In Bonn wird in einer großen Retrospektive das Werk von Gerhard Richter gezeigtDer Maler am Ende seines Mythos

Von Petra Kipphoff

Der erste Blick in der Ausstellung Gerhard Richter, circa 130 Bilder aus 30 Jahren, fällt auf 48 Männerportraits. Zum Beispiel Thomas Mann und Paul Hindemith, Albert Einstein und André Gide. Männer, die in die Ewigkeit der Lexika eingegangen sind, aus denen Gerhard Richter sie eher wahllos als zielstrebig herausgesucht, die Photos vergrößert und abgemalt hat. Und dann wieder Photos von den Bildern gemacht hat. Die Photos sehen aus wie die Bilder und die Bilder wie die Photos, und die Männer sehen eigentlich auch alle gleich aus. Charakterköpfe unter sich, einer wie der andere, gleiches Format, gleicher Abstand.

Diese Bilder-Photos, die Gerhard Richter zum erstenmal 1972 im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gezeigt hat, hängen, in acht Reihen ordentlich über- und nebeneinander sortiert, im inneren Halbrund des Ausstellungseingangs. Man verläßt dieses seltsame, viril-senile Mini-Mausoleum und sieht auf der Außenseite des Halbrunds das, was Richter „Abstraktes Bild“ nennt: 120 kleinformatige, mit regelmäßigem Zwischenraum gehängte Bildtafeln, rotes Streifen- und Gitterwerk über grün/weiß/blau, verwischt, verschmiert. Das „Abstrakte Bild“ aus 120 Bildern stammt aus dem Jahr 1992. Also könnte der Künstler sich vom Photo-Realismus über zwanzig Jahre hinweg zur Abstraktion bewegt haben.

Anzeige

Eine Bilderbuch-Geschichte der Moderne, die allerdings schon von anderen geschrieben wurde, die seit den Tagen von Mondrian, Malewitsch und Kandinsky gut bekannt und oft variiert wurde. Wenn dann der Blick des Ausstellungsbesuchers vom „Abstrakten Bild“ auf eine Landschaft aus Samt und Seide fällt und, ein wenig weiter, auf monochrome Lackstreifen, die das Angebot des Anstreichers in die Kunst-Ausstellung zu bringen scheinen, dann merkt jeder, daß es so nicht stimmt. Denn die Geschichte des Malers Gerhard Richter hat zwar ihren durch die Biographie, den Wandel der Themen und Techniken bestimmten Verlauf, ihre Entwicklung. Aber sie hat sich nicht linear entwickelt. Das „Abstrakte Bild“ entstand zwanzig Jahre nach den Photo-Portraits. Es ist aber nicht nur, wie die Bonner Hängung sehr richtig zeigt, die Folge, sondern die Kehrseite der Photo-Portraits. Das eine ist so gültig und machbar wie das andere. Es gibt keine Prioritäten. Und weil das so ist, ist die von Richter selber in Zusammenarbeit mit Kasper König konzipierte und gehängte Ausstellung auch nicht eine Chronologie, sondern ein Universum der Bilder von Gerhard Richter.

„Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Photos, die Natur, mich und meine Bilder. (Denn Stil ist Gewalttat, und ich bin nicht gewalttätig.)“ Der Satz aus Richters Notizen der Jahre 1964/1965 ist, zieht man die kleinen Koketterien der Übertreibung ab, ein frühes Programm dieser Programmlosigkeit, die sich nicht zuletzt aus Richters Herkunft erklärt. Mit zwanzig Jahren begann er als Student der Malerei an der Akademie seiner Geburtsstadt Dresden, schloß das Studium nach fünf Jahren mit einer Diplomarbeit ab, bekam als Meisterschüler ein Atelier zur Verfügung gestellt. Anders als zum Beispiel der rundum aufrührerische A.R. Penck, für den es in der DDR keine Überlebensmöglichkeit gab, hätte Richter ohne Not bleiben können und dank seiner handwerklichen Fähigkeiten eine Karriere machen können. Wie Werner Tübke zum Beispiel, der malerische Techniken ähnlich brillant beherrscht wie Richter. Wenn er die DDR trotzdem 1961 verließ und nach Düsseldorf umzog, so war es nicht so sehr die Möglichkeit der freien Entscheidung, die ihn in den Westen zog, sondern vor allem die Möglichkeit, sich nicht entscheiden zu müssen, den Zweifel so lange zum Thema machen zu können, wie er es selber aushielt.

Er hat es bis heute ausgehalten. Im ständigen Widerspruch zu sich selber ist er sich selber immer treu geblieben. Aus einer Richter-Ausstellung könnte man, beim Sortieren der Stile, ohne Mühe fünf Ausstellungen machen. Und müßte gleichzeitig zugeben, daß ein Bild von Richter immer zu identifizieren ist, egal, ob es eine graue Monochromie oder eine farbige Landschaft oder eine Abstraktion ist. Keine Entscheidung, kein Programm, kein Stil, außer für vorläufig. Was John Cage, der Amerikaner, zwischen den Wörtern, Klängen und Bildern der Phantasie des Zufalls spielerisch anheimgab, das hat Richter mit gnadenlos deutscher Gründlichkeit betrieben. Und ist der neben Georg Baselitz, Anselm Kiefer und Sigmar Polke renommierteste und teuerste deutsche Künstler geworden.

Die Photo-Vorlagen, nach denen er seine ersten Bilder im Westen malte, waren Banalitäten aus dem Familien-Album, dem Prospekt, der Zeitung. Er wählte sie aus, er hätte ebensogut auch viele andere nehmen können. Manchmal waren sie verwackelt, und Richter verwischte sie in der Reproduktion noch zusätzlich, „um alles gleich zu machen, alles gleich wichtig und gleich unwichtig“. Bei genauem Hinblicken sieht man allerdings auch, daß Verwischungen hier und Präzisierungen dort nicht in der Vorlage gegeben sein können, sondern die Entscheidung des Malers sind.

Service