Man muß nicht erst unter den Brücken oder in den Bahnhöfen der Großstädte suchen, um die Verlierer in dieser Gesellschaft zu finden. Immer mehr Menschen in Deutschland fallen unter die Armutsgrenze. Zwar steigt die Zahl der Besserverdienenden, doch zugleich wächst die soziale Not.

Die Armut hat inzwischen einen neuen Rekordstand erreicht. In Deutschland gelten rund 7,25 Millionen Menschen als arm – 4,64 Millionen im Westen und 2,6 Millionen im Osten. Vor allem unter großen Familien, Alleinerziehenden, Kranken, Behinderten und Ausländern wächst die soziale Not – so der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Paritätische Wohlfahrtsverband in ihrem ersten gesamtdeutschen Armutsbericht.

Nach dieser Bilanz hat sich Armut zu einem zentralen sozialpolitischen Pro- – blem entwickelt, das mit der Wiedervereinigung an zusätzlicher Brisanz gewonnen hat. Der sozialstaatliche Grundkonsens wird in Frage gestellt, seitdem es nicht mehr Zuwächse, sondern Substanz zu teilen gilt.

Immer häufiger landen kinderreiche Familien im sozialen Abseits, und zwar in beiden Teilen Deutschlands: Fast die Hälfte der ostdeutschen Familien mit mindestens drei Kindern gilt als einkommensarm; im Westen sind es 16,2 Prozent. Insbesondere Kinder und Jugendliche zählen zu den Verlierern der Einheit. Jedes fünfte Kind in Ostdeutschland lebt in Armut. Schlecht steht es auch um die Alleinerziehenden, von denen im Osten jeder Dritte unter die Armutsschwelle fällt – doppelt soviel wie im Westen.

Diese relative Armutsschwelle liegt nach einer Norm der Europäischen Union bei fünfzig Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens. 1992 lag dieses Minimum in den neuen Ländern bei 623 Mark, in den alten Ländern bei 854 Mark. Armut bedeutet aber nicht nur zuwenig Einkommen. Armut ist die Häufung von Notlagen: Arbeitslosigkeit als zentrale Ursache für Sozialhilfebedürftigkeit, mangelhafte Schul- und Berufsausbildung und fehlender oder unzureichender Wohnraum. In Westdeutschland sind Menschen ohne Schul- und Berufsabschluß vom Risiko der „kumulierten“ Armut besonders gefährdet. Am schlimmsten trifft es die Ausländer, die sich in Westdeutschland auf der untersten Sprosse der Wohlstandsleiter befinden.

Kritisch setzt sich der Armutsbericht mit der Sozialpolitik der Bundesregierung auseinander: „Der massive Abbau sozialpolitischer Leistungen könnte ein hochexplosives soziales Klima im vereinten Deutschland schaffen.“ Der Projektleiter dieser wissenschaftlichen Untersuchung, Professor Walter Hanesch aus Darmstadt, hofft, „daß die dargestellten Ergebnisse und Schlußfolgerungen einen Beitrag dazu leisten können, daß das vereinte Deutschland den Weg in eine gemeinsame und humanere Zukunft ohne Ausgrenzung und Verarmung findet“. smo