DIE ZWEI KULTUREN

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Erfinder der Soziologie darauf hingewiesen wurde, daß die Wirklichkeit sich weigere, seinen Theorien zu folgen, antwortete Auguste Comte: „Wenn ein Ereignis mir widerspricht, leidet darunter meine soziologische Eitelkeit mitnichten; vielmehr mache ich mich sogleich daran, eine neue Hypothese zu formulieren ...“ Die Soziologie ist ein junges, aber traditionsbewußtes Fach: Nicht wenige ihrer Vertreter verhalten sich noch heute wie ihr Gründungsvater.

So packte nach der Wende viele Sozialwissenschaftler der Laborenthusiasmus: Die Vereinigung der beiden so unterschiedlichen deutschen Gesellschaften biete unvergleichliche Chancen soziologischer Feldforschung vor Ort, und diese müsse man schnell und großzügig finanzieren. Abgesehen von der Geschmacklosigkeit, mit der hier in vielen Fällen ostdeutsche Kollegen wie Versuchskaninchen behandelt wurden – die Chuzpe war atemberaubend, mit der Fachleute, die nichts vorausgesehen hatten, diesen Mangel zum Motiv ihres Wunsches machten, nun erst recht gefördert zu werden. Nicht nur soziologisch, auch sozial leisteten dagegen die vielen Kollegen etwas, die schlicht ein Zimmer in den trostlosen Studentensilos von Halle-Neustadt und Leipzig bezogen und in den früheren ML-Fakultäten eine Sozialwissenschaft zu lehren begannen, die mit bescheidenem Anspruch, aber überzeugendem empirischen Rüstzeug an die Wirklichkeit heranführte.

Jetzt mehren sich die Anzeichen, daß die Sozialwissenschaften bescheidener und selbstkritischer werden: Diese sozialanthropologische Wende hat Karl Popper bereits vor Jahrzehnten vorausgesagt. Die Sozialanthropologie der Industriegesellschaften schärft den Blick dafür, daß trotz einer weltweiten Angleichung der Zivilisationen entscheidende kulturelle Differenzen zwischen ihnen nicht nur weiterbestehen, sondern sich zum Teil noch verschärfen.

Die Sozialanthropologie ist im Kern komparativ orientiert; sie betont dabei eine ganzheitliche Sichtweise, in der religiöse, politische und wirtschaftliche Aspekte der untersuchten Gegenstände nicht voneinander getrennt werden. Auf der einen Seite analysiert die Sozialanthropologie, wie durch die Ausbreitung der Marktwirtschaft, durch Verstädterung und Industrialisierung die „exotischen“ ruralen Gesellschaften sich den Industriegesellschaften angleichen; auf der anderen Seite entdeckt die Sozialanthropologie im Herzen der Industriegesellschaften selbst Gemeinschaften, die sich zumindest formal mit Untersuchungseinheiten in „primitiven“ Gesellschaften vergleichen lassen. Die Sozialanthropologie verfremdet die Industriegesellschaften, gleichzeitig entexotisiert sie die „Primitiven“. Die Methoden solcher Forschung sind weitgehend der Ethnologie entlehnt: Der genauen Beobachtung und sorgfältigen Beschreibung sozialer Wirklichkeiten kommt der Vorrang zu, die Theoriebildung erfolgt eher vorsichtig, die Prognoseansprüche sind bescheiden, praktische Konsequenzen – etwa im Bereich der Migration oder der fortschreitenden Ghettoisierung der Großstädte – lassen sich durchaus ziehen.

Eine anthropologische Wende der Sozialwissenschaften zu fördern wäre in Deutschland besonders wichtig. Mittel- und langfristig sollte sie zu entscheidenden Aufmerksamkeitsverlagerungen und neuen Prioritätensetzungen nicht nur in vielen Universitätsfächern, sondern auch in der öffentlichen Debatte führen. In Berlin studieren Tausende von Studenten Fächer wie Soziologie, Psychologie, Politologie und Erziehungswissenschaften – bestenfalls Dutzende sind es in Fächern wie Indologie und Iranistik, Hunderte in Japanologie und Sinologie. Uns fehlt das Wissen in Bereichen, die über unsere Zukunft entscheiden werden – während wir zugleich Massenfächer überalimentieren. für deren Absolventen es keinen Bedarf und für deren Expertise es kaum Verwendung gibt.

Dabei ahnen wir beispielsweise, wie sehr das künftige Schicksal der Welt davon abhängen wird, daß es zwischen islamischen und christlich geprägten Kulturen (ich weiß, wie prekär hier jedes Adjektiv ist) zu einem wirklich ernstgemeinten geistigen Dialog kommt, der sich von Beweggründen politischer Opportunität freimacht. Wo aber zeichnen sich in Deutschland Bestrebungen ab, für einen solchen Dialog, der lange dauern wird, bis er Wirkungen zeitigt, die institutionellen Voraussetzungen und die intellektuellen Anreize zu schaffen?