkommen zerstörte, um an seiner Stelle ein neues, ein eigenes zu setzen. Der Mythos von Paris ist der Mythos der Moderne schlechthin.

Auf dem wunderschönen Umschlag von Karlheinz Stierles Buch "Der Mythos von Paris: Zeichen und Bewußtsein der Stadt" ist ein Gemälde Victor Navlets aus dem Jahr 1852 reproduziert, "Paris vu des toits du Louvre", das mit einem Blick all das überschaut, was den Mythos dieser Stadt ausmacht: Im Vordergrund die Seine mit ihren Quais, der Pont des Arts, über den eine dichte Menge von Passanten strömt; etwas weiter in der Tiefe der Pont Neuf, dessen schwere, steinerne Bögen die Ile de la Cite mit dem Land verbinden; dann die stumpfen Türme von Victor Hugos Notre Dame; rauchende Fabrikschlote irgendwo zwischen Rue Dauphine und Boulevard SaintGermain; am Horizont die Silhouetten des Panthöon und der Montagne Sainte Genevieve - Namen und Zeichen, emblematische Bilder, Worte einer mythischen Sprache, die immer und immer wieder gelesen werden will.

Karlheinz Stierle hat sich an diese Lektüre gemacht - und was hat er nicht alles entziffert in den Buchstaben dieser Schrift! Das Ergebnis seiner Lese Arbeit legt er jetzt in einem wahrhaft überwältigenden Buch vor, einem umfassenden, fast tausendseitigen Kompendium der Paris Mythologien von den ersten Anfängen bei Deschamps bis zu ihren Höhepunkten im 19. Jahrhundert bei Victor Hugo und Charles Baudelaire. Was dabei herauskommt, ist alles andere als ein intellektueller Reiseführer - obwohl der Leser von manchem Kapitel auch in diesem Sinne profitieren kann , es ist eine Bilder- und Bewußtseinsgeschichte der Stadt Paris und damit des modernen GroßstadtMenschen schlechthin; ein Geschichtsbuch von einer solchen Materialfülle, daß es unmöglich ist, davon auch nur annähernd einen zusammenfassenden Begriff zu geben.

In der Einleitung "Die Lesbarkeit der Stadt: Annäherungen an eine Sehweise" erläutert Stierle, woher die Anregung zu seiner Arbeit kam: von Walter Benjamin und dessen unvollendetem, selbst schon wieder zum Mythos gewordenen "Passagen" Projekt. In der letzten Phase wollte Benjamin seinem Buch den Titel "Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" geben und machte damit deutlich, worum es ihm im Grunde ging: Um eine geschichtsphilosophische Darstellung des 19. Jahrhunderts, die in der Stadt Paris die materiellen Kristallisationen der historischen und anthropologischen Prozesse jener Epoche entziffern wollte.

Stierle aber hatte nicht die aussichtslose Absicht, Benjamins "Passagen Werk" zu Ende zu führen; seine Arbeit hat sich im Laufe der Zeit durchaus vom einstigen Vorbild entfernt. Vor allem hat der Literaturwissenschaftler Karlheinz Stierle sich im wesentlichen auf den Paris Mythos in der Literatur beschränkt - und das aus gutem Grunde: Es geht ihm nicht um ein Bild der Stadt als solcher, sondern darum, zu zeigen, wie in bestimmten historischen Augenblicken die Menschen selbst sich ihr mythisches Bild von Paris machten; wie die Zeitgenossen selbst die Stadt und ihren Mythos lasen. Dafür jedoch bietet eine Untersuchung der Literatur die besten Voraussetzungen, denn vor allem in der Literatur wurden die mythischen Bilder geschaffen, die wir mit der Stadt verbinden. Victor Hugos "Notre Dame de Paris" ist beispielsweise Vorbild und Höhepunkt des Mythos von der gotischen Kathedrale im Herzen der Stadt - gleichzeitig dessen Urbild und letztmögliche Gestalt.

Man geht wohl nicht fehl, in Stierles Einleitung eine Hommage an Benjamins berühmte "Erkenntniskritische Vorrede" aus dem Trauerspielbuch zu sehen; ebensowenig tut man ihm Unrecht, wenn man dem Leser auch hier Benjamins eigene Empfehlung mit auf den Weg gibt: Man sollte die Einleitung erst am Schluß des Buches lesen. Zwar präsentiert Stierle hier das ganze methodische Handwerkszeug, mit dem man es in den folgenden Kapiteln zu tun haben wird, doch der hohe Abstraktionsgrad, der leicht entmutigt, ist sehr viel leichter zu überwinden, wenn man bereits die Fülle des Materials und der Analysen kennt. Die theoretischen Vorbemerkungen erklären jedoch genau, womit man es in diesem Buch zu tun hat: Eine Untersuchung des Mythos von Paris ist keine materiale Geschichtsschreibung, sie fragt lediglich danach, welche Gestalt die Stadt im Bewußtsein der Menschen gewinnt - und wie die Stadt ihrerseits dieses Bewußtsein zu formen vermag. Vorausgesetzt wird für ein solches Unternehmen ein Begriff von der "Lesbarkeit der Stadt", in dem die Wirklichkeit selbst zu einer deutbaren Schrift wird.