DIE ZEIT: Herr Schäuble, ein Strategiepapier aus dem Adenauer-Haus beziffert das für die Union erreichbare Wählerpotential mit 37 Prozent. Sie selbst haben Ihrer Fraktion kürzlich eine eher düstere Bestandsaufnahme präsentiert. Geben Sie die Bundestagswahl schon verloren?

Wolfgang Schäuble: Nein, überhaupt nicht! Das Papier, über das berichtet wird, kenne ich nicht. Ich weiß aber, daß nach Untersuchungen, die dem Generalsekretär Peter Hintze vorliegen, nicht nur 37, sondern etwa 45 Prozent der Wähler für uns erreichbar sind. Vor der Fraktion habe ich auf den derzeitigen Stand der Meinungsumfragen hingewiesen: Danach haben wir diese 45 Prozent in der Tat noch nicht erreicht.

ZEIT: Die Umfragen zeigen auch: Eine wachsende Zahl der Bürger rechnet mit einem Wahlsieg der Sozialdemokraten.

Schäuble: Das finde ich wichtiger als die aktuellen Antworten auf die sogenannte „Sonntagsfrage“: daß der Regierungswechsel in den Augen der Bürger als möglich gilt und mit keiner besonderen Besorgnis verbunden ist. Deshalb müssen wir uns in diesem Jahr eben besonders anstrengen. Wir geben die Wahl ganz und gar nicht verloren, im Gegenteil.

ZEIT: Wollen Sie den Mangel an Besorgnis vor einem Regierungswechsel durch einen Angstwahlkampf wettmachen? Nach der Münchner Strategiesitzung der Unionsführung war von Teilnehmern die Parole zu hören: „Wir oder Weimar!“

Schäuble: Es geht nicht um einen Angstwahlkampf, sondern darum, daß die Scharping-SPD der Auseinandersetzung mit uns ausweicht und so die Alternativen verwischt. Damit fördert sie den öffentlichen Eindruck, daß die großen Parteien sich im Grunde voneinander kaum unterscheiden. Um so mehr wundern sich die Bürger, daß trotzdem nichts vorankommt. Aufgrund der Taktik der SPD bleibt ihnen verborgen, daß die Sozialdemokraten eine Blockadepolitik betreiben. Daraus wiederum nährt sich das allgemeine Unbehagen an der Demokratie und ihren Institutionen. Deshalb ist es wichtig, daß die politischen Unterschiede zwischen den großen Parteien und die wahren Ursachen für das Ausbleiben von Entscheidungen – zum Beispiel die Blockade der Pflegeversicherung durch die SPD – wieder deutlich werden. Dafür werden wir sorgen.

ZEIT: Aber was heißt „Wir oder Weimar“? Droht Deutschland im Falle eines Machtwechsels politische Instabilität?