Ein ganz besonderes Blatt!

Von Wolfgang Büttner

Heinrich Börnstein, der Gründer des Pariser Vorwärts! von 1844, wäre ohne sein merkwürdiges Blatt der Nachwelt kaum bekannt. Der gebürtige Hamburger verbrachte seine Jugend in Lemberg, wurde Soldat, schied als Zwanzigjähriger wegen eines Duells aus der österreichischen Armee aus, studierte Medizin und widmete sich dann der Journalistik und der Schauspielerei. Anfang der vierziger Jahre führte ihn sein Weg als Regisseur einer Operntruppe nach Paris. Von einer Zeitungsgründung versprach sich der nun bald Vierzigjährige die Wende seines Lebens. In Paris lernte Börnstein den bedeutenden Komponisten und Musiker Giacomo Meyerbeer kennen, der eigentlich Jakob Liebmann Meyer Beer hieß und aus Tasdorf bei Berlin stammte. Meyerbeer besaß nicht nur künstlerisches Talent, er war auch klug und vor allem sehr reich. Zeitungen waren ihm wichtig, denn sie konnten künstlerische Erfolge publizieren und wirksam vermehren. So schenkte er Börnstein die Summe, die für eine Zeitungsgründung erforderlich war.

Die Marktlücke, die Börnstein erkundet hatte, versprach seinem Unternehmen Erfolg: Eine freie deutsche Zeitung, das war angesichts der strengen Zensur in den deutschen Ländern schon eine Rarität. Zudem sollte das Blatt in Paris erscheinen, wo fortschrittliche Traditionen lebendiger waren als in jeder anderen Großstadt. Börnstein schätzte die Zahl der dort lebenden Deutschen auf 80000. Nach neueren Untersuchungen waren es immerhin gegen 41000. Die deutschen Emigranten konnten ein potentieller Leserkreis sein. Außerdem erhoffte sich der rührige Mann auch einen guten Absatz in Deutschland selbst. Wollte er allerdings dieses Ziel, womöglich gar in Preußen, erreichen, so war politische Zurückhaltung geboten.

Anzeige

Im Werbeprospekt vom 4. November 1843 erklärte Börnstein, er wolle „mit der gewöhnlichen Zeitungspolitik nichts zu tun" haben, strebe vielmehr an, „selbst ernsten Dingen die heitere Seite abzugewinnen . Witz und Humor" sollten „Nützliches wirken für Wahrheit, Recht und Aufklärung". Das waren edle, aber schwer erfüllbare Ideale in einer Zeit, da in Deutschland Adelsmacht den industriellen Fortschritt noch wesentlich hemmte, bürgerliche Rechte und Freiheiten fehlten, andererseits aber frühkapitalistische Unternehmerpraxis ernste soziale Spannungen und auch schon kommunistische Utopien in unruhigen Köpfen hervorrief. Börnstein wollte eine Zeitung, die von oppositionellen Bürgern wie von unzufriedenen Arbeitern gleichermaßen akzeptiert und von der Obrigkeit, vor allem in Deutschland, zumindest geduldet würde.

Für diese kaum zu meisternde Gratwanderung engagierte der kühne Zeitungsunternehmer einen Redakteur, der ihm mehr schaden als nutzen konnte: Adalbert von Bornstedt. Der preußische Adelssproß und vormalige Offizier eines Berliner Garderegiments war in der Emigration verarmt, in der französischen Fremdenlegion gescheitert und lebte nun in Paris mehr schlecht als recht von Beiträgen für Zeitungen unterschiedlichster politischer Couleur, darüber hinaus von bezahlten Informationen auch für die preußische Regierung. Unter deutschen Emigranten genoß er einen schlechten Ruf. Heinrich Heine urteilte, das sei „der verworfenste und zugleich der gefährlichste Mensch". Nun kreierten der politisch unerfahrene Theatermann und der ehemalige Leutnant, preußischer Agent und Dissident zugleich, eine neue Zeitung. Schaukelpolitik bestimmte zunächst ihr Profil. Dabei sollte sie ganz unpolitisch scheinen, wie ihr Untertitel versprach: „Pariser Signale aus Kunst, Wissenschaft, Theater, Musik und geselligem Leben". Aber derartige Beschränkung war nicht realisierbar. Schon in der ersten Nummer bezeichnete Börnstein „Preßfreiheit und Öffentlichkeit der Gerichte" als wichtigstes und nächstes Ziel für Deutschlands Entwicklung. In den ersten Nummern kam er mehrmals auf dieses Thema zurück. Er erstrebte „eine konstitutionelle Monarchie mit liberalen Garantien und freier Presse". Auch ein paar holprige Verse versicherten deutschen Fürsten, die von derartigen Neuerungen nichts hielten, daß das „freie Wort" doch „der Throne wahrster Freund" sei.

