Von Willi Winkler

Jesus war er in seiner besten Zeit, konnte Wunder wirken vor den Augen der Jünger und zum Besten seines geliebten Volkes: Berge wurden abgetragen, Täler aufgefüllt, krumme Wege begradigt, Flüsse überbrückt, Kanäle durch Wüsten geführt. Als er verfügte, daß die Fliegen von Übel seien, starben sie wie die Fliegen.

Als ihn Kaiser Haile Selassie einmal fragte, wie viele Menschenleben der Aufbau des neuen China gekostet habe, nannte Mao eine Zahl von fünfzig Millionen. Der Kaiser, selber drastischen Methoden keineswegs abgeneigt, war erschrocken, meinte zum Bauernkaiser, das sei ja mehr als doppelt soviel wie sein Äthiopien an Einwohnern zähle. Ei freilich, versetzte Mao darauf, „aber nur wenige Prozent der Bevölkerung Chinas“.

So begeistert war sein Volk von diesen Wundem, daß es selber eins vollbrachte. 1957 besetzte das chinesische Volk Bäume und Hausdächer und hinderte die Spatzen so lange daran, sich niederzulassen. bis diesen nichts anderes übrigblieb, als tot zu Boden zu stürzen. Der Vorsitzende Mao Tsetung hatte darauf erkannt, daß Spatzen Schädlinge seien, und Schädlinge sind auszurotten.

Den Hut bitte abnehmen (ja, auch die Damen!), ab sofort wird geschwiegen und auch nicht mehr rachitisch auf den Boden gespuckt, und schon beginnt – vor uns zweihundert, hinter uns zweitausend Kondolenten von Urumtschi bis Guangdschou, auf vier und vier gereiht – die kurze Audienz beim chinesischen Abraham Lincoln, Vor der grünblaßblauen Bildstickerei eines idealen China sitzt Mao Tse-tung, gewaltig und gütig wie das Vorbild in Washington: Marmor und ferne Geschichte. Vorwärts, weiter! Die Aufseher drangen. Hände aus den Taschen! Sie halbieren die Vierergruppen, einmal linksrum. einmal rechts, und dann liegt er da in einer erstickenden Aussegnungshalle mit Grünzeug und rotgelben Kranzschleifen und einer Ehrenwache, liegt da weggesperrt in seinem Glassturz, bis zur Brust zugedeckt wieder in Rot und Gold von der Hammer-und-Sichel-Fahne, liegt da, einst gedrückt und geherzt von seinem Volk, jetzt steif und aufgegeben wie eine gut eingespeichelte Puppe, nachkoloriert in einem satten Orange, wie es keine Höhensonne hergibt

Der tote Mao oder das lebensferne Modell im Schneewittchensarg ist endgültig allem Irdischen entrückt, erhoben zur Ehre der Altäre, ein atheistischer Heiland. Er, nur er hat sein Volk aus der Sklaverei der Kaiser, der Großgrundbesitzer und der Ausländer herausgeführt in die strahlende Zukunft (sagt die Kommunistische Partei Chinas), nur er hat ihnen ein glückliches Leben geschenkt (sagen die Bauern). Schon zu Lebzeiten Maos erlebte der Reisende Max Frisch in China „Politik mit Transzendenz“; im Tode ist der Vorsitzende noch höher hinauf in den Himmel gefahren.

Und weiter, manch! Keine fünf Sekunden für die Weltgeschichte, keine fünf Sekunden allein mit ihm, da kennen die Wärter nichts. So schnell vorbei ist dieser Besuch am Hl. Grab, daß keine Zeit bleibt für eine gründliche Leichenschau, los, raus hier, der nächste Hunderterpack drängt schon im Kreuz. Alle paar Sekunden addiert die rote Digitalanzeige den neuen Schub zu den Millionen, die schon an der Leiche vorbeidefiliert sind. Zum Jahrestag hat das Fernsehen ein paar Besucher entdeckt, die es schüttelt vor Schluchzen beim Anblick der Puppe. Jetzt, wo keine Kamera mittrauert, verfliegt der Kummer rasch. Wieder aufgesetzt den roten Kapotthut, die grüne Schirmmütze der Luftwaffe, die braune Fellkappe der Uiguren, und im Freien kratzen sie alles zusammen in den Bronchien und spucken es auf den Boden, weil sonst nichts hilft gegen die trockene Pekinger Luft.