Well“, I said. „A plane is sort of like a tricycle. The Joystick works the same way.“ („Fiesta“ – „The Sun Also Rises“ von Ernest Hemingway.) „Na“, sagte ich, „ein Flugzeug ist wie eine Art Dreirad. Und der Freudenspender ebenfalls.“ („Fiesta“ in der einzig autorisierten deutschen Übertragung.)

I.

In den vergangenen Sommerferien planten mein Sohn und einige Freunde eine Reise nach Frankreich. Anschließend wollten sie nach Spanien, um dort einen Stierkampf zu sehen. Hemingways „Fiesta“ wäre die passende Reiselektüre, dachte ich. Ich kaufte also „Fiesta“ auf deutsch und begann selbst darin zu lesen, da ich das englische Original kannte.

Mir ging es nicht um einen Textvergleich, sondern nur um die Frage: Wie klingt das Deutsche? Ich komme bis Seite 35 in der Rowohlt-Taschenbuchausgabe. Dort fragt jemand „Was weißt du über Lady Brett Ashley, Jake?“ Antwort: „Sie heißt Lady Ashley. Brett nennt sie sich.“ Moment mal, denke ich, sie heißt doch wirklich Brett, oder? Ich schaue nach im Original und finde: „Brett’s her own name.“

Mißtrauisch geworden, fange ich an, Stichproben in beiden Fassungen zu machen. Daraus wird eine Entdeckungsreise, eine Art bad trip. Zunächst finde ich nur Kleinigkeiten. Aus einer Turnhalle (gym) wird ein Ring, ein Boxring. Aus Studenten desselben Jahrgangs an der Universität Princeton wird eine „Klasse“, was nach Schule klingt. In den Gedanken des Protagonisten Jake Barnes wird jemand von einem Pferd ins Gesicht getreten, während im Englischen das Pferd „stepped on his face“, und nicht etwa „kicked him in the face“ – da ist die Übersetzung wohl etwas gesichtsentstellender als das Original. Das alles auf der ersten Seite.

Viel ärgerlicher war aber eine andere Entdeckung, und hier muß ich ein wenig ausholen. Hemingway, so heißt es, hat den Schluß von „A Farewell to Arms“ 32mal neu geschrieben, bis er zufrieden war. Er hat einmal seine schwierigste Aufgabe so beschrieben: „getting the words right“. Nicht nur the right words“, sondern auch „the words right“. und dabei ist der Rhythmus, die cadertee, entscheidend. Vergleichen wir noch mal die ersten Seiten von „Fiesta“ im Original und in der einzig autorisierten deutschen Übertragung von Annemarie Horschitz-Horst. Da steht: „an und für sich“ in deutsch und nichts Entsprechendes in englisch; ein Satz in deutsch, wo in englisch zwei Sätze stehen; ein langer Satz in englisch, geteilt in zwei mundgerechte deutsche Sätze.

Gehen wir zum Schluß von Kapitel vier, wo Jake Barnes über Brett und sich selbst nachdenkt: Da finden wir folgendes: „It is awfully easy to be hard-boiled about everything in the daytime, but at night it is another thing.“ Man kann nun vermuten, wie es die Kritiker getan haben, daß an dieser Stelle Hemingways eigenes Selbstmitleid und Sentimentalität sichtbar werden. Aber der Satz bleibt vom banalen Pathos noch einen Schritt weg. Genau den Schritt tut die Übersetzung mit einem sprechblasenähnlichen „Ächz“: „Es ist furchtbar leicht, am Tag über alles erhaben zu sein, aber nachts, mein Gott, ist es was ganz anderes.“

Wenn der ganze deutsche Text mit solchen Zusätzen wie „an und für sich“ und „mein Gott“ angereichert ist, so kann das nur eins bedeuten: Die Übersetzerin hat Hemingways knappen Stil buchstäblich „gefüllt“ und damit trivialisiert. Daraus spricht aber auch eine gewisse Mentalität: Hier und da muß dem Autor geholfen werden – dieser Satz ist zu lang, der zu kurz, und hier braucht man ein Füllwort. Und hier steht dreimal in zwei Sätzen das Wort running, das geht in deutsch nicht, da muß man variieren! Man nehme also rennenlaufen-rennen, das ist viel besser! (Was hätte Frau Horschitz-Horst wohl aus Samuel Beckett gemacht?) Auch der Rhythmus geht dabei verloren, er wird durch vermeidbare (zusätzlich zu den unvermeidbaren) syntaktische Änderungen gestört. In englisch spricht man in solchen Fällen von einem tin ear.

