Lange hielt es der junge Schriftsteller, der einmal Weltruhm erlangen sollte, nicht in Galtür aus. Zwei Bier, ein warmes Mittagessen im Gasthof „Löwen“. Dann schnallten sich Ernest Hemingway und sein Begleiter wieder die Felle unter die Bretter. Trotz seines wenig schmeichelhaften Urteils über die Galtürer – „diese Bauern sind Viecher“ – wirbt der kleine Ort am Ende des Paznauntales bis heute mit seinem berühmtesten Besucher. Fand Galtür doch durch die Erwähnung in Hemingways Kurzgeschichte „Ein Gebirgsidyll“ Eingang in die Weltliteratur. Der spätere Nobelpreisträger beschrieb darin den merkwürdigen Brauch der Bergbauern, ihre während des Winters verblichenen Angehörigen steifgefroren im Schuppen zwischenzulagern.

Vom harten Los der Bergbauern, ihren Wohn- und Arbeitsbedingungen zeugt heute nur noch das Paznauner Bauernmuseum im nahe gelegenen Mathon. Galtür, der auf 1600 Metern höchstgelegene Ort der Silvretta, verkaufte sich bisher als gemütliche, preiswertere Gegenwelt zum Remmidemmi des zehn Kilometer entfernten Ischgl: überschaubare vierzig, mit Schlepp- und Sesselliften erschlossene Pistenkilometer. Keine Expansionspläne. Fünfundvierzig Kilometer bis in den April hinein schneesichere Langlaufloipen. Traditionelles Faßdaubenrennen anstatt Après-Ski-Rallye.

Aber auch Galtür, dessen Geschichte zu Beginn des 14. Jahrhunderts als Siedlung verstreuter Walsergehöfte begann; ist inzwischen auf Gedeih und Verderb vom Tourismus abhängig – die 700 Einheimischen leben recht gut davon. Die Viehhaltung – Landwirtschaft ist auf den kargen Berghängen nicht möglich – kann hier schon lange niemanden mehr ernähren. Ohne den Tourismus wäre das hintere Ende des Paznauntales wahrscheinlich längst entvölkert. An der explosionsartigen Vermehrung der Betten in den vergangenen Jahrzehnten hat der Tourismusaufschwung im zwanzig Autominuten entfernten Skizirkus entscheidenden Anteil. Weil Ischgl lange zu klein war, um alle Urlauber aufzunehmen, wichen sie in die Nachbarorte Kappl, See, Mathon und auch nach Galtür aus. Hotels und Pensionen, vor allem aber Ferienwohnungen wurden errichtet.

Das Problem: Galtür dient vielen Gästen hauptsächlich als Schlafstatt. Sie nutzen die Betten, aber ein großer Rest ihres Urlaubsbudgets fließt in die Kassen der Ischgler Liftbetreiber, Bergrestaurants und Après-Ski-Lokale – zum Leidwesen der Galtürer. Den Vorteil haben die Dorfgäste, die auf den Pisten Galtürs bleiben: Sie müssen an den Liften selten warten. Außer an jenen rund zehn Tagen im Winter, wenn in Ischgl die Gondeln wegen Sturm stillstehen. Dann ergießt sich eine Skifahrerlawine über den kleinen Ort am Ende des Tals.

Die Galtürer versuchen zu erreichen, daß künftig weniger ihrer Gäste den Silvretta-Skipaß kaufen, mit dem sie vor allem in Ischgl auf die Piste gehen. Sie wissen, daß sie ihre eigene Nische in den Regalen des touristischen Supermarktes Alpen finden müssen. Gerhard Walter, Geschäftsführer des Verkehrsverbandes: „Sonst sind wir auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal des Nachbarortes verbunden.“

Ein Beispiel dafür, wie Identität erhalten und zeitgemäß weiterentwickelt werden kann, zeigt der Gasthof „Rössle“, ein Viersternehaus im Ortszentrum. Mit Stilgefühl und Liebe am Detail schafft Wirtin Brigitte Türtscher für ihre Gäste eine Atmosphäre, die sich von vielen im gleichförmigen Tirolerstil erbauten Häusern wohltuend unterscheidet. Der Lohn dafür: Neun von zehn Wintergästen sind dem „Rössle“ seit Jahren treu.

Doch nicht alle Gastgeber kümmern sich mit so viel Engagement um das Wohl ihrer Gäste. Vor allem der Bauboom bei den Ferienwohnungen habe dem Ort, so Hotelchef Reinhard Türtscher, gleichzeitig Tourismusobmann, kaum genützt. Die Einheimischen glaubten, mit wenig Arbeit schnelles Geld verdienen zu können. Weil Apartmenturlauber weniger ausgeben als Hotelgäste und die Bauten auch dem Ortsbild nicht zuträglich sind, gibt es dafür praktisch keine Baugenehmigungen mehr.