Die Zukunft der russischen Enklave Nordostpreußen bleibt auch auf der politischen Tagesordnung. Da tut Rückbesinnung not. Auf einzigartige Weise, in einer Mischung aus poesievoller Erinnerung und detailgenauen Sachberichten hat Dora Ferle-Skopp ein Stück Alltagsgeschichte aus dem Königsberg der Jahre 1926 bis 1945 geschrieben. Sie hatte den Vorzug, in einer mittelständischen Familie aufzuwachsen, die trotz der Wirtschaftskrise gegen den Nationalsozialismus immun blieb, aber nicht gefeit gegen den Untergang: die Eltern ausgebombt, der Bruder gefallen, der Bräutigam schwer verwundet, die Autorin in Lebensgefahr als Junglehrerin in frontnaher polnischer Provinz, am Ende die Vertreibung. Nostalgie ohne Wehleidigkeit. Der Titel ist doppelbödig: Honigbrücke, so einen Namen gibt es nur in Ostpreußen! Die Erzählerin aber erinnert sich jenes Tages, als nahe der Brücke die ausgebrannte Synagoge gesprengt wurde. Seitdem ist sie dort den „gezeichneten Sternenkindern“ nicht mehr begegnet... Karl-Heinz Janßen