Eine Klangprobe: Der Hobbyangler Jake Barnes geht eines Morgens zum Flußufer, „to try and dig some worms for bait“. Der Satz erhebt keinen Anspruch, etwas Besonderes zu sein, er will keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Es sind einfach die richtigen Worte. Worte wie glattgeriebene Steine am Flußbett. Gewiß, der deutsche Übersetzer steht hier vor einem Problem – so kann er das nicht sagen. Er muß daraus das Beste machen. Bei Frau Horschitz-Horst klingt das Beste so: Barnes geht los, „um zu sehen, ob es Würmer gab, die man als Köder benutzen konnte“.

II.

Als Kardinalsünde des Übersetzers gilt der „sinnentstellende“ Fehler. Davon gibt es innerhalb und außerhalb der Branche lustige Beispiele, etwa die Verwechslung von „cabbage“ und „garbage“ auf der Speisenkarte einer US-Army-Kantine oder von „curds“ und „turds“ bei einer dinner party. (Die Gastgeberin, deren deutscher Freund erklären wollte, was es zu essen gäbe, schoß aus der Küche, um ihren sprachlosen Gästen zu versichern, „No, no!“ Quarkspeise war gemeint.)

Wie steht es mit „Fiesta“ und den sinnentstellenden Fehlern? Brett Ashley begegnen wir zum ersten Mal in Kapitel drei. Sie erscheint in Begleitung von einigen jungen Männern, beziehungsweise „Bengels“. Jake Barnes sieht sie kommen und teilt uns mit, daß er die Männer nicht leiden kann. Den wirklichen Grund deutet er nur an. Die Andeutungen sind so übersetzt, daß Hemingways deutsches Publikum sie kaum entziffern kann – zumindest wird die „Wahrheitsfindung“ unnötig erschwert. (Denjenigen, die selbst die Probe aufs Exempel machen wollen, sei geraten, die entsprechende Stelle in deutsch herauszusuchen, ehe sie weiterlesen.)

Die Männer sind offensichtlich homosexuell. Das kann man in der Sekundärliteratur nachlesen, aber man muß kein Hemingway-Kenner sein, um die Andeutungen im Originaltext zu verstehen. Der deutlichste Hinweis ist vielleicht die Anrede „dear“, die unter heterosexuellen Männern nicht üblich ist. In der deutschen Übersetzung („mein Lieber“) geht die Nuance unter. „Bengels“ ist eine Erfindung, eingefügt von der Übersetzerin. (Bei Hemingway heißt es nur „young men“, „they“, „them“.) Wird der deutsche Leser dadurch auf die richtige oder die falsche Spur geleitet? Aus dem Deutschen höre ich allenfalls Affektiertheit heraus. Die Übersetzung sagt mehr und zugleich weniger als das Original. Etwas weiter im Text sagt Brett über diese Männer, sie könne mit ihnen „in such safety“ trinken: Das heißt, wenn sie mit ihnen trinkt (und Brett trinkt eine Menge), kann sie sich ja sicher fühlen, von der Seite drohen keine Unannehmlichkeiten. Die deutsche Version: „... in der Clique heute abend kann man so in aller Ruhe trinken“.

