Nach den Werbespots für japanische Motorräder und Cremes gegen vorzeitiges Doppelkinn ist der große Steuermann jeden Abend im Fernsehen. die Haare wie bekannt nach hinten gestriegelt, am Kinn die Warze (angeklebt, nicht sehr überzeugend), der graue Guerillero-Rock. fast ganz der Verewigte. Um noch mehr Lebensnähe zu erreichen, wirft sich der Schauspieler Gu Yue (33 Mao-Filme und -Serien!) in die Hüfte, baucht aus Leibeskräften, es langt trotzdem nicht ganz zur herrscherlichen Fülle. Wenn er zum Schluß einer jeden Folge von „China besitzt einen großen Mann: Mao Tse-tung“ mit dem Finger in die ferne Zukunft weist, fährt die Kamera Viertels um ihn herum, und er spricht noch mal zu seinem geliebten Volk, mahnt, warnt, ermuntert, immer weise, streng, die letzten Worte des Großen Vorsitzenden.

Jeden Abend werden die Chinesen, die sich einen Fernseher leisten können, an die heroische Lebensgeschichte Mao Tse-tungs erinnert: wie er, bescheidenster Herkunft, gegen seinen Vater und die feudale Tradition rebellierte; Kommunist wurde; die Bauern agitierte; gegen Tschiang Kaischek den Langen Marsch unternahm; die Japaner aus dem Land vertrieb; die Volksrepublik aufrief; China auf die Sprünge half. Nein, das Privatleben wird nicht ausgespart, solang es was Patriotisches hergibt: wie seine erste Frau, die von den Soldaten Tschiang Kai-scheks hingerichtet, wie sein Sohn, der als Bomberpilot im Koreakrieg abgeschossen wurde. Musik schmalzt tschaikowskisch. die rote Fahne flattert im Wind, Tränen rollen dem nachteinsamen Mann übers Gesicht, und dann schreibt der Dichterkaiser ein Gedicht auf den Gefallenen. Ein vorbildlicher, ein Heldenvater.

Seine letzten Jahre fehlen. 1966 hatte der kriecherische Verteidigungsminister Lin Biao die Worte seines Chefs stilgerecht zur Bibel erklärt und sie in Milliardenauflage erst in die Armee, dann unten chinesische Volk, schließlich auf die ganze Welt werfen lassen. Ohne tägliches und gründliches Studium keine Revolution, kein Fortschritt. kein besseres Leben. Die gesammelten Sprüche halfen Zeugen zufolge Gebärenden über die Wehen („Revolutionäre müssen sich im Volk bewegen wie die Fische im Wasser“), Chirurgen bei der Operation („Eine Revolution ist keine Einladung zum Abendessen“! und der Hausfrau bei den Frühstücksvorbereitungen („Die Macht kommt aus den Gewehrläufen“).

Dabei wollte der Menschenführer nur ein Dichter sein, den schönen Dingen und Frauen hingegeben. Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein, zumal wenn man nicht die geringste Ahnung von Politik hat und keine anderen Götter neben sich duldet Die „hundert Blumen“, die er 1957 zum Blühen aufforderte, ließ er alsogleich köpfen, weil sie sachte Kritik übten. Und wollte doch nichts sein als ein „einsamer Mönch, der die Welt mit einem löchrigen Regenschirm durchwandert“.

Der Personenkult versorgte das kleinste Dorf mit einem Standbild oder einer Büste des Mönchs: kein Kindergarten, keine Fabrik, kein Haus durfte mehr sein ohne SEin Bild (praktischerweise war die Anleitung zum Aufhängen beigelegt). Grün und soldatisch grau gewandet, auf der roten Armbinde den Kampfauftrag, zog die von ihm gegen seine Gründergeneration mobilisierte Jugend marodierend durchs Land, demütigte, prügelte; schlachtete echte oder eingebildete Feinde und ruinierte China auf Jahre, das butterglänzende Gesicht des hl. Mao immer vorneweg.

Nach Maos Tod im September 1976 versammelten sich seine Opfer im Zentralkomitee, hielten die erwarteten Trauerreden für die Nachwelt, stellten an seiner Statt die Viererbande vor Gericht, ließen die Bilder abmontieren, fast alle Statuen schleifen. Mao wurde weggesargt in seinem Mausoleum auf dem Platz des himmlischen Friedens (erbaut in Tag- und Nachtarbeit innerhalb eines Jahres mit freiwilligen Arbeitskommandos aus der Hauptstadt) und Schluß jetzt.

Tief unten im Süden, in der Provinz Human, 1500 Kilometer weit weg von Peking, feiert der Leichnam fröhliche Auferstehung. Als wär’s tatsächlich Fronleichnam und zugleich käme der Führer auf Besuch in unsere Stadt, ist die gesamte Provinzmetropole Tschangscha vom Kran am Rohbau bis zum Schuhladen wie in der guten alten Zeit mit meterlangen roten Spruchbändern behängt, Lesungen zu Ruhm und Preis des großen Steuermanns. Kein Auto, daß ohne SEin laminiertes Bild unterm Rückspiegel fährt, kein Bürger, der IHn nicht lobt Denn die Zentenarfeier hat Staatsaufträge in die Stadt gebracht, und in Hunan, wo man, wie in anderen Provinzen, den Lehrern schon seit Monaten das Gehalt schuldig bleibt, wird wirtschaftswundermäßig gebaut. Hier, wo Mio 1921 eine kommunistische Zelle mitbegründete. haben sie ihm einen ganz neuen Park spendiert. Auf dem Gelände die Wohnung, in der er mit seiner ersten Frau lebte, bis zum Spucknapf rekonstruiert. An der seitlichen Begrenzung, wo seine Lehrsätze achtzig Meter lang in Marmor gemeißelt sind, kann man schon seine Andacht verrichten, während noch die letzten Erdarbeiten erledigt werden. Und groß und gewaltig, wenn auch nur aus Messing, hält er in sechs Meter Höhe die schützende und lehrende Hand über sein Volk.