Von Herbert Stelz

Nach mehr als zehnjähriger klinischer Erprobung stellt Degussa eine Innovation vor: Artalloy, das duktile Amalgam.“ Stolz feierte der Frankfurter Metall- und Chemiekonzern noch im März 1992 in einem Werbeprospekt die jüngste Kreation des Hauses für die Löcher in den Zähnen der Bundesbürger. Jetzt muß das Hochglanzpapier eingestampft werden. Ende vergangenen Jahres beschloß der Degussa-Vorstand, die Produktion seiner „Traditionserzeugnisse Silberlegierungspuiver und Dentalquecksilber“ – beides vermischt ergibt Amalgam – „ab sofort“ einzustellen. Bis dahin war Degussa-Dental nach eigenen Angaben mit 4,5 Millionen Umsatt und etwa 36 Prozent deutscher Marktführer bei dem Uralt-Füllstoff für karieszerstörte Zahnruinen.

Wann hat jemals ein Marktführer Knall auf Fall seine Spitzenposition in einer etablierten Sparte aufgegeben? Degussa-Direktor Gerd Schulte zu den Gründen: Der Umsatz mit dem silbrigen Stoff sei weltweit rückläufig, wegen Aufgabe des Werks in Pforzheim hätte man am jetzigen Standort Hanau eine gänzlich neue Fertigung aufbauen müssen. Auf hartnäckiges Nachfragen, ob die Entscheidung auch mit der jüngsten Rechtsprechung im Bereich Umwelt und Haftung zu tun habe, aber räumt er ein: „Das Holzschutzmittelurteil haben wir selbstverständlich sorgfältig analysiert, und die Rechtsprechung, die wir dort erkannt haben, hat sicher auch Einfluß auf unser Handeln gehabt.“

Die Frankfurter Manager haben offenbar Angst vor dem Strafrichter. Im Mai 1993 wurden nämlich zwei Geschäftsführer des Holzschutzmittelherstellers Desowag Materialschutz GmbH vom Frankfurter Landgericht zu je einem Jahr Gefängnis auf Bewährung und hohen Geldstrafen verurteilt. Seitdem plagt Deutschlands Giftverarbeiter eine neue Sorge: Sie fürchten sich vor schwedischen Gardinen. Die Holzschutzmittelhersteller hatten ihren Produkten erklärtermaßen die Gifte Pentachlorphenol (PCP) und Lindau beigemischt. Auch die Amalgamhersteller handeln mit Gift: Das Arzneimittel Zahn-Amalgam besteht bereits zur einen Hälfte aus hochtoxischem metallischem Quecksilber, zur anderen aus den nicht weniger problematischen Metallen Zinn, Kupfer und Silber.

Das Urteil zum Holzschutzmittelprozeß liegt erst seit wenigen Wochen schriftlich vor. Auf imposanten 366 Seiten schreiben die Richter darin auch als Warnung für andere Giftverarbeiter fest: „Wer mit Produkten aus hochtoxischen Inhaltsstoffen handelt, ... ist zur Einleitung geeigneter Gegenmaßnahmen schon bei ersten ernstzunehmenden Anzeichen einer Schadenswirkung verpflichtet.“

Mittlerweile ist unbestritten, daß Spuren des Quecksilbers aus den Amalgamfüllungen in den Speichel und von dort in die verschiedenen Organe gelangen. Doch Degussa habe „keine ernsthaften Hinweise“, so Gerd Schulte, „daß solche Quecksilberspuren zu gesundheitsschädigenden Wirkungen führen“.

In der Tat bestreitet die Mehrheit der herkömmlichen Naturwissenschaftler, daß die zahlreichen von Kritikern dem Amalgam zugeschriebenen Schädigungen von diesem auch tatsächlich verursacht werden. Aber eben nur die Mehrheit. Die Frankfurter Richter hätten klargemacht, so Degussa-Geschäftsführer Schulte, daß es „für den Hersteller nicht mehr ausreichend“ sei. sich alleine „auf die herrschende medizinische Meinung zu verlassen“,