Irgendwann hörte für mich der bad trip auf. Sicherlich hat der eingangs erwähnte Freudenspender dabei geholfen; aber die anderen Entdeckungen machten inzwischen auch Spaß. Hier steht „leichter Schwergewichtler“ anstatt Halbschwergewichtler; hier „Rente“ statt Unterhaltszahlung. Ein Footballspiel auf dem Lande? An out-of-town football game. Logisch: out of town muß wohl bedeuten „außerhalb der Stadt“, also auf dem Lande. Nur, daß es „außerhalb der eigenen Stadt“, das heißt „Auswärtsspiel“ bedeutet. Hier ärgert sich jemand über die Katholiken. „Es genügt, um einen zum Eintritt in eure Gesellschaft zu bewegen.“ Tatsächlich reicht es ihm, um etwas ganz anderem beizutreten, nämlich the Klan. Bei dieser Schreibweise kann nur der Ku Klux Klan gemeint sein. Jemand will wissen, ob Jake Barnes tatsächlich katholisch ist. „Der Technik nach“, antwortet er. Der Technik nach? Aber ich ahne schon, was im Original steht. Technically, technically speaking, das sind Floskeln, die mit Technik nichts zu tun haben. „Im Prinzip“ steht in meinem Wörterbuch, und das ist ein bißchen wie die alten Radio-Eriwan-Witze, denn als Barnes gefragt wird, was er mit technically meint, sagt er, „I don’t know“.

Das Buch ist eine Fundgrube. In Kapitel zwei hat der Auslandskorrespondent Barnes ein paar Reportagen an seine Redaktion abzuschicken. Er sitzt in seinem Büro in Paris und arbeitet daran. Aber nicht nur er. „Der Chefredakteur, der Herausgeber und ich arbeiteten angestrengt zwei Stunden lang...“ Moment, was machen der Chefredakteur und der Herausgeber im Pariser Büro ihres Auslandskorrespondenten? Und wieso arbeiten alle drei an Barnes’ Depeschen? Ich schaue nach und finde: [Robert Cohn] „read the papers, and the Editor and Publisher and I worked hard for two hours“. Editor and Publisher ist der Name des amerikanischen Fachblattes für Journalisten. Am Schrifttyp merkt man, daß hier das Blatt gemeint ist.

Kapitel elf, ein Stierkampf. Der Stierkämpfer heißt Romero. „Er profilierte vor dem Stier, zog den Degen aus den Falten der muleta und visierte mit der Klinge. Der Stier beobachtete ihn.“ Im nächsten Moment wird der Stier angreifen. Aus welcher Entfernung wissen wir nicht. Sicher ist nur: Die gibt es, die Entfernung, sonst kann der Stier nicht angreifen. Weiter im deutschen Text: „Der Stier beobachtete ihn. Romero sprach mit dem Tier und berührte seinen Huf. Der Stier griff an...“ Halt, ist er denn zum Stier hingelaufen, um den Huf zu berühren? Dieselbe Stelle in englisch: „Romero spoke to the bull and tapped one of his feet.“ Wessen Fuß – das ist wohl jedem klar, der sich den Ablauf vergegenwärtigt.

III.

Hemingway bekam den Nobelpreis im Jahre 1954. Reicht die Zeit bis zum vierzigsten Jahrestag in diesem Jahr, um eine deutsche Neufassung von „Fiesta“ herauszubringen? Sollte man es nicht versuchen?

Aber im Verlagswesen sieht die Sache „an und für sich“ wohl ganz anders aus: „Was machen wir, wenn es bei den anderen Romanen Hemingways genauso ist? Worauf lassen wir uns da ein? Wegen dieser Kleinigkeiten eine Neuauflage?“

Worauf man sich einläßt – das wäre der echte Hemingway, nicht mehr und nicht weniger. Was „Kleinigkeiten“ angeht – erstens: Die Gesamtzahl dürfte beträchtlich sein. Ich habe nicht alle meiner Entdeckungen aufgelistet, und meine Liste ist bestimmt unvollständig. Zweitens: Bei Hemingways handwerklichem Können (und darum geht es, nicht um literarischen Denkmalschutz) hat auch der Einzelfall Gewicht. Drittens: Handelt es sich wirklich um Kleinigkeiten, wenn der Stil der Übersetzerin dem Stil Hemingways genau entgegenwirkt? Die Übersetzung ist nicht nur fehlerhaft; offensichtlich ist sie schlecht mit System. Vielleicht stimmt es, wie Johannes Gross neulich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb, daß die wahren Klassiker ihre stümperhaften Übersetzer überleben. Aber wie sie überleben – das kann doch nicht egal sein.

Um den Freudenspender, falls er tatsächlich verschwindet, wird es mir ein wenig leid tun. Aber er spendet schon sehr, sehr lange – Freude oder Heiterkeit oder wahrscheinlich nur Ratlosigkeit. Es ist Zeit, ihn abzustellen.