Hoch in der Gunst der Redaktion stand der preußische König Friedrich Wilhelm IV. Obwohl er auf dem Huldigungslandtag in Königsberg erst wenige Jahre zuvor liberale Hoffnungen enttäuscht hatte, rühmte ihn das Blatt in einem Artikel vom 17. Januar dennoch als „Mann von so hoher geistiger Bildung, von so vielem gründlichen Wissen, von so tiefem rein menschlichen Gemüte", daß an Mängeln in der preußischen Politik nur die weniger klugen Berater des Königs schuld sein könnten. Schlecht paßte allerdings zur Laudatio auf den Monarchen ein fast gleichzeitig gedrucktes Gedicht von Heinrich Heine, in dem Friedrich Wilhelm IV als „König Philipp" mit „seinen uckermärkschen Granden" bespöttelt wurde.

Folgerichtig erntete der Vorwärts! in der Frühphase seines Auftretens weder im fortschrittlichen noch im konservativen Lager Beifall. Der Hamburger Telegraph für Deutschland konnte sich die Frage nach dem Nutzen eines derartigen Blattes nicht verkneifen: „Als ob wir im Inland nicht genug Flauheit, Trivialität und Schnickschnack hätten!" Von deutschen Emigranten in Paris wurde er noch schärfer kritisiert. Verächtlich urteilte der politische Philosoph Arnold Rüge: „Diese Leute sind ohne alle Kenntnis und Bildung und schreiben unter Preßfreiheit so dumm, wie ihre Brüder in Deutschland unter Zensur "

Für die preußische Bürokratie hingegen war die im Vorwärts! geäußerte sanfte Kritik schon zuviel. Trotz des Kotaus vor dem König habe Börnstein „einen äußerst gehässigen Artikel gegen Preußen" geschrieben, der „die Richtung dieses Journals" charakterisiere. Solche Zeitungen, verlangte der preußische Innenminister, deren Tendenz „als eine destruktive angesehen" werde, müßten in Preußen wie in allen deutschen Staaten verboten werden. Damit könne man „den Übermut der deutschen Zeitungsopposition etwas zügeln". Die königlichen Oberpräsidenten wurden besonders angehalten, „einer möglichen heimlichen Verbreitung" vorzubeugen.

Der Vorwärts! hatte also ganz vergeblich deutschen Fürsten hofiert. Es beeindruckte die herrschenden Mächte in Deutschland wenig, daß Börnstein versicherte, sein Blatt sei „durchaus nicht radikal", und es werde alle „Umsturzprediger" stets „bekämpfen". Enttäuscht und empört über konservative Borniertheit beklagte er sich bitter: Es „regnet Verbote unseres Blattes in Deutschland, man will uns mit aller Gewalt zu Märtyrern machen". Die bösen Erfahrungen erschütterten seine Sympathie für den preußischen König, für deutsche Fürstenherrlichkeit und Bürokratie erheblich. Aus den „Hexenküchen des Ministerialismus", so war jetzt im Vorwärts! zu lesen, würde eine „neue verböserte und vermehrte Auflage der Karlsbader Beschlüsse"

abgesondert, und Heines bissige Verse über den „Kaiser von China", in dessen Land die „edelsten Mandschu" nach altpreußischer Tradition riefen: „Wir wollen keine Konstitution, wir wollen den Stock, den Kantschu!", lieferten dazu einen treffenden poetischen Kommentar. Auch des Dichters neuestes satirisches Portrait von Friedrich Wilhelm paßte in den politischen Kurswechsel der Redaktion:

Ich ward ein Zwitter, ein Mittelding, Das weder Fleisch noch Fisch ist, Das von den Extremen unserer Zeit Ein närrisches Gemisch ist.

Ich bin nicht schlecht, ich bin nicht gut, Nicht dumm und nicht gescheute, Und wenn ich gestern vorwärts ging, So geh ich rückwärts heute;.

