Der Mann aus Kasachstan

Von Helmut Dachale

Ein älterer Mann im zerknitterten Glencheckanzug irrt durch den Großraumwagen. Der IC von Berlin nach Hamburg ist an diesem Sonntag nachmittag gut besetzt. Mit seinem sperrigen Gepäck in der Hand kommt der Alte nur langsam voran, stößt seinen Koffer gegen die Beine von Mitreisenden und wird von einem reservierten Platz zum nächsten verwiesen. Er sieht übernächtigt aus, grinst aber freundlich in die Runde. Ein Serbe? Ein Bosnier? Oder kommt er aus Armenien?

Eine korpulente Dame erklärt ihm im Berliner Idiom schon kurz vor der Abfahrt am Bahnhof Zoo das System der Reservierungsschildchen. Zum Beispiel hier, die beiden Plätze vor ihr, da brauche er sich gar nicht erst niederzulassen, weist sie ihn zurück, die seien ab Spandau reserviert, und da müsse er dann gleich wieder Platz machen.

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Ich zeige auf den Sitz neben mir. Vorsichtig streckt er seine langen Beine aus, reicht mir die Hand: „Danke, sehr freundlich, aber könnte mich auch auf Koffer setzen.“ Nach dreißig Minuten stehe ich mit ihm auf vertrautem Fuß, Hugo – so heißt er – hat mich bereits in wesentliche Teile seiner Lebensgeschichte eingeweiht.

Hugo kommt aus Kasachstan, spricht Deutsch, hart, mit russischen Ausdrücken versetzt, aber verständlich. Er legt Wert darauf, Deutscher zu sein. Geboren ist er an der Wolga, „in deutscher Republik“, doch 1941 sei das ganze Dorf deportiert worden, der Vater im Arbeitslager ums Leben gekommen. Die meisten Bewohner seien in der Kasachischen Sowjetrepublik zwangsangesiedelt worden, in einem Nest in der Steppe, nahe dem Balchaschsee.

Vierzig Jahre hat Hugo in der Landwirtschaft gearbeitet, zuletzt Traktoren gewartet. Doch zu Hause sei er da nicht: „Die Kasachen mögen uns nicht, aber wir mögen sie auch nicht.“ Der Ausreiseantrag für die ganze Familie – drei Generationen – ist seit längerem gestellt, die Aufnahmebescheide aus Deutschland stehen noch aus. Hugo indes wollte nicht mehr warten, er ist schon mal mit einem Touristenvisum eingereist.

Ein paar Kühe auf der Weide hinter Wusterhausen sind ihm Anlaß zur Frage nach der Milchleistung der deutschen Schwarzbunten. Keine Ahnung. Und warum hier so wenig angebaut würde – Flächenstillegung? Die deutschen Bauern verdienen doch sehr gut, bestimmt, jedenfalls bei all den großen Häusern, die sie haben! Ich merke, daß ich mich bisher kaum ernsthaft mit den Problemen der heimischen Landwirtschaft auseinandergesetzt habe.

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