Den Bauern von Schaoschan hat Mao tatsächlich ein glückliches Leben verschafft. Als er sie rief, haben sie ihre Felder verlassen, ihr Gewerbe aufgegeben, und sind IHm nachgefolgt. Sie leben ganz gut von dieser Berufung, Andenken-Marketender nach den Vorbildern beim Klassenfeind in Lourdes oder Altötting. Jedes Restaurant heißt nach ihm, jedes Haus verkauft Devotionalien, religiösen Kitsch, made in the People Republic of China: Mao als achtzehnkarätige Uhr, als Kugelschreiber, als elfenbeinerne Büste, in hunderttausend Plaketten und Anstecknadeln, und natürlich kann man ihn auch in der Pfeife rauchen. Wenn in diesem infernalischen Lärm, den die Busse, Autos, die schreienden Verkäufer und die vergessenen Reisenden veranstalten, noch die Glocken zusammenläuten würden zum Hochamt wäre es ganz wie daheim.

Innerhalb weniger Tage ist Peking mitten im Winter grün geworden. Jeder zweite trägt einen grünen Soldatenmantel, wahlweise mit Biesen und Offizierstressen, die Kinder promenieren in der Uniform der Volksbefreiungsarmee zur Schule. Die Großen tragen die Tarnanzüge der GIs aus dem Vietnamkrieg drunten und statt der Kappe mit dem roten Stern allen Ernstes eine Baseballmütze mit der Aufschrift „West Point“. Das ist der Kommunismus chinesischer Prägung, den die Parteiführung unermüdlich propagiert.

Die ziemlich illegale Weihnachtsparty der Studenten von der Fremdsprachenuniversität beginnt mit „Revolution“ von den Beatles, wo John Lennon den Haß der Leute beklagte, die die Bilder des Großen Vorsitzenden spazierentragen. 25 Jahre danach wird er schamlos gefeiert, die Mädchen haben sich nach den Roten Garden kostümiert, und einer der Musiker trägt den Schandhut. unter dem man seinerzeit Reuebekenntnisse ablegen mußte (wenn man nicht gleich totgeschlagen wurde). Vor viereinhalb Jahren war er dabei auf dem Platz des himmlischen Friedens. Seit Deng Xiaoping den Protest wie zur schönsten stalinistischen Herrschaft niederwalzen ließ, gilt er als Schlachtet; von Mao bleibt, je länger er tot ist. nur die Erinnerung an seine Heldentaten.

Am Tor des himmlischen Friedens, dem Eingang zur ehemals Verbotenen Stadt, hängt sein glfinzend-gerundetes Buddha-Gesicht, schaut wie einst die Kaiser nach Süden, zu seinem Mausoleum hinüber, und was die Seinen so treiben auf dem Platz. Seit dem Studentenprotest von 1989 hat die Videokamera alles im Auge. Aber es ist friedlich auf dem Tiananmen: Die Pekinger lassen Drachen steigen, die Fremden Photographieren ihre Kinder und Frauen vor dem Mao-Bild und der Großen Halle des Volkes. Ein Soldat feuert mit der MP in die Menge, keinen kümmert’s. Die Drachen steigen weiter, man Photographien sich weiter, lacht, winkt Der Soldat packt das Plastikgewehr mitsamt Sperrfeuerautomatik wieder ein.

In Lima allerdings, der Hauptstadt Perus, hat der Sendero Luminoso als Geburtstagsgruß wieder ein Haus in die Luft gejagt; ein Toter, viele Verletzte. In der Treue zu Mao Tse-tung lassen sich die Terroristen des Leuchtenden Pfades von keinem übertreffen.

Ein Wort Maos hatte es seinem Nachfolger, dem bei westlichen Politikern wegen seiner zupackenden Art hochgeschätzten Deng Xiaoping. besonders angetan: „Shi shi qiu Shi“. die Wahrheit sei in den Tatsachen zu suchen. Angeblich geht die Formel sogar auf Marx zurück, sie verträgt sich jedenfalls bestens mit dem Kapitalismus. den die jetzige KP-Führung im Land züchtet.

Dengs „sozialistische Marktwirtschaft“ gibt den deutschen und amerikanischen Unternehmern endlich eine Ahnung davon, wie Urgroßvater zumute war, wenn er die Havanna anzündete: „Lohnkosten sind hier gleich Null.“ Damit der Übergang zum Kapitalismus glatt und linientreu vor sich geht, wird hin und wieder ein armer Tropf wg. Korruption und dekadentem Lebensstil geköpft.