Zur Verärgerung im Deutschen Bund hatten jedoch ebenso erste Versuche, soziale Probleme kritisch ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken, beigetragen. Ein führendes Mitglied im Bund der Gerechten, German Maurer, veröffentlichte eine Fabel mit dem Titel „Das Reitpferd und der Esel". Das eine Tier ist stattlich und gut genährt, muß sich aber vom hungrigen Esel die Frage gefallen lassen, ob es die Welt „wohl um eine Kruste Brot" bereichert habe? Stolz antwortet das Reitpferd: „Wir machen es wie unsere Herren; fragt die wohl ein Mensch, was sie nützen?" Die Arbeit „lassen wir andere verrichten" - die Esel! Bald wurde der Vorwärts! politisch noch radikaler. Gegen Ende Mai hatte Börnstein einen anonymen „Brief eines Franzosen über Deutschland" erhalten und veröffentlicht. Ganz wohl war es dem Redakteur bei der hier ausgesprochenen ungewohnt scharfen Kritik allerdings noch immer nicht, weshalb er vermerkte, daß er zwar „selbst nicht radikal" sei, aber „radikalen Meinungen die Mittel, sich auszusprechen, nicht vorenthalten" wolle. Der vermeintliche Franzose entpuppte sich als der Emigrant und Publizist Carl Ludwig Bernays, der an den von Arnold Rüge und Karl Marx herausgegebenen Deutsch Französischen Jahrbü„Wir gefielen einander bei näherer Bekanntschaft", schreibt Börnstein in seinen Memoiren, „und schlössen endlich einen Freundschaftsbund", der die Zeitung wesentlich verändern half. Da der Preuße Bornstedt schon im April die Redaktion des Vorwärts! verlassen hatte, konnte nun Bernays dessen Aufgabe übernehmen. Inhaltliche Veränderungen kündigte die erste Julinummer durch eine neue Titelei an. Zwar wurde der Haupttitel Vorwärts! beibehalten, aber statt der unverbindlichen Signale bezeichnete er sich jetzt als Pariser Deutsche Zeitschrift.

Mit Stolz erinnert Börnstein an den illustren Kreis neuer Mitarbeiter, „wie ihn wohl ein Blatt nicht so leicht aufzuweisen hatte, besonders nicht ein Blatt in Deutschland, wo damals die Pressezustände die allerkümmerlichsten waren. Außer Bernays und mir, die wir die Redakteure waren, schrieben für das Blatt noch Arnold Rüge, Karl Marx, Heinrich Heine, Georg Herwegh, Bakunin, Georg Weerth, G. Weber, Fr. Engels, Dr. Ewerbeck und H. Bürgers - und man kann sich leicht denken, daß diese Männer nicht nur sehr geistreich, sondern auch höchst radikal schrieben " Man sollte die Namensliste, Jahrzehnte später aus der Erinnerung aufgezeichnet, nicht überstreng wägen. Die Mehrzahl der Autoren wurde nachgewiesen, und ganz sicher stimmt, wenn Börnstein weiter schreibt: „Der Vorwärts! gewann, indem er die einzige ganz zensurfreie und radikale aller in Europa in deutscher Sprache erscheinenden Zeitungen wurde, einen neuen Reiz und eine vermehrte Abonnentenzahl "

Während im zweiten Halbjahr 1844 die Kritik an den halbabsolutistisch bürokratisch verknöcherten Verhältnissen Deutschlands in der Pariser Emigrantenzeitung immer schärfer und direkter wurde, gelangten auch neue Themen und Gedanken in ihre Spalten. Besonders kümmerte sich die Redaktion um demokratische und soziale Protestbewegungen im frühproletarischen Arbeitermilieu. So nimmt es nicht wunder, daß der Weberaufstand im schlesischen Eulengebirge bei ihr ein einmalig lebendiges Echo auslöste. Andere deutsche Zeitungen konnten darüber nur unzulänglich berichten. Dafür sorgte die Zensur „Unter ihrem Fallbeil", berichtete ein schlesischer Korrespondent dem Vorwärts!, „haucht jeder Gedanke sein Leben aus, der auch nur im Entferntesten die wahre Quelle unseres Leidens anzudeuten bestimmt ist Das yonvärts Feuületon war mit im Spiel, als das bekannte Gedicht Heines über die schlesischen Weber durch Tausende Flugblätter in ganz Deutschland verbreitet wurde.

