Von Robert B. Reich

In den vergangenen sechs Monaten haben amerikanische Firmen täglich über 2000 Arbeitsplätze gestrichen; die Quote liegt damit um dreißig Prozent höher als vor einem Jahr, als das Land noch mitten in der Rezession steckte. Aus der Sicht von Kapitalanlegern ist dieser Trend auf den ersten Blick sinnvoll. Wenn ein Unternehmen größere Einschnitte bei den Lohnkosten ankündigt, schnellen die Aktienkurse oft sogar bei solchen Unternehmen nach oben, die zuvor noch gar nicht richtig in Bedrängnis geraten waren. Die Metapher aus der Metzgersprache für moderne Betriebsführung scheint passend: Es ist an der Zeit, das Fett abzuschneiden, abzuspecken, schlanker und effizienter zu werden.

Begeisterung für das Verschlanken von Unternehmen zeigen vor allem große institutionelle Anleger, wie etwa die amerikanischen Pensionskassen, die in den Vorstandsetagen immer mehr an Einfluß gewinnen. Die Geschäftsführer dieser Pensionskassen haben rasch eine Erklärung parat, warum sie auf den Abbau von Arbeitsplätzen drängen, obwohl sie doch die Altersversorgung von eben jenen Arbeitern verwalten, deren Jobs bedroht sind. Langfristig nützt es allen, wenn Amerikas Unternehmen produktiver werden, so ähnlich mag wohl die Begründung lauten.

Aber könnte es sein, daß wir es dabei vielleicht übertreiben?

Eine Studie der Wyatt-Unternehmensberatung über 531 meist größere Untenehmen ergab kürzlich folgendes: Drei Viertel der Betriebe hatten Arbeitsplätze abgebaut, die meisten von ihnen klagten jedoch, daß dies nicht die erhofften Ergebnisse gebracht habe. In nur 46 Prozent der Unternehmen stiegen tatsächlich die Gewinne; 58 Prozent erwarteten zwar eine Steigerung der Produktivität, eingetreten ist sie nur bei 34 Prozent der Firmen; 61 Prozent erhofften sich eine Verbesserung ihres Kundendienstes, aber nur 33 Prozent glaubten, daß sie eine solche Verbesserung auch erreicht hätten. Und was noch viel aufschlußreicher ist: Innerhalb eines Jahres nach den Kürzungen hatten über die Hälfte der befragten Unternehmen viele der gestrichenen Stellen neu besetzt.

Die Ergebnisse der Wyatt-Befragung werden durch eine weitere Studie aus jüngster. Zeit noch erhärtet, Autor ist Kenneth De Meuse, ein Management-Professor an der Universität von Wisconsin. De Meuse zufolge deutet nichts darauf hin, daß Unternehmen ihre finanziellen Schwierigkeiten durch Entlassungen wesentlich entschärfen oder wenigstens aufhalten können. Nun kann es natürlich sein, daß diese Firmen schon vor dem Arbeitsplatzabbau Probleme hatten und ohne diesen noch viel schlimmer dran gewesen wären. Aber betrachtet man beide Studien gemeinsam, ergibt sich die Frage, ob das typische Anziehen der Aktienkurse unmittelbar nach der Ankündigung von Arbeitsplatzabbau weniger auf tatsächlichen Veränderungen basiert als auf der kollektiven Annahme der Aktionäre, andere Anleger würden ebenfalls positiv auf solche Nachrichten reagieren.

Vielleicht brauchen radikale Schnitte Zeit, bis sie Wirkung zeigen. Ich kenne keine verläßlichen Langzeitstudien über die Folgen von radikalem Arbeitsplatzabbau, doch es gibt guten Grund, sich um das Hier und Heute Sorgen zu machen. Was als erstes auf der Strecke bleibt, sind die Stimmung und Loyalität unter den Mitarbeitern, die ihren Job behalten. Obwohl so etwas nicht in den Bilanzen auftaucht, gehören ein gutes Betriebsklima und die Loyalität der Beschäftigten zu den wichtigsten Aktivposten eines Unternehmens. Streicht man die Zahl der Mitarbeiter zusammen, gefährdet man möglicherweise solche Aktivposten und büßt entscheidende Vorteile gegenüber Mitbewerbern ein, ohne daß so etwas in der Gewinnund-Verlust-Rechnung sichtbar wird.