Von Fredy Gsteiger

Jerusalem

Das israelische Außenministerium ist ein Ort ohne Pomp und Visionen. Für kaum ein Land der Welt ist Außenpolitik so wichtig wie für den jüdischen Staat. Doch keines inszeniert sie so bescheiden. Ein Militärlager aus britischen Besatzungszeiten am Stadtrand von Jerusalem dient als Nervenzentrum. Nur in der „Chefbaracke“, wo Schimon Peres residiert, gibt es – und auch das erst seit kurzem – ein Empfangstischchen und halbwegs elegante Glastüren.

Der Eindruck des Provisoriums wird zur Zeit noch verstärkt durch die überall herumstehenden Bananenkisten, randvoll mit Dokumenten. Denn, darin wenigstens hinterläßt der nahöstliche Wind des Wandels seine Spuren: Die Behörde wird gerade gehörig umgekrempelt. „Überall knirschen die sich öffnenden unteren Schreibtischschubladen“, beschreibt es ein einheimischer Journalist, „und hervorgeklaubt werden angestaubte Pläne und Projekte, die seit Jahren davon künden, was man denn machen könnte, wenn dereinst Frieden herrschte.“ Gleichzeitig setzen die bisher üblichen Szenarien für den „schlimmstmöglichen Fall“ nun langsam Patina an.

Hausherr Peres ist selten anwesend. Am vergangenen Wochenende betrat er im schweizerischen Davos die Bühne – einträchtig Händchen haltend mit PLO-Chef Arafat. Sie hätten „gemeinsam den Zauberberg bestiegen“, die Einigung über die letzten Streitpunkte beim Gaza-Jericho-Abkommen sei nun greifbar nah, verkündete er. Zu Hause in seinem Ministerium wird seit Wochen schon die Normalität inszeniert.

Bereits ein paar Minuten Wartezeit vor dem Büro von Uri Savir, Israels oberstem Diplomaten und Chefunterhändler im geheimen Friedensprozeß von Oslo, sind aufschlußreich. Politiker, Diplomaten und Geschäftsleute aus aller Herren Länder, von Chile bis China, von Marokko bis Moldawien, drücken sich die Klinke in die Hand. Jüngst waren honorige Herren da, aus jenem Land, das nunmehr als 136. Staat diplomatische Beziehungen zu Israel aufgenommen hat, aus ... wie hieß es gleich – Uri Savir zögert einen Moment, aus Sao Tomé e Principe vor der Küste Westafrikas, genau!

Noch vor kurzem wäre selbst eine solche bescheidene Neuigkeit landesweit als großes Ereignis gefeiert worden. Das Land, das jahrelang von vielen Regierungen der Welt in eine Pariarolle gedrängt wurde, lechzte nach internationalen Kontakten. Binnen weniger Monate hat sich jetzt manches verändert. Im vergangenen Herbst weilte Regierungschef Jitzhak Rabin gleich eine Woche lang in China, einem Land, das sich bis Januar 1992 standhaft weigerte, Israel voll anzuerkennen. Auf dem Rückflug legte er – als sei das selbstverständlich – kurze Zwischenstopps in Indonesien, dem einwohnerreichsten muslimischen Land der Welt, in Singapur und in Kenia ein.