Nach dem Weberaufstand setzten in der Redaktion theoretische Auseinandersetzungen ein, wobei erstmals deutlich zwischen demokratischen und sozialistischen Ideen differenziert wurde. Die Protagonisten gegensätzlicher Auffassungen waren Marx und Rüge. Börnstein hat anschaulich die heftigen Debatten in der verräucherten Redaktionsstube beschrieben, wo man „die. Fenster . nicht aufmachen" konnte, „weil sich sonst ein Volksauflauf auf der Straße gebildet hätte, um die Ursache dieses heftigen Schreiens zu erfahren". Rüge maß dem Weberaufstand nur die Bedeutung einer „lokalen Wassers- oder Hungersnot" bei. Dadurch würden „das alte Philisterregiment" nur gefestigt und politische Bewegungen hinausgeschoben „bis zum jüngsten Tage". Marx dagegen sah in dem Aufstand ein erstes größeres Aufbegehren des deutschen Proletariats, dessen „eigentümlichen Charakter" man deshalb ernsthaft „studieren" müsse. Börnstein erkannte recht gut das Prinzipielle der Auseinandersetzung: „Immer schärfer und schroffer machte sich die sozialistische und kommunistische Richtung gegenüber der rein humanistischen geltend . Marx kritisierte Ruges Arbeiten in schonungsloser Weise, Rüge und die Gemäßigteren zogen sich immer mehr zurück, und der schroffe Radikalismus gewann die Oberhand "

Die radikaleren Autoren waren überzeugt, daß politische Veränderungen allein - der Sturz der bestehenden Monarchien und die Gründung von Republiken - weder die sozialen Widersprüche der voranschreitenden kapitalistischen Entwicklung beheben konnten noch den Pauperismus, der sich mit der industriellen Revolution in erschrekkendem Maße ausbreite.

Diese Gedanken wurden in theoretischen Artikeln, besonders wirkungsvoll aber auch im Feuilleton ausgesprochen. Hier war es vor allem Heine, der in seiner poetisch unnachahmlichen Satire erklärte, der „Michel" habe nicht nur berechtigten Anspruch auf sein täglich Brot, sondern auch auf das dazugehörige sättigende Fleisch „Michel!" sprach der Dichter den armen Mann an:

Merkst du itzt, Daß man dir die besten Suppen Vor dem Munde wegstibitzt?

Als Ersatz wird dir versprochen Reinverklärte Himmelsfreud Droben, wo die Engel kochen Ohne Fleisch die Seligkeit!

Michel! fürchte nichts und labe Schon hienieden deinen Wanst, Später liegen wir im Grabe, Wo du still verdauen kannst.

Es entsprach ebenfalls dem neuen Kurs des radikal gewendeten Vorwärts!, daß er, als in Hamburg die erste Auflage der „Neuen Gedichte" Heines erschien, gleichzeitig das berühmte Poem „Deutschland. Ein Wintermärchen" in Fortsetzungen publizierte. Der Dichter, der sich zu dieser Zeit in Hamburg aufhielt, hatte Marx dafür die Korrekturbogen übersandt.

Allmählich wurden auch die Beziehungen zu den ersten Arbeiter- und Handwerkerorganisationen in Frankreich und der Schweiz enger. Bekannte und weniger bekannte Namen aus ihren Reihen erschienen jetzt häufig in den Spalten der kleinen Emigrantenzeitung. Der Frühsozialist Wilhelm Weitling beispielsweise, dessen Agitationsschriften in der Schweiz mit mehrmonatiger Gefängnisstrafe geahndet worden waren, hatte in der Haftzeit seine Kerkerpoesien geschrieben. Im Vorwärts! wurden auch die folgenden anklagenden Verse gedruckt: Wer mit den Brüdern gleichen Teil will haben und gleiches Recht, den läßt man hier begraben, und läßt ihn durch Direktor, Wärter, Pfaffen so bald als möglich in den Himmel schaffen. Mit Beiträgen in Prosa und Versen unterstützte die Redaktion die Arbeiterorganisationen, die noch in den Kinderschuhen steckten, und lehrte ihre Mitglieder, Widersprüche einer Zeit zu verstehen, wo - wie es in einem Artikel heißt - schon „die Geldaristokratie herrscht und wo der Industriekrieg wütet". Kapitalkonzentration und Konkurrenzkampf wurden in derartigen Bildern nicht unzutreffend umschrieben. Nicht selten griffen die y0 wäts Mitarbeiter auf geschichtliche Wurzeln und Traditionen sozialer Probleme und Kämpfe zurück, um möglich scheinende Lösungen für die Gegenwart zu suchen.

