Von Soziologen und toten MäusenMickeys Ende

Mickey war gestorben, die Maus, die sich einige Ingenieure des Flughafens von Manchester als Maskottchen gehalten hatten. Sie kamen überein, das tote Tier in der Flughafenhalle beizusetzen. Doch die Zeremonie wurde von heranstürmenden Polizisten gestört: Im Sicherheitsraum hatte man per Video beobachtet, daß irgendwelche Leute einen Kasten zu verstecken trachteten; die Wächter dachten „Bombe“ und lösten Sicherheitsalarm aus.

Das meldeten die Nachrichtenagenturen am 12. Januar. Und nun bitte anschnallen, wir heben ab in die Sphären der Wissenschaft:

Anzeige

‚,a) In erster Linie hängt die Verbreitung ritueller Bewältigungsformen offenbar unmittelbar mit dem Ausmaß der lebensweltlichen, vorwiegend familialen Semipersonalisierung des Heimtieres zusammen...“ Halt, halt! So mögen es vielleicht die Abonnenten des Soziologenblatts Soziale Welt (Ausgabe 2/1993, S. 199-223) gern lesen, aber an diesem öffentlichen Ort sei der Gedanke einfacher ausgedrückt.

Nämlich: Mäuse und andere Heimtiere zählen mittlerweile in vielen Familien beinahe zu den Mitgliedern, weshalb ihnen ein Recht auf Begräbnis zugestanden wird.

Kommen wir zu Punkt b) des Aufsatzes „Neuer Totemismus? Überlegungen zur Genese und Semantik moderner Tierbestattung“, den wir, um dem Leser eine Denksportaufgabe zu geben, unübersetzt wiedergeben:

‚,b) Zum anderen ist die Verbreitung ritueller Bewältigungsformen des Heimtiertodes wohl nicht unabhängig von der relativen Seltenheit von Todeserfahrungen, für die eine direkte Konfrontation oder eine existenzielle Betroffenheit – wie beim Tod von nahestehenden, unersetzlichen Mitmenschen – typisch ist. Die Seltenheit dieser mitmenschlichen Todeserfahrung begünstigt eine zunehmende Unvertrautheit mit Techniken, die solche existenziell gravierenden Verluste bewältigen helfen. Dieses generelle Defizit an Bewältigungskompetenz erweist sich nun gerade beim Ableben eines nahestehenden Heimtieres als dysfunktional, d.h. es tritt bei Heimtierbesitzern ceteris paribus häufiger der Fall ein, daß diese Kompetenzen nachgefragt werden...“ – ist ja gut.

Also: Die Familien werden kleiner, der Tod findet häufiger im Krankenhaus statt, alles in allem wird er weniger oft miterlebt. Ausgerechnet die neuen Quasi-Familienmitglieder aber haben eine kurze Lebensspanne; ein Mäusefreund muß alle paar Jahre Trauerarbeit leisten.

Service