Von Hansjakob Stehle

Ein scheinbar knallharter Typ von Unternehmer hat eine seltsame Lieblingsbeschäftigung: „Mit weit offenen Augen träumen.“ Sie paßt aber durchaus zum politischen Showgeschäft eines Mannes, der mit der kalten Leidenschaft eines modernen Machers in drei Jahrzehnten vom kleinen Mailänder Baulöwen zum „Medienzar“ Italiens aufstieg. Silvio Berlusconi läuft seit vergangener Woche an der Spitze der populistischen Konkurrenten eines Wahlkampf-Wettlaufs, der am 27. März ein Parlament für eine erneuerte Republik hervorbringen soll. Der 56jährige, den der Leitartikler der römischen Repubblica als gackernden Buben (ragazzo coccode) verhöhnt, tritt wie ein messianischer Magier auf, der „das neue italienische Wunder – wie in den fünfziger und sechziger Jahren“ vollbringen will: „Zu Felde zieht jetzt das Italien, das arbeitet, gegen jenes, das nur schwatzt, das sparsame gegen das diebische, das Italien der Bürger gegen das der alten Parteien...“ So tönt der Cavaliere (seit 1977 staatlich ernannter „Ritter der Arbeit“) im Werbespot über alle Kanäle seiner vier landesweit zu empfangenden Fernsehsender. Das vornehme, verbindliche Lächeln verschwindet dabei kaum aus seinem Gesicht. Vorsorglich hat er verkündet, der sei „ein Geschäftsmann, der in die Politik geht, um im Geschäft zu bleiben“; vorschriftsmäßig hat er auch die Leitung seines mit 3,8 Milliarden Mark („nur“ ein Drittel der Umsatzsumme) verschuldeten Riesenkonzerns abgegeben: zu Händen seines treuen Freundes Fedele Confalonieri, der ihn schon in seiner Studentenzeit begleitet hat. Damals auch am Flügel, wenn Berlusconi mit der Gitarre um den Hals als Jazz-Musikant und Sänger auftrat.

„Er ist doch kein Politiker, er ist nämlich ehrlich“, sagt nun Confalonieri, der den Freund und Chef schon vor Wochen vergebens zu bremsen versuchte. Und auch jetzt noch wiederholt er: „Berlusconi ist ein großer Utopist. Kein Autor hat ihn so geprägt wie Thomas Morus...“ Und wirklich, die „Utopia“, die der englische Staatsphilosoph und heilige Märtyrer 1516 publizierte, im gleichen Jahr wie Machiavelli seinen „Fürsten“, faszinierte schon den jungen Berlusconi.

Der Sohn eines unscheinbaren Mailänder Bankangestellten legte 1959, als 23jähriger, seine juristische Doktorarbeit vor über den „Vertrag für Werbe-Inserate“, doch rühmt er sich bis heute nur einer einzigen Publikation: eines Essays über eben jene „Utopia“, die Insel der Glückseligen, die zwischen Traum und harter Wirklichkeit schwimmt. Es ist die (Halb-?)Welt, in der Berlusconi, der rastlose Manager, in meist achtzehnstündigen Arbeitstagen sein Imperium baute. „Um Leute glücklich zu machen“ – und sich.

Es begann damit, daß er ohne eigenes Kapital, aber mit Kredit (in jedem Sinne) während der siebziger Jahre Satellitenstädte für Zehntausende baute: das „zweite“, dann das „dritte“ Mailand, etwas öde, aber fußgängerfreundlich und bald gespickt mit unterhaltsamen Antennen und Kabeln, versorgt mit eigenem Programm, dem Tele-Milano. Alles nur menschenfreundlicher Kommerz, so beteuert er, „denn draußen auf dem Land gibt es ja nichts, aber Frauen, Alte, Kranke, für die das Fernsehen alles ist“. In den achtziger Jahren kaufte Berlusconi dann Privatsender auf, deren Einschaltquoten nun oft die des Staatsfernsehens überflügeln. All dies flankiert von Beteiligungen an spanischen, französischen, kanadischen, deutschen Privatkanälen, an großen Verlagshäusern wie Mondadori, an werbeträchtigen Warenhäusern wie der Standa-Kette und schließlich verziert mit dem millionenschweren Fußballclub AC Milan, als dessen Präsident der Cavaliere sein volksverbundenes Image pflegt. „Steh auf und geh!“ sprach er zu einem kranken Star-Torschützen, als wäre er der biblische Jesus. Diesen hat Berlusconi, wie Meinungsforscher mitteilten, bereits an Beliebtheit überflügelt – bei Kindern unter vierzehn.

Und all das soll Sua Emittenza (wie Spötter den Sender-„Kardinal“ titulieren) geschafft haben, ohne je ins geschmierte Getriebe jener italienischen Politik zu geraten, in die er sich nun selbst begibt? Der Herr über 350 Firmen und 40 000 Arbeitnehmer ist bislang von der Flut der Korruptionsskandale unberührt geblieben. Daß sein Name – unter 961 anderen – auf der Mitgliederliste der düsteren Geheimloge P2 Anfang der achtziger Jahre auftauchte, berührte ihn nicht. Aus der Freundschaft zu seinem Schulkameraden Bettino Craxi, dem Sozialisten, der auch als Regierungschef nichts von Kartellgesetzgebung hielt, machte Berlusconi keinen Hehl. „Craxi hat mir in entscheidenden Augenblicken geholfen, und das kann ich ihm nicht vergessen“, gestand Berlusconi, als ihm der Publizist Giorgio Bocca vorhielt, dem korruptionsverdächtigen Politiker gratuliert zu haben, nachdem das alte Parlament die Aufhebung seiner Immunität verweigert hatte. Am 29. März, zwei Tage nach den Wahlen, wird Craxi doch vor Gericht stehen müssen.

Und Berlusconi vor der Machtergreifung? Wer nur in die Bildröhre guckt und aus der Zahl der Cavaliere-Kunden auf Wählerstimmen schließt, dürfte sich täuschen. Die etwa 5000 Fanclubs, die Berlusconis politische Bewegung namens Forza Italia bilden („mit Vollgas vorwärts“ heißt das), sind im Mailänder Computer des Chefs noch nicht einmal ganz erfaßt. Ob und wie daraus eine wirkliche Partei mit „neuen Gesichtern“ fürs neue Mehrheitswahlrecht wird, macht Berlusconi schon deshalb wenig Sorge, weil es auch die alten zerfallenen Großparteien schwerhaben, sich in nur zwei Monaten ein frisches, klares Profil zuzulegen. Ob und mit wem Forza Italia brauchbare Wahlbündnisse schließt, ist noch fraglich. Vielleicht mit der Lega Nord Umberto Bossis, der – eifersüchtig? – dem Cavaliere empfiehlt, sich eher als „Vermittler zwischen Nord und Süd“ denn als künftiger Regierungschef anzubieten. Und schon gar nicht als Stimmenfänger im Norden breitzumachen. „Sonst werden wir ihn lebendig zerfleischen“, brüllte Bossi, nachdem sein Stellvertreter am vergangenen Wochenende stundenlang mit Berlusconi verhandelt hatte. Der blieb gelassen: „Ein bißchen Folklore schadet nie.“