„Wir haben in diesen Blättern", hieß es in einer Dezemberausgabe, „bereits den Ursprung der großen sozialen Bewegung mit historischer Gewißheit auf die Zeit des großen Bauernkrieges zurückgeführt, wir haben Bruchstücke aus Morelly gegeben, der mit seinem Systeme de la Nature lange vor J J. Rousseau und den Enzyklopädisten auftrat Veröffentlicht wurden in diesem Zusammenhang auch Auszüge aus Lessings „Ernst und Falk" sowie Grundgedanken utopischer Sozialisten vom Anfang des 19. Jahrhunderts. So wird das Urteil von Friedrich Engels verständlich, der im Oktober 1844 schrieb: „Wir besitzen in Paris eine deutsche kommunistische Zeitung "

Aufklärung über Gebrechen und Widersprüche der Gesellschaft, Visionen menschlicher sozialer Verhältnisse, von einem Himmelreich auf Erden, um es mit den ja ebenfalls im Vorwärts! publizierten Worten Heines zu umschreiben, hinderten die Redaktion keineswegs an weiteren scharfen Angriffen gegen die politische Reaktion in Deutschland und vorzugsweise ihren markantesten Repräsentanten, den Preußenkönig. Hatte der sich nicht gescheut, die rebellierenden Weber mit militärischer Gewalt blutig zu unterdrücken, so konnte sich das Pariser Blatt eine gewisse Sympathie für die Verzweiflungstat des Storkower Bürgermeisters Tschech nicht versagen, der im Juli 1844 ein Attentat auf den Monarchen verübte. Während die „deutsche Schindmährenpresse", wie sie ein Korrespondent betitelte, sich in Danksagungen für die Rettung des Königs erging, spottete der deutsche Emigrant Wilhelm Marr: Sagt, was hat der Mann verbrochen, Den man dort zum Kerker schleift?

Auf den Fuchs hat er geschossen, Aber nur den Balg gestreift.

Spott und Satire wurden zu bevorzugten Mitteln, um den preußischen Staat und seinen Monarchen anzuprangern. Der Dichter Adolph Schults, der noch zwei Jahre zuvor die liberalen Hoffnungen auf diesen König in der hatte, karikierte jetzt dessen absolutistische Manieren: den eitlen Unfehlbarkeitsdünkel, die Geldverschwendung, die Pressezensur und anderes mehr mit den ironischen Versen: Wie Es kann nicht wundernehmen, wenn die entschiedensten Bemühungen, das respektlose Blatt in Paris mundtot zu machen, von der preußischen Regierung ausgingen. Ihr Pariser Botschafter wurde schon im Juli 1844 bei der französischen Regierung vorstellig. Im preußischen Innenministerium hatte man recht bald mißvergnügt wahrnehmen müssen, daß es unmöglich war, die Verbreitung des Blattes nach Deutschland zu verhindern. Befürchtungen wurden laut, die dort gedruckten „Schändlichkeiten"

könnten in den dafür „empfänglichen Volksschichten" gefährliche Wirkungen zeitigen. Aber für einen politischen Prozeß war Ministerpräsident Guizot, der auch die Innen- und Außenpolitik Frankreichs leitete, so schnell nicht zu haben. Die Aussicht auf eine Blamage war zu groß.

Es verstrichen mehrere Wochen, bis zuerst Bernays eine gerichtliche Vorladung erhielt wegen Verstoßes gegen Pressegesetze! Der nen, die für politische Zeitungen generell zu entrichten war. Im Dezember endlich wurde der angeklagte Redakteur zu einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten und zur Zahlung der Gerichtskosten verurteilt. Damit war die preußische Regierung keineswegs zufriedengestellt. Auf ihren erneuten Druck fand sich Guizot schließlich bereit, einige der besagten deutschen Emigranten als unerwünschte Ausländer auszuweisen. Der Schlag saß.

In Franz Mehrings Marx Biographie lesen wir dazu: „In Berlin war man am wütendsten auf Heine, der elf seiner schärfsten Satiren auf die preußische Wirtschaft und namentlich auch auf den König im Vorwärts! veröffentlicht hatte. Aber auf der anderen Seite war Heine für Guizot der kitzlichste Punkt der kitzlichen Sache. Er war ein Dichter von europäischem Namen und galt den Franzosen fast als ein nationaler Dichter "

Heine blieb unbehelligt. Für andere deutsche Flüchtlingedie für den Vorwärts! geschrieben hatten oder als Autoren verdächtigt wurden, erging der Ausweisungsbefehl am 11. Januar 1845. „Ein Teil von ihnen rettete sich: Börnstein, indem er sich verpflichtete, auf die Herausgabe des Vorwärts! zu verzichten, Rüge, indem er sich beim sächsischen Gesandten und bei französischen Deputierten die Stiefel ablief, um zu versichern, ein wie loyaler Staatsbürger er sei. Für dergleichen war Marx natürlich nicht zu haben; er siedelte nach Brüssel über (Mehring) Außer an Marx wurde das Ausweisungsdekret nur noch an dem ersten Mitherausgeber Adalbert von Bornstedt vollzogen. Die letzte Nummer des Vorwärts!, Nr. 104, erschien am 28. Dezember 1844 in Paris.

 
Service