Soll er ruhig ein Bauernheiliger werden, als mithelfender Christopherus in die Folklore eingehen, wenn er nur der Hauptstadt fernbleibt. Wenige Tage vor dem 26. Dezember ist die Parteispitze samt angeschlossener Regierung eingeflogen. Staatspräsident Jiang Zemin höchstpersönlich hat ein weiteres Mao-Denkmal enthüllt, noch mal 140 Kilometer weiter in Schaoschan.

In dem Streudorf Schaoschan kam Mao Tsetung am zweiten Weihnachtsfeiertag vor hundert Jahren zur Welt. Auch wenn der Westen sonst als dekadent gilt und immer mal wieder drastische Säuberungskampagnen gegen Lidschatten und Jeans und MTV verordnet werden, hat man hier einen Wallfahrtsort entstehen lassen. Auf unzähligen Tuschzeichnungen. Stickereien, in durchbrochener und erhabener Arbeit ist der dreiseitige Hof vor dem Schilfteich übers Land verbreitet Stall und Krippe, wo der Erlöser des chinesischen Volkes zur Welt kam.

Hier sind es nicht Tausende, sondern Zehntausende, die täglich defilieren, an den bescheidenen Resten vorbei, die gar nicht echt sein müssen: hier, bitte, das Bett, in dem er schlief, hier die Eltern, da die Geschwister, hier Küche. Hof, Feldgerät. Der Ausbeuter-Vater schickte den Erstgeborenen nur in die Schule, damit ihm der nachts die Bücher führen konnte; tagsüber mußte er natürlich in die Reisfelder. Wie jeder anständige Mensch hat Mao seinen Vater gehaßt Das erste Massaker, das er in der Volksrepublik China anrichtete, galt den Großgrundbesitzern und Kulaken, Leuten wie seinem Vater.

Zweimal nur ist Mao Tse-tung in seine Heimat zurückgekehrt, hat freundlicherweise für weitere Reliquien gesorgt, damit man auch was anzubeten hat. Die Roten Garden legten die Eisenbahn von Tschangscha nach Schaoschan und organisierten die ersten Wallfahrten an die geweihte Stätte. Heute, siebzehn Jahre nach seinem Tod und dem Ende des Tugend-Terrors, kommen wieder so viele wie in der Kulturrevolution, nur diesmal freiwillig.

Schaoschan. du bist nicht das geringste unter den Dörfern des Herrn, denn aus dir ist gekommen der Retter. Nach einem zehn-, zwölfjährigen Scheintod erweist sich Mao Tse-tung als der einzige, den die Nachwelt noch leben läßt. Stalin. Hitler. Franco, Mussolini, selbst Tito und Churchill wurden abgebaut. Lenins buttrige Reste verschwinden demnächst aus dem Kreml, aber Mao erlebt hier im Jahr seines hundertsten Geburtstages eine beispiellose Apotheose.

In Bronze und gelassen wie ein Landesvater, steht ER am Dorfplatz, eingehegt von Lampionballons. Eine Delegation nach der anderen versammelt sich zu SEiner Füßen, bestellt Grüße aus dem von IHm geeinten Reich, verlobt sich IHm in schwerer Not und Drangsal, betet. Dann lassen sie es mit Hunderten von Chinaböllern Ulm zu Ehren krachen (in Peking steht auf den Einsatz von Feuerwerkskörpern im Dezember Gefängnis).

Am Abend nach der Enthüllung verfügt man sich vors Geburtshaus zu einer Galadarbietung, einer volkstümlichen Mischung aus Bückeberg und Musikantenstadl, wo in gehobener Stimmlage das Lob des großen Steuermanns und weitere vaterländische Beschwörung seines Schinders stattfindet; dann flog man wieder davon. Was sind sie froh, ihn so billig loszuwerden, seine Unberechenbarkeit, seine Paranoia, seine Grausamkeit. Hoffentlich ist er wirklich aus Bronze und bleibt drunten in Hunan, kommt nie, nie wieder.