Manche Professoren sind sich ihrer Bedeutung voll bewußt. Werden sie dann noch auf einen wichtigen Posten gewählt, so sehen sie darin mehr eine persönliche Bestätigung und weniger ihre dienende Funktion. Dementsprechend suchen sie auch keine Diskussionen mehr mit anderen – sie wissen ja, was richtig ist.

Von Diskussionen hielt auch der bisherige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, der Zoologe Gerhard Neuweiler, wenig. Öffentlich bekannt geworden ist er vor allem in der vergangenen Woche, als er sich über den Undank der Welt und „die Kleinkariertheit der Wissenschaftsorganisationen“ beklagte. Das Großkarierte an ihm war, daß er zum Dialog mit anderen Wissenschaftsorganisationen kaum zur Verfügung stand. Er glaubte mehr an die Durchschlagskraft verbaler Rundumschläge. Nun wird ihn der Wissenschaftsrat künftig entbehren müssen.

Sachbezogene Auseinandersetzungen zwischen dem Rat und anderen Wissenschaftsorganisationen hat es immer wieder gegeben. Damit mußte jeder Vorsitzende fertig werden, und keiner nahm es persönlich. Er bekleidet ein Ehrenamt, und zum Gotteslohn gehört die „brüderliche Härte“ der anderen. Dispute mit dem Präsidenten der Rektorenkonferenz wegen der Studienreform oder Auseinandersetzungen mit dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der vom Wissenschaftsrat geforderte Sonderforschungsbereiche vehement ablehnte, das war Alltag.

Doch alle Beteiligten redeten miteinander, auch wenn der Wissenschaftsrat schließlich unabhängig empfehlen konnte. Diese komplizierte Institution besteht aus zwei Kommissionen. Der wissenschaftlichen Kommission gehören auch Repräsentanten aus dem öffentlichen Leben an. Gemeinsam mit ihnen müssen sich die Wissenschaftler zuerst zusammenraufen. In der Verwaltungskommission sitzen die Vertreter der Länder und des Bundes. Nur mit Zweidrittelmehrheit kann das gesamte Gremium eine Empfehlung verabschieden. Dies verlangt oft schwierige, nicht immer sachdienliche Kompromisse. Der Vorsitzende hat sie zu verantworten. Dafür wurde er nie beneidet, aber stets respektiert.

Eine Sternstunde erlebte der Wissenschaftsrat mit der Evaluierung der Hochschulen und der Forschung in den neuen Bundesländern. Hierfür gebührt vor allem seinem damaligen Vorsitzenden Dieter Simon Dank, einem streitlustigen und temperamentvollen Vorsitzenden. Die anderen Wissenschaftsorganisationen, die ihn nominiert hatten, waren keineswegs immer mit ihm einig und hatten manches von ihm zu ertragen. Neuweiler war sein Nachfolger. Auch das war sein Problem.

Nun klagt er, daß er nicht wieder für den Wissenschaftsrat nominiert wurde, nachdem seine zweite Amtsperiode abgelaufen war – obwohl dies die Regel ist. Vielmehr sei sein Abgang „überfallartig inszeniert“ worden. Als wäre nicht ausführlich darüber geredet worden, ob Neuweiler entgegen der Regel Vorsitzender bleiben könne.

Und wenn es keinen Grund gab, die bestehenden Regeln zu durchbrechen? Gewiß, es gab Kontroversen um die Institute der Blauen Liste, auch andere noch anstehende Empfehlungen waren umstritten. Die Vorschläge zur Abschaffung der Habilitation und zur Reform der Assistenzprofessuren sind ohnehin alte Hüte, die schon in den Empfehlungen des Rates aus dem Jahre 1970 zu finden sind. Deswegen wurde noch kein Vorsitzender geköpft.

Wer jedoch seine Person über die ihn tragenden Institutionen stellt und in Kauf nimmt, daß sie Schaden leiden, der sollte keine unüblichen Treuebekundungen erwarten. Reimar Lust