Von Heinz-Günter Kemmer

Seit Heinz Kriwet an der Spitze des Thyssen-Konzerns steht, geht es mit dem Unternehmen bergab. Am 21. März 1991 – mitten im Geschäftsjahr – übernahm er von Dieter Spethmann das Ruder. Das Jahr schloß noch mit einem Gewinn vor Steuern von gut einer Milliarde Mark, die Anteilseigner kassierten je Aktie zehn Mark Gewinn. Für 1992/93 hingegen weist der Konzern einen Verlust von 864 Millionen Mark aus – die Aktionäre sehen keinen Pfennig.

Mit Kriwet hat das freilich nichts zu tun. Er hat lange mit Spethmann zusammen im Thyssen-Vorstand gesessen und keineswegs einen verderblichen Kurs eingeschlagen, seit er auf der Brücke steht. Er ist gegen den abgrundtiefen Fall der Stahltochter einfach machtlos. Seit 1990/91 – Thyssen bilanziert zum 30. September – hat sich das Stahlergebnis um 1,8 Milliarden Mark verschlechtert, aus gut 600 Millionen Mark Gewinn wurden fast 1,2 Milliarden Mark Verlust.

Doch hatte nicht Kriwet-Vorgänger Spethmann immer wieder gepredigt, Thyssen sei auf den Stahl nicht angewiesen, wenn es um die Dividendenzahlung gehe? Und hatte nicht der gesamte Thyssen-Vorstand – Kriwet eingeschlossen – beifällig genickt? „Irren muß erlaubt sein“, kommentiert Kriwet seine einstige Fehleinschätzung heute. Weder Spethmann noch seine Mitstreiter haben sich damals vorstellen können, daß der Ertrag beim Stahl dermaßen ins Bodenlose fallen könnte. Stahl galt bei Thyssen als einer von mehreren Geschäftszweigen. Zwar mit ausgeprägt zyklischem Konjunkturverlauf, für den Gesamtkonzern aber auf eine Größenordnung geschrumpft, von der keine Gefahr für das Unternehmen ausging.

Der schöne Traum ist zerplatzt. Die Thyssen-Manager haben erkennen müssen, daß das Schicksal des Unternehmens weit stärker von der Stahlkonjunktur abhängt, als sie vor wenigen Jahren noch geglaubt haben – so stark, daß sogar die Existenz des ganzen Unternehmens bedroht ist. Deshalb denkt Kriwet längst über eine Trennung vom Stahl nach. Der Stahl, dem der Konzern in der Vergangenheit alles zu verdanken habe, sei „trotzdem keine heilige Kuh“, so Kriwet jüngst. Im Klartext heißt das: Ehe Kriwet den gesamten Konzern gefährdet, kommt es zu einer Amputation. Der Grund dafür, laut Kriwet: Die Politik tue nichts oder doch zu wenig, um die Wettbewerbsverzerrungen durch Subventionen im Westen und Dumpingangebote aus dem Osten zu beseitigen.

Dem anderen großen Montankonzern an der Ruhr – der Fried. Krupp AG Hoesch-Krupp – geht es auch nicht besser. Da Krupp-Hoesch erst zum Jahresende bilanziert, liegen noch keine Zahlen für 1993 vor – der Verlust der Stahltochter dürfte bei im Vergleich zu Thyssen etwas niedrigerem Umsatz und niedrigerer Produktion von einer Milliarde Mark auch nicht weit entfernt sein. Und weil die übrigen Aktivitäten des durch die Fusion von Hoesch und Krupp entstandenen Konzerns mit ihren Erträgen nicht an die Töchter von Thyssen heranreichen, darf man den Konzernverlust wohl in einer Gegend von deutlich mehr als einer halben Milliarde Mark veranschlagen.

Ginge das so weiter, liefen die beiden Traditionsunternehmen Gefahr, schon bald den Gang zum Konkursrichter antreten zu müssen. Immerhin hat Thyssen im letzten Geschäftsjahr 1,6 Milliarden Mark neue Schulden gemacht, um das ambitiöse Investitionsprogramm finanzieren zu können. Der Eigenkapitalanteil an der Bilanzsumme ist dadurch beinahe im freien Fall von 22,1 auf nur noch 16,6 Prozent gesunken. Und wenn Krupp tatsächlich die Schulden abgebaut hat – wie der Aufsichtsvorsitzende, Manfred Lennings, stolz verkündete –, dann muß das weitgehend zu Lasten der Investitionen und damit der Zukunft des Unternehmens gegangen sein.