ZEIT: Hat Sie die Giftbeutel-Katastrophe in der Nordsee überrascht?

Vahrenholt: Nein. Überrascht hat mich vielmehr die Aufregung darüber. Über die Flüsse und die Luft werden jährlich Zigtausende Tonnen toxischer Chemikalien ins Meer getragen. Aber leider begreift die Öffentlichkeit meist nur die sichtbaren Gefahren, und deshalb richtet sich ihre Aufmerksamkeit besonders darauf. Diese einseitige Sichtweise macht eine zukunftsorientierte Umweltpolitik sehr schwierig.

Zeit: Helfen die jüngsten Beschlüsse der Verkehrsminister, solche Unfälle zu vermeiden?

Vahrenholt: Die Beschlüsse sind gut, doch ich bin skeptisch, daß sie auch umgesetzt werden. Trotz Algenpest, Robbensterbens und vieler Debatten über die Belastungen der Nordsee wollen die meisten Anrainer von verbesserter Kläranlagentechnik nichts mehr hören. Nach jeder Ölkatastrophe hatte man sich versprochen, energisch dagegen vorzugehen.

ZEIT: An der alltäglichen Verschmutzung der Nordsee ist die Chemieindustrie direkt oder indirekt beteiligt. Jetzt steht sie wieder am Pranger. Haben Sie als prominenter Kritiker und Koautor des Bestsellers „Seveso ist überall“ den Eindruck, die Chemiebosse hätten in den vergangenen zwanzig Jahren etwas gelernt?

Vahrenholt: Ich glaube schon. Deutlich sieht man dies übrigens an Ciba-Geigy, dem Hersteller der Pestizidbeutel. Dieser Konzern hat auf die Entwicklung ganzer Produktionslinien, etwa gentechnisch erzeugte herbizidresistente Pflanzen, verzichtet. Man kann die Chemie der siebziger Jahre nicht mehr mit der heutigen über einen Kamm scheren. Die meisten schwer abbaubaren, hochchlorierten Chemikalien sind vom Markt genommen und durch leicht abbaubare, weniger giftige Produkte ersetzt worden. Diese Lektion hat die Branche gelernt.

ZEIT: Viele Umweltschützer sehen in den angeschwemmten Beuteln ein Beispiel für besonders schlimmen Öko-Frevel: den Export gefährlicher, bei uns nicht zugelassener Pestizide.