Der große Heizkörper ist eiskalt. „Da sehen Sie ...? Und es heißt noch immer, wir seien mit dem KGB verbunden.“ Stanislaw Schebrowskij sitzt mit gefütterter Winterjacke im tristen Hauptquartier der Liberaldemokratischen Partei Rußlands (LDPR): Krieg den Palästen aus einem Verwahrlosten Eckhaus der russischen Gründerzeit. Schebrowskij ist Wirtschaftsminister in Wladimir Schirinowskijs Schattenkabinett. Wie sein Führer, so ist auch der 51jährige Physiker davon überzeugt, spätestens im Herbst die Regierung zu übernehmen.

„Tschernomyrdin ist ein kluger Kopf, er wird viele richtige Entscheidungen treffen, aber nichts erreichen. Im Westen versteht man nicht, was in Rußland los ist, weil man sich stets nur für Gesetze im wirtschaftlichen Bereich interessiert. Die Lösung unserer heutigen ökonomischen Probleme liegt aber im politischen Bereich. Und das ist nicht mal eine neue Erkenntnis, wie die Nachkriegsgeschichte Deutschlands und Japans zeigt.“

Derzeit fühlen sich viele in Rußland freilich eher an die Vorkriegsgeschichte, an Weimar, erinnert. Georgij Arbatow, altgedienter Direktor des Moskauer Instituts für Amerika und Kanada, sieht den „Vorabend des Faschismus“ angebrochen. Für ihn zählen die Reformpolitiker Jegor Gajdar, Boris Fjodorow und Harvard-Professor Jeffrey Sachs mit ihren monetaristischen Experimenten zu den Wegbereitern dieser Entwicklung. Verelendung, nationale Demütigung und politische Fehler hätten dem Nationalisten und Fanatiker Schirinowskij zum Wahlerfolg verholfen.

In der Staatsduma, dem Unterhaus des neugewählten Parlaments, führt Schirinowskijs rechtsextreme Partei fünf Ausschüsse an – darunter auch den für Industrie, Energetik, Bau- und Transportwesen. Der Vorsitzende dieses – für Ministerpräsident Tschernomyrdins „selektive Industriepolitik“ entscheidenden – Ausschusses ist Wladimir Gussew. Er ist Chemiker von Beruf, war Betriebsdirektor und Parteisekretär in Saratow an der Wolga und stieg 1981 zum Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU auf. Zu Beginn der Perestrojka, 1986, wurde er gar Vizepräsident unter Gorbatschows Premier Nikolaj Ryschkow.

So wie Gussew haben mehrere Fachleute in der Führungsspitze der LDPR eine Karriere in der KPdSU hinter sich. Schirinowskij, der einst vergeblich einen Aufnahmeantrag bei der KP stellte, grenzt sich heute demonstrativ von den Kommunisten ab. Er versucht damit, antikommunistische Haltungen im In- und Ausland in Sympathien für seine Partei umzumünzen. Seine rechte Hand, Stanislaw Schebrowskij, folgt dieser Taktik.

Der frühere Lektor für naturwissenschaftliche Publikationen im kommunistischen Verlagshaus Mir – in dem Schirinowskij zu gleicher Zeit Justitiar war – meint heute, ein Studium der Nationalökonomie wäre eine ungünstige Voraussetzung für seinen jetzigen Posten gewesen. „Wenn sich jemand vierzig Jahre lang nur mit der sozialistischen Wirtschaft beschäftigt hat, dann kann er gar nicht mehr anders, als daran weiter zu glauben.“ Er selbst hingegen habe als junger Physikdozent in Algier – für derlei Auslandsaufenthalte mußte seinerzeit der KGB sein Placet geben – schon früh Anschluß an die notwendige westliche Literatur gefunden. Professor Leonid Abalkin dagegen zum Beispiel, Gorbatschows einstiger Wirtschaftsberater, der jetzt die ökonomischen Kurskorrekturen für Tschernomyrdin ausarbeiten hilft, habe es da viel schwerer. „Er kann nicht wirklich verstehen, was vor sich geht und was zu tun ist“, gibt sich Schebrowskij überzeugt.

Der neue Wirtschaftsminister Alexander Schochin – als Vertreter der jüngeren Generation wissenschaftlich und professionell immerhin ausgewiesen – steht auf Schirinowskijs und Schebrowskijs Abschußliste. Schochin will nach Gajdars Abgang die Wirtschaftsreformen mit anderen Mitteln fortführen – die LDPR-Führer dagegen denken nicht an Reformen. In ihrem Programm behaupten sie, mit Rußlands reichen materiellen und intellektuellen Ressourcen lasse sich die Wirtschaft in kürzester Zeit wieder auf die Beine stellen – ohne „Einflüsterung von außen“ und ohne „Knebel-Kredite“.