Italien: Wenn die Medien der Industrie gehören – Innenansicht eines BetroffenenKlima-Kontrolle

Von Angelo Allegri

Im Schatten der Serie von Korruptionsskandalen, die das Gesicht der italienischen Republik radikal verändert haben, gibt es noch einen anderen Skandal. Und auf gewisse Weise ist dieses kleine Tangentopoli fast noch signifikanter als sein großes Pendant: das Tangentopoli der vierten Gewalt. „Wo war die Presse, das Geschütz der Demokratie“, fragte Prima, ein Mailänder Medienmagazin, „als die politischen Parteien ihre Milliardenposse rissen, das Gesetz mit Füßen traten, die Regeln des Anstands verletzten und Verbote über den Haufen warfen? Wo war die vierte Gewalt in diesen vergangenen zehn Jahren, und was haben all die schlauen Chronisten und Edelfedern gemacht, daß sie jenen gigantischen Elefanten übersehen konnten, der auf den Menschen und ihren Rechten herumtrampelte?“

Die Antwort ist sehr einfach: Die Presse ist in den Händen der großen italienischen Konzerne, die alle in das System der Macht und damit mehr oder minder auch in die Schmiergeldzahlungen verstrickt waren. Und aus diesem Grunde versagte der italienische Journalismus bei einer der fundamentalen Aufgaben der Presse in jeder modernen Demokratie: Er hörte auf, die Politik zu kontrollieren und das kritische Bewußtsein der Öffentlichkeit zu wecken.

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In Italien kontrollieren auch heute noch alle großen Industriegruppen ihre eigenen Medien. Giovanni Agnelli (Fiat) hat La Stampa in den Händen und indirekt (als wichtigster Aktionär der Verlagsgesellschaft) den Corriere della Sera. Carlo de Benedetti (Olivetti) kontrolliert La Repubblica und das Wochenmagazin L’Espresso; Silvio Berlusconi, der international durch seinen Flirt mit den Neofaschisten berühmt wurde, die Magazine Panorama und Epoca sowie (über seinen Bruder) die Tageszeitung II Giornale; die Familie Ferruzzi-Gardini schließlich stand lange hinter dem in Rom erscheinenden Messaggero. Heute hat eine Bankengruppe unter Führung der Mediobanca die Kontrolle. Es ist eine Zwangsjacke, der sich nur wenige Publikationen am Rande der Presselandschaft entziehen konnten. Das Bild wird komplett, wenn man weiß, daß die drei staatlichen Fernsehkanäle lange Zeit direkt in den Händen der Parteien waren und daß die drei größten Privatsender von Silvio Berlusconi kontrolliert werden.

Nun darf man nicht glauben, dies alles habe irgendeine Form der Zensur zur Folge. Es ist auch nicht so, daß sich etwa in La Stampa keine unangenehmen Meldungen über Fiat finden. Die Wahrheit ist komplizierter. Die Zeitungen, so jedenfalls hat es das Magazin Prima geschrieben, veröffentlichen über ihre Eigentümer nur das, was allgemein bekannt ist, sie bemühen sich jedoch nicht um Neuigkeiten und veröffentlichen auf jeden Fall keine Exklusivnachrichten.

Also keine Zensur, eher handelt es sich um eine Art Regulierung des Klimas; meistens, aber nicht immer, auf indirekte Weise. Wie dies vor sich geht, vermag eine Episode zu illustrieren, die sich im Frühjahr beim Corriere della Sera zugetragen hat. Die größte italienische Zeitung veröffentlichte ein Photo von Francesco Paolo Mattioli, dem Fiat-Finanzdirektor, wie er gerade das Gefängnis verläßt, nachdem er zuvor unter Korruptionsverdacht festgenommen worden war: die mächtige Nummer drei von Fiat mit verstörtem Gesicht, unrasiert, eine Plastiktüte in der einen und ein Köfferchen in der anderen Hand. Es war eines jener Pressephotos, die ein Ereignis packender als jeder Artikel zu illustrieren vermögen.

Ganz anders sah dies die Gemina, die Verlagsgesellschaft des Corriere della Sera, die mehrheitlich der Fiat-Gruppe gehört. Kaum war die Zeitung auf dem Markt, kam eine höchst verärgerte Repräsentantin in die Redaktion, um den Verantwortlichen für diese Missetat herauszufinden. Nach einer Unterredung mit der geschäftsführenden Redaktionsleitung war der Sünder enttarnt.

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