Von Dieter Oberndörfer

Deutscher Nationalismus dringt wieder in alle Bereiche der Politik, des öffentlichen Lebens und in die Medien vor. Dafür gibt es viele Ursachen, besonders Wiedervereinigung und Wirtschaftskrise. Ideologischen Brennstoff erhält er jedoch heute vor allem durch die Ausländerthematik und den europäischen Einigungsprozeß. Ideologisch ist dieser deutsche Nationalismus überhaupt nicht neu. Er stammt aus der Romantik des 19. Jahrhunderts. Sein Kern ist „völkisch“: Die Nation ist eine Abstammungsgemeinschaft. Man wird als Deutscher geboren. Wer nicht von Deutschen abstammt, kann kein Deutscher werden. Menschen fremder Herkunft stören. Sie gefährden die Einheit der völkischen Nation. Diese hat eine Nationalkultur, die inhaltlich definiert und von fremden Kulturen abgegrenzt wird. Die aus gemeinsamer Abstammung gewachsene kulturelle Identität ist Sinnerfüllung und Endbahnhof der Geschichte. Sie muß vor Fremdem geschützt werden.

Für den völkischen Nationalismus kann es keine Vielvölkerstaaten geben. Multiethnizität und Multikulturalismus sind Völkermischmasch und Kulturbrei, folglich abzulehnen. Übernationale Zusammenschlüsse gefährden die Rechtsordnung des Nationalstaats, die Schutzburg nationaler Identität, da sie die „gewachsene“ Vielfalt der Völker und Kulturen einstampfen und einebnen.

Der völkische Nationalismus hat, außer in Deutschland, nur in Ost- und Südosteuropa fruchtbaren Boden gefunden. Hier hat man schon im vorigen Jahrhundert die völkische Selbstbestimmung der republikanischen Freiheit vorgezogen. In dieser Weltgegend, in der sich noch mehr als anderswo die Völker gemischt haben, verkünden die Ideologen des völkischen Nationalstaats die Reinheit gemeinsamer Abstammung. Historiker, Philologen und Literaten konstruierten Nationalkulturen und leugnen dabei, daß nur wenig davon auf eigenem Mist gewachsen ist.

Der Rest der Welt, vor allem in den demokratischen Staaten des Westens, versteht Nation nicht völkisch, sondern republikanisch: als eine von den Staatsbürgern gewollte und auf ihre Zustimmung gegründete politische Ordnung zum Schutz ihrer Freiheit und Rechte. Man kann für sie optieren und sie auch verlassen. Sie kann ethnisch homogen sein, aber auch in einem Vielvölkerstaat gedeihen, wie die Vitalität der schweizerischen Nation zeigt. Kultur ist für sie keine statisch völkische Monokultur, sondern eine dynamische Schöpfung freier Bürger.

Die republikanische Nation leitet die Rechte ihrer Bürger nicht aus angeblichen nationalen Eigenschaften ab, sondern aus der Natur des Menschen. Dies tut auch das Grundgesetz: „Die Würde des Menschen (nicht des Deutschen) ist unantastbar.“ Der weltbürgerlich-universalen Ethik des modernen Verfassungsstaates gilt der besondere Haß der völkischen Nationalisten. Die Feinsinnigeren unter ihnen tun sie als belanglose Spinnerei ab, die Gröberen sehen in ihr das Werk „vaterlandsloser Gesellen“, die angeblich einen unitarischen Weltstaat ohne ethnisch-kulturelle Besonderheiten und staatliche Ordnungen anstreben.

Auch in dem Beitrag von Karl-Otto Hondrich (ZEIT Nr. 5/94), bisher als linker Sozialdemokrat bekannter Soziologe, finden sich die wesentlichen Grundmuster des deutschen völkischen Nationalismus in bilderbuchartiger Form. Hondrichs Aphorismen haben folgenden Kern: Die Gewalt gegen Ausländer hat ihre Ursachen primär in der Verletzung einer in Jahrhunderten gewachsenen „ethnisch-monokulturellen Identität“. Sie kann nicht durch Rechtsakte, durch Strafen oder moralische Appelle aus der Welt geschafft werden. Die „deutschen Ausländer“ (Italiener, Spanier, Türken et cetera) dürfen bleiben, da sie an all dem, „was die Bundesrepublik in einem halben Jahrhundert an Wohlstand, Friedlichkeit und Duldsamkeit – also an besonderer Kultur – hervorgebracht hat“, mitgewirkt haben. Weitere substantielle Zuwanderung aber muß verhindert werden.