Wer hat die Ostpolitik gemacht: Willy Brandt oder Herbert Wehner? Eine Witwe mischt sich ein: Der Kampf um die toten Seelen
Von Robert Leicht
Auch eine Art der Vergangenheitsbewältigung! Die „Enthüllungen“ über Herbert Wehner, von der Witwe Willy Brandts zum Auftakt des Wahlkampfes tatkräftig gefördert, sie richten sich nicht nur gegen die Person Wehners, sondern am Ende auch gegen die Deutschlandpolitik der Regierung Brandt/Scheel und gegen die SPD von heute. Die Aktion ist freilich ebenso durchsichtig wie konfus (siehe auch Seite 3).
Wehner wußte selber sehr genau, daß er jederzeit für einen Verdacht gut war. Auch wenn er – so bemerkte er gallig – eines Tages sterbe, werde man fragen, was er denn just damit beabsichtigte. Nun ist er seit genau vier Jahren tot. Aber was haben diejenigen vor, die Wehner heute nachsagen, er habe letztlich die Politik „der anderen Seite“ betrieben, der Kommunisten in Ost-Berlin und Moskau? Soll da etwa nicht nur eine Biographie, sondern auch die Geschichte umgeschrieben werden?
Inzwischen geht es nicht mehr um Wehners Zeit in Moskau, sondern um sein Wirken in Bonn. Die Jahre als Aktivist, Angeschuldigter und später Abtrünniger der kommunistischen Apparatur waren gewiß schrecklich. Wie fürchterlich – das wußte wohl am besten Wehner selber, dessen späteres politisches Leben sich wie ein grimmiger Bußakt für all das Schlimme ausnimmt. Doch das peinigende Bewußtsein tiefer Schuld und Scham, dazu der schroffe Bruch mit der Partei, den die Kommunisten als Verrat empfanden, schlossen es aus, daß Wehner jemals wieder mit ihnen gemeinsame Sache machte.
Im Gegenteil, Herbert Wehner gehörte in der SPD zu den Skeptikern gegenüber der neuen Ost- und Deutschlandpolitik. Heftig verurteilte er 1965 die Ostdenkschrift der EKD, in der die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze erwogen wurde. Brandt selber zitiert in seinen „Erinnerungen“ von 1989 sogar den privat geäußerten Vorwurf Wehners, der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin treibe „eine Politik hin zu Moskau“, die schlechthin gefährlich sei. Und noch zu Beginn der Verhandlungen über den Grundlagenvertrag mit der DDR war Wehner gegen einen solchen Generalvertrag gewesen: menschliche Fortschritte ja, eine umfassende politische Neuordnung nein.
In Wirklichkeit war Wehner weder imstande, die Ost- und Deutschlandpolitik anzutreiben, noch, sie wirksam zu bremsen. Wie viele andere vor und nach ihm hat er sich allerdings um eigene, diskrete Kontakte zu höchsten Stellen in Ost-Berlin, um back channels, bemüht. Dies gehört wohl oder übel zum Wesen der hohen Politik. Es war jedoch seit jeher bekannt; auch das ist in Brandts „Erinnerungen“ ausführlicher nachzulesen als in den jüngsten Enthüllungen.
Solche Kontakte ergaben sich zum einen aus den Obliegenheiten des Gesamtdeutschen Ministers zu Zeiten der Großen Koalition für die humanitären Angelegenheiten; zum anderen boten diese Verbindungen auch später Gelegenheit zum politischen Meinungsaustausch. Doch was immer Wehner, auch als Fraktionsvorsitzender, in den menschlichen Angelegenheiten ausrichten konnte – diese Sondierungen haben nie dazu getaugt, den Gang der Politik selber zu steuern oder abzufälschen. Das Muster der Ost- und Deutschlandpolitik war in seinen logischen Grundzügen durch das „Bahr-Gromyko-Papier“ aus dem Jahr 1970 längst vorgezeichnet.






